Marius Neset – Birds
Jazz ist unübersichtliches Gelände – leicht kann man da Bedeutendes übersehen. Hans-Jürgen Schaal präsentiert unbesungene Höhepunkte der Jazzgeschichte.
Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll: die beispiellose Virtuosität von Marius Neset als Saxofonist – oder die dichte, vielschichtige Konstruktion seiner Stücke. Dass er eines Tages (2021) ein sensationelles Saxofon-Soloalbum machen sollte (auf dem er klingt wie eine ganze Band), war nur konsequent. Aber ebenso konsequent war es, als er dann für anwachsende Ensembles schrieb, Bigbands, Kammerorchester, ganze Sinfonieorchester – nur sie wurden der Komplexität seiner musikalischen Fantasie noch gerecht.
2013 kannte man Marius Neset beinahe nur in Norwegen und England. Die Kritiker waren sich einig, dass er Norwegens größtes Saxofontalent seit Jan Garbarek sei. Der britische Telegraph sprach von einem „Saxofonwunder“. Manchmal konnte man den Eindruck haben, Neset könne keine Phrase blasen, ohne dabei virtuose, wilde Kunststückchen einzuflechten, Growl- und Zwischentöne, Intonations-Sperenzchen und Multiphonics (mehrstimmige Techniken). Die Band, in der er zuerst bekannt wurde, hieß nicht umsonst „Jazz Kamikaze“. Mit wem war dieser junge, ekstatisch-akrobatische, grotesk energetische Saxofonist überhaupt zu vergleichen? Mit einem David Murray auf Speed, einem verdoppelten Bennie Wallace, einem tollwütig gewordenen Michael Brecker? Einige Jahre nach Birds sprach die Süddeutsche Zeitung von einer „neuen Dimension des Saxofonspiels“.
Und dann diese Stücke, in die er jede Menge hineinpackte und übereinanderhäufte – virtuose Melodieläufe, Fanfaren, Riffs, Improvisationen, ungerade Metren, alles gleichzeitig und gegensätzlich und doch eng verzahnt und einander ergänzend. Selbst mit kleinen Bands bekam diese Komplexität eine geradezu sinfonische Dichte – und das alles bei einem oft überwältigenden rhythmischen Drive. Es sind Stücke, in denen es kein Verschnaufen gibt.
Im zehnminütigen Titelstück steckt schon fast der ganze Neset. Es beginnt mit einem geblasenen Minimal-Music-Rhythmus – darüber erklingt ein nervöses volkstanzartiges Thema des Akkordeons. Dann kommt ein dritter, ein vierter Part hinzu, bigbandige Riffs, Piano-Vamps, Jazzrock-Drums, immer dichter, immer lauter, immer chromatischer, dazwischen Volksfest-Motive, dissonante Höhepunkte, neue Rhythmen – ein entfesseltes Vogelkonzert, schwindelerregend, ein „hektisches, aber durchstrukturiertes Rhythmus-Chaos“, wie ein Kritiker schrieb. Erst nach fünf Minuten geht dieser thematische Abschnitt zu Ende, und ein ruhiger Improvisationsteil beginnt, clever, souverän, fast postmodern. Aber – und das gilt bei Neset eigentlich immer –: Es bleibt nicht lange ruhig. Unter der Führung des grotesk enthemmten Tenorsaxofons entwickelt sich ein großes, fulminantes Crescendo. Und danach noch die Coda: eine auskomponierte kleine Flötenmusik, pseudoklassisch. Der Kritiker Erling Wicklund nennt „Birds“ „eines der lustigsten Stücke, die ich je gehört habe“. Für seinen Kollegen Josef Engels ist es „wie ein feucht-fröhlicher Besuch auf dem Jahrmarkt, bei dem Frank Zappa, Astor Piazzolla, Steve Reich, Steps Ahead und Igor Strawinski gemeinsam eine Achterbahnfahrt unternehmen.“
Die Band ist nur ein Quintett, allerdings gelegentlich erweitert um Gäste an Flöte und Akkordeon sowie ein Blechbläserquintett. Die folgenden zehn Stücke dehnen das stilistische Spektrum nach verschiedenen Richtungen hin, porträtieren einen Boxkampf oder eine Windmühle (bei sehr wechselhaftem Wetter), integrieren Balladenhaftes, Fanfaren, Marschrhythmen. Manches ist fröhlich komplex, anderes atemberaubend hektisch, wieder anderes fast psychedelisch und Fusion-nah. Immer wieder gibt es gewaltige, überwältigende Steigerungen. Neset glänzt als Saxofonist und Komponist mit doppeltem Hyperaktivismus. Das Magazin Jazzwise findet auf dem Album „keinen langweiligen Moment“.
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