Dynavector 10XA
Das „10X“ von Dynavector ist ein echter Klassiker, den schon unsere Vorfahren zu schätzen wussten. In der aktuellen Inkarnation bekommt der Tonabnehmer das bereits bewährte Annealing-Verfahren seiner größeren Brüder spendiert und darf fortan ein „A“ im Namen führen.
Es war mal wieder einer dieser Tage. Man will eine Serie via Streaming-Anbieter ansehen, da meldet sich der kaum noch als Fernseher zu bezeichnende, als Flachbildschirm getarnte Computer und verlangt mal wieder nach einem Update. Und der Fernseher ist heutzutage nur eines von viel zu vielen digitalen Tamagotchis, die in jedem Haushalt um ständige Aufmerksamkeit buhlen. Da lobe ich mir doch den analogen Plattenspieler. Vorausgesetzt, sein Besitzer ist nicht von chronischer „Upgraditis“ geplagt, benötigt der nur alle Jubeljahre einen Öl-, Riemen- oder Tonabnehmerwechsel. Ganz zu schweigen davon, dass die eigentliche „Software“ – gemeint sind die Vinylschallplatten – in den letzten Jahrzehnten nie eine grundsätzliche Änderung erfahren hat, die die Anschaffung eines komplett neuen Abspielgeräts technisch notwendig gemacht hätte. So kann man aktuelle LPs genauso problemlos auf einem Methusalem von Plattenspieler abspielen wie umgekehrt legendäre Aufnahmen aus den 1950er Jahren auf einem aktuellen Spitzenlaufwerk. Gleichwohl wäre es verfehlt zu behaupten, dass es bezüglich der Wiedergabe analoger Schallplatten überhaupt keinen Fortschritt gegeben habe. Es waren aber eher kleine Veränderungen, die sich nach und nach durchgesetzt haben. Viele davon beruhen auf neueren Erkenntnissen in der Materialwissenschaft sowie Fortschritten bei deren genaueren Verarbeitung.

Das Dynavector 10X ist geradezu ein Paradebeispiel für diese Entwicklung. Geboren ist es gegen Ende der 1970er Jahre aus der Idee heraus, das Prinzip der bewegten Spule (Moving Coil, MC) auch für preisbewusste Kunden verfügbar zu machen. Zur Erinnerung: 1978 dominierten Moving-Magnet(MM)-Systeme den Markt, die aufgrund ihrer großen Induktivität leider sehr empfindlich auf die Anschlusskapazität der Phonovorverstärker reagieren. Insbesondere bei Verstärkern, die in Deutschland betrieben werden durften, waren nicht selten absurd große Werte zu finden. Man musste den damals geltenden gesetzlichen Vorgaben Genüge tun, was aber freilich den Klang mitunter massiv beeinträchtigte.

MCs und entsprechende Vorvorverstärker beziehungsweise passende Übertrager gab es natürlich auch damals schon, aber vor allem Letztere waren selten und kostspielig. So kam man auf die Idee, für die winzigen Spulen in den MCs dünnere Drähte zu verwenden. Das ermöglichte deutlich mehr Windungen, was sich in einer um den Faktor zehn höheren Ausgangsspannung gegenüber normalen MCs führte. Daher konnte man diese MCs an dem vorhandenen MM-Eingang betreiben, ohne einen zusätzlichen Vorvorverstärker oder Übertrager anschaffen zu müssen. Angenehmer Nebeneffekt: Diese High-Output-MCs reagieren unempfindlich auf große Eingangskapazitäten. Dynavector heimste für diese Innovation 1978 und 1981 den „Design and Engineering Award“ der Consumer Electronics Show (CES) ein. Gleichwohl hat es sich der Hersteller in den 47 Jahren, in denen das 10X auf dem Markt ist, nicht nehmen lassen, sein beliebtestes Tonabnehmersystem wiederholt zu überarbeiten. Features, die zuerst nur den kostspieligeren Tonabnehmern aus Tokio vorbehalten waren, kamen auch dem kleinsten Dynavector nach und nach zugute.

Freilich geschah das nie im wöchentlichen Rhythmus, wie man das von seinem digitalen Equipment mittlerweile gewohnt ist. Die meines Erachtens wichtigsten Neuerungen im Laufe der Zeit waren wohl die Einführung eines Shibata-III-Schliffs, einer Trägerplatte aus Metall mit Gewinden sowie einer Low-Output-Version. Auch das aktuelle DV 10XA kann weiterhin in einer H- und einer L-Variante erstanden werden. Für welche Version man sich entscheidet, hängt von den Bedingungen ab, unter denen es betrieben werden soll. Die H-Version liefert zwar genügend Spannung zum Betrieb an MM-Phonoeingängen. Aber es ist mit 2,8 Millivolt (1 kHz, 5 cm/s) im Vergleich zu aktuellen MM-Systemen, die oft bei ansonsten gleichen Bedingungen um die 5,0 Millivolt liefern, relativ leise. Dagegen stellt die mir zur Verfügung gestellte L-Version mit gesunden 0,5 Millivolt keine besonderen Herausforderungen auch für preiswertere MC-Phonoverstärker dar. Dabei gehört das 10XA-L mit 32 Ohm zu den hochohmigen MCs und sollte dementsprechend abgeschlossen werden.
Dynavector empfiehlt zwar den Betrieb ab 100 Ohm, mir erschien es aber bei 330 Ohm differenzierter und stimmiger. Offenbar findet die alte Faustregel, dass der Abschlusswiderstand mindestens zehnmal höher sein sollte als der Innenwiderstand, hier eine Bestätigung. Mit einer Nadelnachgiebigkeit von 12 µm/mN bei einem Systemgewicht von nur 7,5 Gramm empfiehlt es sich für den Betrieb in den weit verbreiteten mittelschweren bis schweren Tonarmen (10–20 g). Wie eingangs erwähnt, bekommt das 10X das im letzten Jahr von Dynavector initiierte „Annealing“ spendiert. Das ist ein Verfahren, in dem die Eisenteile des Magnetkreises durch Glühen homogenisiert werden und so den Magnetfeldlinien des Neodymmagneten genauer zu den Spulen leiten können. Dynavectors patentierte Innovationen wie Softened Magnetism und Flux Damper gehören dagegen schon seit langem auch beim „Einsteigermodell“ des japanischen Herstellers zum etablierten Standard.

