Brand Brauer Frick

FIDELITY trifft Brandt Brauer Frick in ihrem Studio

Der nicht alltägliche Beat

FIDELITY trifft Brandt Brauer Frick in ihrem Studio

Der nicht alltägliche Beat

Fotografie: Dr. Roland Schmenner

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Seit zehn Jahren reüssiert das Trio „Brandt Brauer Frick“ als der musikalische Act, dem es gelingt, Technobeats mit Steve Reich, Dancefloor-Grooves mit Györgi Ligeti und elektronische Soundsignaturen mit Helmut Lachenmann zu kombinieren. Wahlweise als elektronische Kleinformation oder als semi-akustisches „Brandt Brauer Frick Ensemble“ in Kammerorchestergröße auftretend, gelingt es den Musikern, die Grenzen zwischen den Genres immer wieder zu verschieben. Ob London oder Lima, das Trio gilt längst als einer der ganz großen deutschen Musikexporte. Zum zehnjährigen Jubiläum und zur Veröffentlichung ihres neuen Albums Echo luden die Musiker gemeinsam mit ihrem Label im Juni zu einem Privatkonzert in ihr Berliner Hinterhofstudio ein, das sich den überaus sympathischen Charme eines Übungskellers bewahrt hat. Bereits einige Wochen zuvor hatte FIDELITY die Gelegenheit, Daniel Brandt, Jan Brauer und Paul Frick dort zu besuchen und sich ausführlich mit ihnen über Klangästhetik, Arbeitsweise und natürlich über das neue Album zu unterhalten.

Brand Brauer Frick

FIDELITY: Lasst uns doch zunächst über euer neues Album Echo sprechen. Mir ist aufgefallen, dass es schon recht „fett“ in seiner Soundsignatur daherkommt, was ich ausdrücklich positiv meine. Hinzu kommt eine ungeheure Dynamic Range, die sich angenehm von all den Kompressionen des Loudness War abhebt.

DANIEL BRANDT: Ja, dafür ist vor allem das analoge Equipment von Ash Workman verantwortlich, der den finalen Mix des Albums erstellt hat. Zudem hat er auch noch eine Spur mehr Hall auf die Tracks gelegt. Wir hatten die Musik ursprünglich wesentlich trockener gesehen und aufgefasst. Aber ich denke, wir haben da einen guten Kompromiss gefunden.

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JAN BRAUER: Ohnehin ist der Maschinenpark Ash Workmans äußerst spannend, da er tatsächlich mit originalen Geräten aus den 80ern arbeitet. Immer wenn wir die Mixes zurückbekamen, dachte ich, dass er besondere Plug-ins verwendet, die ich auch unbedingt haben wollte, bis ich registrierte, dass es eben originale Gerätschaften und keine digitalen Plug-ins sind.

PAUL FRICK: Man muss aber auch sagen, dass sich unsere grundsätzliche Idee von Dynamik über die Jahre verändert hat. Bei den ersten Alben hatten wir da das Augenmerk stärker auf der Mikrostruktur, auf einzelnen Attacks oder Loops und deren dynamischer Entfaltung, während wir nun eher auf die Makrostruktur des Tracks schauen, wodurch nochmal andere Entwicklungsverläufe entstehen und sich eben auch der Raum für andere Klangfarben ergibt.

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FIDELITY: Mir ist aufgefallen, dass vor allem ein Track wie Decades von diesem Dynamikumfang profitiert.

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JAN BRAUER: Ja, nicht nur profitiert – das Spiel mit der Dynamik, mit extrem langen Steigerungsphasen ist mithin sogar das Kompositionsprinzip des Tracks.

FIDELITY: Auffällig sind die kurzen Tracks „Chambers I–III“, die geradezu spooky klingen. Ein Klangaspekt, den ich so bei euch noch nicht gehört habe.

JAN BRAUER: Das soll auch so sein. Es sind Inseln, die aus dem Gesamtverlauf rausfallen, Ruheinseln quasi, auch wenn sie eher psychedelisch klingen. Sie sind auch experimenteller als das, was wir sonst auf dem Album eingespielt haben bzw. was wir vorher produziert haben.

PAUL FRICK: Häufig sind die drei kurzen Tracks auch zufällige Umarbeitungen bereits vorhandenen Materials. „Chambers I“ war ursprünglich ein treibender Track, bis wir feststellten, dass beim Muten der Bassdrum exakt diese Atmosphäre entsteht, die das Stück jetzt hat.

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JAN BRAUER: Und diese Nummern haben nochmal von dem analogen Mixing Ash Workmans extrem profitiert, weil erst damit die räumliche Dimension richtig zur Geltung kam.

Brand Brauer Frick

FIDELITY: Bei den beiden Tracks mit Gesang ist mir sofort die jeweilige Stimmfärbung der Sängerinnen aufgefallen, sodass der Gesang quasi als integraler Bestandteil des Tracks wirkt und nicht so, als würdet ihr die Sängerinnen lediglich begleiten. Hattet ihr die beiden Sängerinnen und deren Timbre schon vorab vor Augen?

JAN BRAUER: Ursprünglich wollte unser Label eine reine Instrumentalplatte produzieren, auch um sich von dem sehr vokal geprägten Vorgängeralbum abzusetzen. Dann aber entstand kurz vor Schluss doch die Idee, ein oder zwei Tracks mit Gesang hinzuzunehmen.

