Mark Levinson No. 5805 Vollverstärker

Mark Levinson No. 5805 Vollverstärker

Mark Levinson No. 5805 - Amerikanischer Gentleman mit ausgezeichneten Manieren

Mark Levinson No. 5805 – Amerikanischer Gentleman mit ausgezeichneten Manieren

Mark Levinson rundet seinen Gerätereigen mit zwei neuen Einsteiger-Verstärkern ab. So wirklich klein ist die neue No. 5805 aber weder körperlich noch klanglich.

Wenn Sie gerne experimentieren, wenn eine gewisse Gerätefluktuation in Ihrer Kette der Normalzustand ist, dann lesen Sie lieber nicht weiter. Denn dieser Verstärker bleibt, er vermittelt mir wie nur ganz wenige Komponenten, die ich in den vergangenen Jahren testen durfte, das Gefühl, angekommen zu sein, nicht mehr weitersuchen zu müssen. Und das, obwohl die Harman Luxury Group, zu der seit geraumer Zeit auch die High-End-Traditionsschmiede Mark Levinson gehört, mit dem 5805 einen vergleichsweise niedrigschwelligen Einstieg schaffen wollte: 9000 Euro wirken im Segment der höchstwertigen Integrierten alles andere als überteuert.

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Mark Levinson No. 5805 Vollverstärker
Nie konnte man so günstig ins High-End-Universum von Mark Levinson einsteigen. Trotzdem geht der ML 5805 weder bei der Verarbeitung noch beim Klang Kompromisse ein. Jüngst kündigten die Amerikaner auch einen passenden Netzwerkspieler an.

Rückblende: Wie sich der kleine Hans die Nase am Spielzeugladen platt drückt, in dessen Schaufenster der großformatige Bausatz des Raumschiff Enterprise für (in den frühen Siebzigern völlig absurde und fürs Taschengeld auch unerschwingliche) 25 Mark liegt, kauft er sich in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern HiFi-Zeitschriften, deren innere Umschlagseite über Jahre hinweg von immer derselben Firma belegt wird: Mark Levinson. Der musikverrückte Student begeistert sich für die mattschwarz gebürsteten Gerätefronten und die nobel abgerundeten Knöpfe in mattem Alu, verschlingt Testberichte, in denen diese Geräte als einsamer Maßstab für die Weltspitze angepriesen werden – und gibt sich mit deutlich bezahlbarerem Stereo-Equipment, meist aus japanischer Massenfertigung, zufrieden.

Das Thema Mark Levinson verdränge ich erfolgreich aus meinem Gedächtnis, mit wohlklingenden Geräten zur Musikwiedergabe beschäftige ich mich aber weiterhin, weil ein Feuilletonist die Möglichkeit haben muss, Rezensions-CDs und -LPs auch klanglich adäquat einzuordnen, wenn er darüber schreibt. Dank meiner Arbeit für die FIDELITY lerne ich irgendwann sogar Mark Levinson kennen, den Mann, der die Marke ins Leben rief, aber mit ihr schon seit den späten Achtzigern nichts mehr zu tun hat.

Diese Begegnung erinnerte mich daran, dass da noch ein paar Träume aus Jugendjahren ihrer Verwirklichung harrten. Und weil ich noch nie Berührungsängste vor Vintage-Modellen hatte, stehen wenige Monate später die Originale aus den Achtzigern und Neunzigern auf meinem Gerätetisch – was ich mit einigen Jahren Abstand nach wie vor als vernünftige Entscheidung betrachte, weil die Youngtimer manchem modernen Gerät sehr locker eine Nase drehen.

Mark Levinson No. 5805 Vollverstärker

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Allerdings nicht dem neuen No. 5805, der eigentlich nicht mehr sein will und soll als ein zeitgemäßer Verstärker des Baujahres 2019.

Obendrein handelt es sich um einen konservativen Vertreter der Gattung, denn er arbeitet nicht mit einem der in den letzten Jahren so beliebt gewordenen Schaltnetzteile, ist kein trendiges Class-D-Produkt, sondern ein völlig konventionelles AB-Design, in dem ein nachgerade riesiger Ringkerntrafo mit über 500 VA und getrennten Sekundärwicklungen für die beiden Stereokanäle die nötige Kraft liefert. Wäre der No. 5805 kein Ami, man dürfte ihm getrost britisches Understatement unterstellen, denn mit der Leistungsangabe von 125 Watt pro Kanal an acht Ohm hätte man in jenen Quartettspielen, die in den späten Siebzigern unser Schulhof-Zeitvertreib waren, zuverlässig gar nichts gewonnen. Zumal damals gerade die japanischen Wattmonster in Mode kamen.