„Einsteigermodell“ ist deshalb in Anführungszeichen gesetzt, weil das 10XA zwar das günstigste Modell von Dynavector ist, aber bezüglich seiner musikalischen Fähigkeiten weit über ein Einsteigerniveau hinausgeht. Ich selbst habe jahrelang mit dem Vorgänger DV 10X4 Mk II gehört, und wenn mich mein akustisches Gedächtnis nicht trügt, dann klingt die aktuelle 10XA-Version deutlich erwachsener und vollständiger als sein seliger Vorgänger. Ohne einen direkten Vergleich mit seinen größeren Brüdern kann man dem Dynavector 10XA kaum eine musikalische Verfehlung ankreiden. Im Gegenteil: Es macht verdammt viel richtig. Nehmen wir als erstes Beispiel Grace Jones mit „La Vie En Rose“. Neben der geforderten rhythmischen Präzision bringt es ihre mitunter etwas zur Aufdringlichkeit tendierende Stimme mit der gebührenden Präzision zu Gehör, ohne dabei zu übertreiben. Es macht einfach Spaß, mit dem Dynavector in 80er-Jahre-Platten zu stöbern und in Jugenderinnerungen zu schwelgen.
Man könnte nun anmerken, dass auch die älteren Inkarnationen des 10X ein besonders gutes Verhältnis zu Popmusik hatten. Aber wie sieht es mit Klassik und akustischen Instrumenten aus? Um das herauszufinden, kam eine Schallplatte zum Einsatz, die ich schon fast vergessen hatte: Igor Strawinskys Le sacre du printemps in der selten gespielten Klavierversion für vier Hände. Die Zwillinge Güher und Süher Pekinel haben sich 1984 mit einer Aufnahme bei der Deutschen Grammophon dieser Herausforderung gestellt.
Dem Dynavector gelingt die Wiedergabe feiner Nuancen, die für den Genuss dieser doch recht anspruchsvollen Musik unablässig sind, bemerkenswert gut. Nebenbei zeigt es auf, dass hin und wieder eine der beiden weltberühmten Pianistinnen ganz leise mitsummt. Dass man das überhaupt hören kann, liegt auch daran, dass die Nadel dank Shibata-III-Schliff auffallend nebengeräuscharm durch die Rillen gleitet.
Spaß und Präzision müssen sich nicht gegenseitig ausschließen, wie uns Robbie Williams mit Swing When You’re Winning beweist. Die etwas überpräsente Stimme des Engländers wird völlig korrekt vor den ihn begleitenden Orchestermusikern und Solisten dargestellt. Mit anderen Worten: Die räumliche Darstellung und auch die klangliche Neutralität bleibt stets gewahrt. Aber vor allem fällt bei diesem Musikbeispiel die enorme Lebendigkeit des Dynavectors auf, die weit über das durchschnittliche Maß hinausgeht und somit den ungeheuren Spaß vermittelt, den offenbar auch die begleitenden Musiker bei der Produktion dieser Aufnahme hatten.
So lasse ich mir Updates gefallen: Sie geschehen bei Dynavector nur alle Jubeljahre und dann auch nur, wenn es wirklich etwas zu verbessern gibt. Bis zum Erscheinen einer Mk-II-Version des DV 10XA werden deshalb wieder viele Jahre vergehen. Bis dahin kann man sich höchst vergnüglich mit der aktuellen Inkarnation dem Musikgenuss auf sehr, sehr hohem Niveau hingeben. Für mein Dafürhalten ist das Dynavector 10X nämlich auch in der neuesten A-Ausführung der heimliche Primus inter Pares in seiner Preisklasse.
Info
Tonabnehmer Dynavector 10XA
Konzept: Moving-Coil(MC)-Tonabnehmer
Besonderheiten: Magnetkreis mit geglühtem Polstück, Vorder- und Hinterjoch, Flux Damper, Softened Magnetism, Low- und High-Output-Versionen erhältlich
Nadelträger: gehärtetes Aluminium
Nadelschliff: Shibata III
Nadelnachgiebigkeit: 12 µm/mN (10 Hz)
Empfohlene Auflagekraft: 18–22 mN
Empfohlene effektive Tonarmmasse: mittel bis schwer (10–20 g)
Ausgangsspannung: Low Output 0,5 mV, High Output 2,8 mV (1 kHz, 5 cm/s)
Innenimpedanz: Low Output 32 Ω, High Output 150 Ω
Empfohlene Abschlussimpedanzen: Low Output > 100 Ω, High Output > 1000 Ω
Gewicht: 7,5 g
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: 750 € (im Austausch 650 €)
Kontakt
SWS-audio | Dynavector Deutschland
Telefon +49 7665 9413706
sws-mail@t-online.de