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DANIEL BRANDT: Bei Catherine Ringer war es dann so, dass uns das Label einige Sängerinnen vorschlug und wir von ihr sofort fasziniert waren. Das wurde dann eine regelrechte Fernproduktion, die ein wenig unter Zeitdruck stand, da die Endproduktion des Albums bereits avisiert war. Ich habe in Paris vor Ort mit Catherine Ringer gearbeitet, die Spuren wurden dann digital nach Berlin ins Studio transferiert, von Jan und Paul bearbeitet und dann wieder zurückgeschickt und von Catherine und mir gegengecheckt.

PAUL FRICK: Und die endgültige Abmischung haben wir dann noch am selben Abend hier im Studio produziert. Bei Friedberg, früher Anna F., war es so, dass wir sie schon lange kannten und eigentlich schon immer gerne mal mit ihr zusammenarbeiten wollten. Da sind wir froh, dass es bei Echo nun endlich geklappt hat.

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FIDELITY: Wie arbeitet ihr überhaupt zu dritt? Hat einer eine Idee, die anderen steigen ein? Es ist ja nicht das klassische Songwriting, das ihr betreibt. Und wie fixiert ihr diesen Prozess elektronisch?

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DANIEL BRANDT: Tatsächlich hat meist einer von uns eine musikalische Idee, über die wir an Tasteninstrumenten und Drums improvisieren und dann in der Regel daraus Loops bauen. Es gibt aber auch Momente, in denen wir die Arbeit aufteilen und gar nicht gemeinsam im Studio sitzen, sondern einer von uns bereits aufgenommene Loops oder größere Einheiten für sich bearbeitet und dieses Ergebnis dann reinreicht. Die akustischen Instrumente abstrahieren wir dann normalerweise aus den elektronisch produzierten Parts; erst ganz am Ende des Aufnahmeprozesses spielen wir sie hinzu.

JAN BRAUER: Seit es Ableton Live gibt, verfahren wir häufig auch so, dass zwei von uns improvisieren und der Dritte live dazu die Loops produziert, also eine konkrete Interaktion von Improvisation und Loopbuilding stattfindet.

PAUL FRICK: Es gibt aber auch Situationen, in denen wir ewig lange improvisieren und diesen kompletten Prozess aufnehmen, ohne dass es sofort einen konkreten Bedarf für das Material gibt. Meistens produzieren wir einen gewaltigen musikalischen Überschuss, auf den wir dann aber in Teilen an bestimmten Stellen der Albumkonzeption wieder zurückgreifen

DANIEL BRANDT: Mitunter kommt es auch vor, dass wir Tracks ineinanderschieben. Wir gehen häufig nicht so vor, dass wir sagen, so, jetzt entwickeln wir den B-Teil für diesen Track, sondern spontan entdecken, dass ein eigentlich ganz anders entstandener Track den perfekten B-Teil abgibt.

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FIDELITY: Nun sind die akustischen Parts nicht das gewöhnliche notentechnische Material, mit dem Instrumentalisten so zu tun haben. Habt ihr eine feste Musikercrew, die weiß, was auf sie zukommt?

JAN BRAUER: Ja, mittlerweile haben wir einen festen Stamm an Musikern, die mit uns zusammenarbeiten. Mittlerweile wissen die auch, was wir von ihnen wollen. Das hat auch den Vorteil, dass wir meist kein Notenmaterial produzieren müssen. Es gibt ja auch sonst eine Menge Orchestermusiker, die fangen erst an zu spielen, wenn man ihnen einen Satz Noten vorlegt. Bei unserem Musikerstamm ist es mittlerweile sogar so, dass diese selbst mit Ideen, abgefahrenen Sounds oder rhythmischen Vorschlägen kommen, die wir dann sehr gerne aufnehmen und integrieren. Unser Stammposaunist Florian Juncker ist sogar immer ganz happy, dass wir uns für seine spezielle Posaunentechnik interessieren, er spricht immer von 128 Farben, die er auf der Posaune erzeugen kann, ein Potenzial, das wir gerne nutzen.

FIDELITY: Gab oder gibt es die Idee, einmal komplett für ein anderes Ensemble etwas zu komponieren, ohne dass ihr mit auf der Bühne steht?

PAUL FRICK: Ja, es gibt da schon seit einiger Zeit die Idee und die Möglichkeit, für das Ensemble Modern ein spezielles Programm zu schreiben, aber bislang hat sich dies aus verschiedenen Gründen noch nicht realisieren lassen. Im Gegensatz zu unserem Opernprojekt wären wir dann tatsächlich nicht mit auf der Bühne.

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FIDELITY: Daniel und Paul, ihr hattet in den letzten zwei Jahren Soloprojekte inklusive Albumveröffentlichungen am Start. Wie ist das, sind da Ideen aus diesen Projekten auch bei dem neuen Album eingeflossen

DANIEL BRANDT: Nein, eher im Gegenteil. Man konnte bei den Soloprojekten das verwirklichen, was bei Brandt Brauer Frick eigentlich nicht so passt, aber man vielleicht immer mal wieder versucht hat, unbewusst hineinzudrängen. Insofern ist das nun abgegessen, und das neue Album konnte zu einem Back-to-the-Roots-Projekt werden.

PAUL FRICK: Bei mir ist es ganz ähnlich. Und man hat bei den Soloprojekten ja auch gesehen, dass wir individuell schon unterschiedlich ticken, gleichzeitig hat es uns aber vor Augen geführt, was der eigentliche Kern unserer gemeinsamen Arbeit ist.

FIDELITY: Dann gratulieren wir von der FIDELITY nochmals zu einem wahrlich gelungenen Album, wünschen euch viel Erfolg für die bevorstehende Tour und danken für das ausführliche Gespräch hier in eurem Studio.

 

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