Schließt man den Verstärker an und verkabelt ihn mit einer Reihe von Quellen – seine Rückwand ist vorbildlich und verwechslungssicher beschriftet –, dann staunt man über den kultivierten Klang des rund 28 Kilo schweren Metallklotzes, der da vor einem steht. Das Design ist unverkennbar Mark Levinson, verzichtet aber auf extravagante Frontplatten-Schwünge und strahlt postmoderne Coolness aus.

Mark Levinson No. 5805 Vollverstärker
Bei den Anschlussmöglichkeiten des No. 5805 dürften nur noch wenige Wünsche offen bleiben.

So schnörkellos wie das Äußere ist auch das, was dieser Verstärker an seine supersoliden Lautsprecherklemmen ausgibt. Blenden, mit in Teilbereichen behutsam überzogenen Frequenzen um Aufmerksamkeit heischen sollen andere. Der No. 5805 gibt wieder, was ist, und lässt keinen Zweifel daran, was in der Software gespeichert ist. Die darf gerne hochauflösend sein, die Unterschiede zwischen sehr guter CD-Wiedergabe, SACD, Schallplatte und Computerfiles aus dem HiRes-Lager gibt der Vollverstärker wieder, ohne je überfordert zu wirken oder Details zu unterschlagen. Wenn es überhaupt so etwas wie einen persönlichen Fingerabdruck dieser mit analogen und digitalen Eingängen reichhaltig bestückten Schaltzentrale gibt, dann ist es der Eindruck immenser Kraft und Präsenz, den der 5805 selbst bei niedrigen Pegeln und frisch aus dem Karton ausstrahlt.

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Nachdem die MuSiCa NoVa PlethorA aus der letzten FIDELITY-Ausgabe derzeit noch bei mir steht, nutze ich sie, um die Meriten des amerikanischen Boliden hörbar zu machen. Dass der Lautsprecher dank seiner Pseudo-D’Appolito-Auslegung sehr räumlich klingt und dass er eine Fülle von musikalischen Einzelheiten zeitrichtig und in sich homogen wiederzugeben vermag, wusste ich bereits. Der Mark Levinson dreht allerdings manches akustische Wimmelbild viel weiter in Richtung Kontur und Schärfe, ohne das Gesamtergebnis zu überschärfen, es in unschöne Pixeltrauben zu zerlegen. Eine Quadratur des Kreises, die nur ganz wenige Verstärker, ob Vollverstärker oder Endstufe, in solcher Perfektion beherrschen.

Mark Levinson No. 5805 Vollverstärker

Das Extragepäck, das beim No. 5805 an Bord ist, gehört auch nicht in den Spind mit den billigen Dreingaben, ganz im Gegenteil. Der 32-Bit-Wandler neuester Generation, ein ESS Sabre, der hier verbaut wurde, beherrscht Upsampling der digitalen Quelle auf bis zu 352,8 beziehungsweise 384 Kilohertz. Für DSD-Signale gibt es zudem vier frei wählbare digitale Filtereinstellungen. Um den analogen Phonozweig des Verstärkers ernsthaft zu toppen, muss man für einen externen RIAA-Verstärker ziemlich viel Geld in die Hand nehmen – und sich die Frage nach dem Wozu gefallen lassen. Denn was beispielsweise mein Clearaudio Jubilee am 5805 zuwege brachte, verdient ohne Wenn und Aber das Prädikat „groß“ – und das ganz ohne Feinjustage der Kapazität.

