Louis Sclavis – Napoli’s Walls
Jazz ist unübersichtliches Gelände – leicht kann man da Bedeutendes übersehen. Hans-Jürgen Schaal präsentiert unbesungene Höhepunkte der Jazzgeschichte.
Bevor Banksy kam, gab es schon Ernest Pignon-Ernest. Dieser Maler aus Nizza platzierte seine Kunstwerke ebenfalls unerlaubt im öffentlichen Raum – Kohlezeichnungen oder Siebdrucke von Menschenfiguren, lebensgroß, realistisch, aber schwarzweiß, häufig mit politischem, anklagendem Bezug. Eine seiner Lieblingsstädte war Neapel, wo er zwischen 1987 und 1995 einige hundert Bilder an Häuserwänden hinterlassen hat. Louis Sclavis, damals die Galionsfigur des europäischen Jazz, war von diesen Darstellungen so beeindruckt, dass sie ihn zu einem ganzen Album anregten. Filme, Bilder, Theater, Literatur, Reisen und Musikstücke – das waren schon immer Sclavis’ Inspirationsquellen. Seine eigene Musik entsteht aus dem, was diese Inspirationen in seiner Fantasie anrichten. Und diese Musik speist sich aus vielen Quellen – von Renaissance bis Rock, von Volkslied bis Neuer Musik, alles verwoben durch Improvisation und Jazz.
Napoli’s Walls porträtiert ein Neapel der Fantasie, eine „fiktive Stadt“, sagt Sclavis, „Gegenwart und Vergangenheit“ zugleich. Dafür stellt Sclavis eine Band auf die Beine, ein Klangkonzept, eine multistilistische Vision, wie man sie nie zuvor gehört hatte.
Neben dem Bandleader an Klarinette, Bassklarinette, Sopransax und Baritonsax agieren Vincent Courtois am Cello und Hasse Poulsen an der Gitarre. Der vierte Mann aber, Médéric Collignon, ist der Joker, das Enfant terrible, das Multitalent des Quartetts. Er spielt nicht nur seine Taschentrompete, sondern singt, pfeift, trommelt, macht Geräusche und setzt nicht zuletzt aktuelle elektronische Sounds und Beats ein. Vor allem dank Collignon verschmelzen Anklänge an Gesualdo, an Techno, an neapolitanische Volksoper oder Heavy-Metal-Riffs zu einem grandiosen urbanen Jazz-Amalgam. Kritiker sprachen von einer „neuen musikalischen Sprache“ (AllMusic), von „völlig neuem Terrain“ (Jazz thing), von einem „mutigen, kompromisslosen Stück zeitgenössischer Musik“ (The Guardian).
Die Gleichzeitigkeit der Epochen, Stile, Klänge ist das Thema dieses Albums – „die disparate Vielfalt von Traditionen und Kulturen“ (Christian Rentsch). In einigen der zehn Stücke malt diese Band (ohne Klavier, Bass, Schlagzeug) fantastische, teils von Alter Musik inspirierte Klangbilder, die sich tief einprägen. Sie liefert aber auch heiß-expressive Jazzsoli – vor allem Sclavis an Bassklarinette und Baritonsax. Sie startet zudem heftige Grooves, die von Collignons Computergeschirr befeuert sind. Und sie überrascht immer wieder mit plötzlichen, starken Themen, die man so schnell nicht wieder vergisst. Die Sopransax-Melodie des Titelstücks zum Beispiel – es ist Neapels Straßenkindern gewidmet – beschwört einen unbändigen Gassenhauertanz. „Kennedy In Napoli“, das schon im Titel an Charles Mingus’ „Rockefeller In Attica“ erinnert, ist ein boppig-bizarres Jazzstück mit schnellem, elektronisch unterstütztem Mittelteil. „Guetteur d’Inaperçu“ wiederum bietet zerrissene, wilde Motive, die gleichermaßen an Horrorfilme wie Neue Musik denken lassen. Auch die beiden letzten Stücke des Albums faszinieren mit komplexen, grotesken Bläserthemen, heftigen Riffs und Grooves.
Napoli’s Walls erinnere uns daran, dass Jazz die „Musik der Innovation“ sei, schrieb die Times damals. Die Plattenfirma erklärte das Album zu Sclavis’ „vorläufigem Meisterwerk“. Einige Jahre lang war dieses Quartett einer der aufregendsten Liveacts der Festivalszene – die Musik klang immer wieder neu. „Wenn eine Band gut ist“, sagt Louis Sclavis, „entsteht aus der Improvisation heraus mehr, als man sich daheim am Schreibtisch ausdenken kann. Das Beste ist immer das, was sich nicht kontrollieren lässt.“



