Mastersound 300B PSE

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Muss man Italiener sein, um einem Verstärker dermaßen Seele einzuhauchen, dass jeder Ton zum Ereignis wird?

Der Ton macht die Musik. Klingt doch einleuchtend, oder? Genauso einleuchtend wie: Timing ist alles. Genau! Moment, wie wäre es damit: Der ideale Verstärker ist ein verstärkendes Stück Draht. Ja, wie denn nun?
Gut, dass jeder nach Gusto Prioritäten setzen darf. Der eine hört auf Rhythmik: Da darf das Cello schon mal wie eine Posaune klingen, Hauptsache, es groovt. Dem anderen verursachen kleinste Verfärbungen körperliche Schmerzen, Verweise auf die ach so irre Dynamik quittiert er mit verständnislosem Schulterzucken und verlässt eilig den Raum. Nichts davon ist verwerflich, denn wie sagte schon Friedrich der Große, der preußische Regent und berufene Flötenvirtuose: Jeder soll nach seiner Façon selig werden.Dazu passt das Wort vom Zweck, der die Mittel heiligt. Aber wehe, das Mittel erlaubt sich allzu viele Freiheiten. Eine Audiokomponente, die zum Zwecke der Hörspaßmaximierung „etwas macht“, ist ruckzuck gebrandmarkt. Wieso eigentlich? Von nix kommt nix, um ein weiteres Bonmot zu zitieren. Musiker mit einem besonderen Etwas werden verehrt, warum sollten sich die reproduzierenden Geräte nicht genauso einbringen dürfen? Weil das Etwas schon auf dem Tonträger verewigt wurde und jetzt bitteschön nur noch akkuratest wiederzugeben ist? Du meine Güte … Höchste Zeit, die emotionale Steuerung dem Bauch zu übergeben und einen intensiven Blick auf einen Verstärker zu werfen, der definitiv etwas macht. Denn, letzter Spruch: Hearing is believing.

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Hearing is believing
Der Mastersound 300B PSE ist ein italienischer Röhren-Vollverstärker von unaufdringlicher Erscheinung, geringer Leistung und schnickschnackloser Technik. Was drinsteckt, verrät die Modellbezeichnung: Die Endverstärkung obliegt Trioden des Typs 300B, derer pro Kanal zum Zwecke der Leistungserhöhung jeweils zwei parallel arbeiten (das P im Namen), und zwar in Eintakt- Betrieb, englisch „single ended“ (das SE im Namen). Es handelt sich um einen reinen Hochpegel-Vollverstärker, dessen einziger, dafür aber hochwillkommener Luxus im Vorhandensein einer Funkfernbedienung besteht. Wie die meisten italienischen HiFi-Manufakturen huldigt auch Mastersound durch Einsatz von Massivholz dem nationalen Instrumentenbauer- Erbe – hier bestehen die Seitenwangen des Verstärkers und der Fernbedienungsgeber aus Walnussholz.
Röhrenfans und 300B-Eingeweihte werden das bisher reichlich ungerührt aufgenommen haben. Denn so oder ähnlich liest es sich in vielen Hersteller-Portfolios. Die Triode als solche ist schuld, denn aus Anode, Kathode und Steuergitter kann nicht nur fast jeder einen Amp schneidern – es tun auch viele. Und die 300B ist nun mal die Leib-und- Magen-Triode der Szene. Sie liefert vergleichsweise viel Leistung bei geringen Verzerrungen, ist langlebig und wird schon seit Jahren wieder von zahlreichen Herstellern in ausreichenden Mengen gebaut, unter anderem auch in den USA unter Westrex-Label als „authentische“ Fortführung der Legende. Im Mastersound stecken russische Glaskolben von Electro Harmonix.