Groß sind auch die Räume, die dieser bestens erzogene junge Amerikaner aufzubauen versteht. Natürlich nicht mit totproduziertem Flachpop, der ihn eher dazu motiviert, die fröhliche Partymaschine mit druckvollen, sehr kontrollierten Bässen zu geben. Zu grandioser Form läuft der No. 5805 erst mit Klassik im Cinemascope-Format auf. Wer diesen Verstärker besitzt, darf sich getrost die ausufernden Sinfonien des ausgehenden 19. Jahrhunderts geben, darf in Bruckners und Mahlers grandiosen Klanglandschaften schwelgen – mit vielfarbig leuchtenden Streicherflächen, triumphierend schmetternden Repräsentations-Bläsern und sehr körperhaftem Schlagwerk, das immer seine Form und seine klangliche Textur behält. Der ML geht vor einer hart malträtierten Kesselpauke ebenso wenig in die Knie, wie er vor einem Chor mit über 500 Sängerinnen und Sängern kapituliert. Natürlich ist es immer ein Kabinettstückchen, in einem Raum, der nur bei ganz wenigen Glücklichen die Abmaße des originalen Konzertsaals hat, die Illusion eines Livekonzerts erzeugen zu wollen. Der No. 5805 erweist sich gleichwohl als sehr begabter Magier, dessen Tricks nicht offenbar werden, zumindest nicht auf Anhieb. Das Scheinen und das Sein sind beinahe kongruent.

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Mark Levinson No. 5805 Vollverstärker

Weil er die Musik so greifbar, so plastisch, so natürlich in den Hörraum stellt, geht dieser Verstärker auch mit mäßig produzierten Scheiben beziehungsweise Dateien sehr gnädig um. 1985 kaufte ich mir das Debütalbum der jungen französischen Sängerin Jeanne Mas. Die CD enthält eine kleine Sammlung feiner Ohrwürmer zwischen Charts-Pop und Chanson. Erst auf späteren Alben wurde Jeanne Mas tanzbarer, massenkompatibler – und langweiliger. Die auf dem EMI-Label Pathé Marconi erschienene Platte trage ich seit langem im Herzen, auch oder gerade, weil sie keine audiophile Offenbarung ist, sondern selbst aus Sicht ihres Veröffentlichungsjahres eher in die Kategorie „schnell und schlampig“ fällt.

Stecke ich Jeannes Debüt in meinen 14 Jahre jüngeren Mark Levinson ML 390s (Baujahr 1999), der seinerzeit den Ruf hatte, einer der besten CD-Player der Welt zu sein, dann sitzt mir die Dame fast auf dem Schoß, während sie den untreuen Johnny oder den Schmerz des ersten Verlassenwerdens besingt. Vor allem über die symmetrische Verbindung, bei der meine selbst importierten XLR-Kabel von Silnote Audio zum Einsatz kommen, ist die Präsenz gigantisch, und ich vergesse beinahe die mäßige Aufnahmequalität. Beinahe, denn der No. 5805 verschweigt zu keiner Zeit, dass hier manches eher hingehudelt wurde und dass man Mademoiselle Mas beziehungsweise ihrem mädchenhaften Stimmchen mit künstlichem Hall und anderen Studiotricks auf die Sprünge half.

Mark Levinson No. 5805 Vollverstärker
Zentrales Netzteil, symmetrischer Aufbau: Wie gewohnt schmiegen sich die Endverstärker an die seitlich verbauten Kühlkörper. Die integrierte Digitaltechnik nebst Bluetooth wird freilich über eigene Wicklungen gespeist.

Aus der ersten Dekade der 2000er Jahre stammt ein Recital mit Händel-Arien, das die amerikanische Sopranistin Renée Fleming mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment unter Harry Bicket für Decca einsang. Darauf sind Wunschkonzert-Dauerbrenner wie „Ombra mai fu“ (das „Largo“ aus der Oper Xerxes), bei denen der Fokus ganz auf Flemings reifer Stimme liegt, die in den obersten Höhen gerne mal ein wenig eng, spitz und metallisch wird.

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Der No. 5805 registriert, dass dem so ist – aber er schmiert es mir nicht ständig aufs Butterbrot, und noch weniger bläht er diese über manche hell abgestimmte Kette schnell unangenehm wirkenden Höhen künstlich auf. Ja, hier wurde auch am Regler gedreht, deshalb hält sich der Gentleman aus den Vereinigten Staaten aus den Eskapaden seiner Landsfrau heraus und beschränkt sich auf lineare Wiedergabe.

Was unter dem Strich auch als größte Stärke dieser sehr gelungen abgestimmten Musikmaschine wirkt: Sie verkneift sich eigene Dreingaben, gibt wieder, was sich in den Pits oder der Plattenrille verbirgt, und hat dabei die Membranen des Schallwandlers stets unter Kontrolle. Gewiss gibt es Verstärker, die „schöner“ oder „lieblicher“ klingen – aber das heißt meistens eigentlich nur, dass sie irgendwo in ihrem Klangspektrum charmante Lügner sind und an ihrem Frequenzgang mehr oder weniger versiert herumgebogen wurde. Manchmal sind es auch prinzipbedingte Schwächen, die man schon deshalb nicht wegbügeln mag, weil auch Hemdsärmeligkeit ja einen gewissen Zauber ausstrahlen kann.

Der Mark Levinson 5805 erinnert da eher an kunstvolle Erzeugnisse aus deutschen Landen, die in der Regel ein fünfstelliges Preisschild tragen. Hier gibt es etwas sehr Vergleichbares für rund ein Drittel. Am Komfort wurde übrigens ebenso wenig gespart wie am Klang: Die Fernbedienung regelt nicht nur Laut und Leise sowie die Eingangswahl, sondern ermöglicht auch den Zugriff auf ein Menü, in dem sich unter anderem die Benamung des jeweiligen Eingangs verändern lässt. Wem Zuordnungen wie „CD“ oder „SACD“ noch zu wenig individuell sind, der kann über den PC direkt auf den Verstärker zugreifen, der wie ein kleiner Computer eine eigene grafische Bedienoberfläche hat. Hier lassen sich auch Parameter wie die Balance bequem verstellen, was die Nummer 5805 klar in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts verortet.

Mark Levinson No. 5805 Vollverstärker

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Meine historischen Levinsons überflügelt der neue „Kleine“ in fast allen Belangen. Entsprechend traurig werde ich sein, wenn er in naher Zukunft den Heimweg antritt. Trösten kann ich mich mit der Erkenntnis, dass Mark-Levinson-Geräte auch in der Gegenwart Maßstäbe setzen – zu Preisen, von denen 1995 niemand zu träumen gewagt hätte. Ein Tipp: Wer weiß, dass er keine analogen Anschlussmöglichkeiten benötigt und mit rein digitalen Quellen auskommt, sollte sich den „kleinen Bruder“ No. 5802 anschauen, der klanglich in derselben Liga spielt und rund 1000 Euro günstiger verkauft wird. Reinhören und begeistert sein.

Wir meinen

Mark Levinsons No. 5805 klingt frisch aus dem Karton überwältigend gut, er benötigt weder Aufwärm- noch Einspielzeit, keine besonderen Racks und keine Voodoo-Kabel, um zu ganz großer Form aufzulaufen. Aufstellen, verkabeln, Musik hören. Nichts weiter.

Mark Levinson No. 5805 Vollverstärker Navigator

 

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Info

Vollverstärker Mark Levinson No. 5805
Funktionsprinzip: analoger Vollverstärker, Class A/B
Ausgangsleistung (8 Ω): 125 W pro Kanal
Frequenzgang: 20 Hz bis 20 kHz
Eingänge analog: Line symmetrisch (XLR), 2 x Line asymmetrisch (Cinch), Phono MC, Phono MM
Eingänge digital: 2 x Toslink, 1 x USB asynchron (USB-B), 2 x S/PDIF koaxial (RCA)
Ausgänge: 1 x Line (Cinch); 2 Paar Lautsprecherausgänge (für Kabelschuhe, Bananas und blanke Kabelenden)
Maße (B/H/T): 44/15/51 cm
Gewicht: 28 kg
Garantiezeit: 5 Jahre
Preis: um 9000 €

Kontakt

Harman Deutschland
Parkring 3
85748 Garching bei München
Telefon +49 7248 711132

 

www.marklevinson.com

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www.harmankardon.de

 

Mitspieler

CD-Player: Audio Note Zero, Mark Levinson 390s
SACD-Player: Marantz SA-14 V1, Sony SCD-333 ES, Pioneer D6
Plattenspieler: Clearaudio Innovation Compact, SoReal Audio Seismograph, Dr. Feickert Volare
Tonabnehmer: Clearaudio Da Vinci und Jubilee MC, Denon DL-103R
Phonoverstärker: Musical Fidelity M-VNYL, Clearaudio Basic
Vollverstärker: Audio Note iZero, Marantz HD-AMP1
Vorverstärker: Mark Levinson No. 38S, Trigon Snowwhite, Marantz SC-22
Endverstärker: Mark Levinson No. 27, Marantz MA-22, John Curl JC3, Trigon Dwarf II
Lautsprecher: KEF R 900, Infinity Kappa 7.2 Series II, MuSiCa NoVa PlethorA

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.
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