Verstärker mit Geschichte
Doch Mastersound ist kein modisches Me-too-Startup. Das Gründungsdatum des Familienbetriebs aus Vicenza liegt bald 20 Jahre zurück. Cesare Sanadio war Fernmeldeingenieur und der Bau von Röhrenverstärkern zunächst ein Hobby, aus dem spätestens in dem Moment Ernst wurde, als er anfing, sich seine Übertrager selbst zu wickeln. Anfangs arbeitete Sanadio für Unison, neben dem Mitbewerber Pathos die derzeit vielleicht größte Röhrenschmiede Italiens. Internationales Renommee erwarb er sich als mitentwickelnder und fertigender Part für Marken wie Vaic und Ayon, bevor er seine Aktivitäten ausschließlich auf das eigene Label Mastersound beschränkte. Ende 2008 verstarb Cesare Sanadio, daraufhin übernahmen seine Söhne Lorenzo und Luciano das Geschäft.
Was dort heute als fertiges Produkt das Tageslicht erblickt, hat also eine Geschichte – und das merkt man. Der 300B PSE ist ein stimmiges und reifes Gerät, selbst bei Kleinkram wie den Buchsen oder Gerätefüßen ist er mit Sorgfalt konstruiert. Sogar das obligatorische Röhrenschutzgitter ist kein Alibi-Vogelkäfig, sondern aufwendig gestaltet und präzise gefertigt.
Des Pudels schaltungstechnischer Kern bleibt leider größtenteils im Dunkeln. Entwickler Luciano Sanadio spricht nämlich viel lieber darüber, wie es klingen soll, als über die Wege, die er dorthin beschritten hat. Bekannt ist zumindest so viel, dass der 300B PSE wie alle Mastersound- Geräte gegenkopplungsfrei arbeitet und seine Schaltungen von einem Choke-Netzteil versorgt werden – das Netzteil also, vereinfacht gesagt, auf Spulen als Energiespeicher und Filter setzt. Einige Schaltungskniffe in Vor- und Endstufe gäbe es durchaus zu verzeichnen, meine laut geäußerte Vermutung, es im Großen und Ganzen mit einem „old school“-Triodenverstärker (im besten Sinne natürlich) zu tun zu haben, wird aber auch nicht zurückgewiesen. Sehr gerne hebt Mastersound das nach eigener Meinung alles entscheidende Bauteil hervor – die selbst gewickelten Ausgangsübertrager. Details? „Geometrie und Wicklungstechnik der Übertrager von Mastersound folgen nicht den gängigen Mustern. Einzelheiten unterliegen dem Firmengeheimnis.“ Mille grazie.

Umwerfend musikalisch
Ja, wirklich: Vielen Dank. Dieses Gerät macht nämlich definitiv mehr Lust auf Musik als auf Technik. Ich habe die 33 Kilo des 300B PSE auf mein Rack gewuchtet, vier Endröhren eingesteckt, meine Sechs-Ohm-Lautsprecher für den Anfang an die Acht-Ohm- Anschlüsse geklemmt, Capetown Flowers von Abullah Ibrahim aufgelegt – und war verloren. Der Mastersound torpediert das alte Spiel der Suche nach Pros und Contras. Nicht weil er makellos oder unangreifbar wäre. Der Verstärker bedient sich schlicht eines entwaffnenden Tricks: Er spielt umwerfend musikalisch. Wie will man da mäkeln, ohne sich als Banause zu outen?
Dabei war der Erstkontakt unter Vermittlung des Jazz-Trios um den Südafrikaner Abdullah Ibrahim nur ein Funktionscheck. Der nächtlichen Stunde entsprechend lief die Musik flüsterleise, dezentes Piano, sanftes Schlagzeug, hingetupfter Bass. Gepflegte Hintergrundbeschallung? Von wegen. Auch nicht „Drama, Baby!“, aber zum Hinhören zwingende Spannungsbögen und eine jedem Klavierton regelrecht Flügelchen verleihende Feindynamik und Schnelligkeit. Und der damit erweckte nächtliche Zauber verflog nicht. Der hübsche Mastersound spielte sich mir von nun an täglich ins Herz. Wie ist das möglich? Eine meiner Definitionen von Musikalität bei Mensch und (Audio-) Maschine ist: Sinn vermitteln. Der technisch perfekt spielende, aber letztlich nur Töne aneinanderreihende Musiker ist das Paradebeispiel für fehlende musikalische Intelligenz. Auch HiFi-Gerät kann diesen Eindruck vermitteln. Musik ohne Richtung, ohne Logik – wer will das schon hören? Wie ein gutes Buch oder ein Film soll auch Musik mich an der Hand nehmen und etwas zu sagen haben.

Glorreiche Mitten
Was der Mastersound zu sagen hat, ist natürlich: Ich bin eine Röhre. Sein in jeder Hinsicht glühender Vortrag speist sich aus der glorreichen Mittenwiedergabe der 300B. Die strahlt in ihrer ganzen Verführungskraft durch beide Lautsprecher, an die ich den Italiener angeschlossen habe: meine Ayon Seagull/c und die anderweitig in diesem Heft besprochenen britischen Hightech-Kompaktboxen Wilson Benesch Vertex. Zugegeben, nach Lehrmeinung ist es zumindest ein Wagnis, sich als Betreiber eines Paares klassischer dynamischer Mehrwegeboxen einen Verstärker vom Kaliber des Mastersound zu angeln. Aber meine Ayons sind mit 90 Dezibel Wirkungsgrad und, wichtiger noch, recht linearen 6 Ohm Impedanz spezifiziert. Für eine einzelne 300B wäre das knapp, bei zweien – ob nun Push-Pull oder, wie hier, parallel Eintakt-betrieben – spricht nichts dagegen. Röhrenspezis werden natürlich trotzdem die weich aufgehängten Keramik- Tieftöner bemäkeln und stattdessen hart eingespannte Papp-Konusse fordern. Oder gleich ein Horn. Jaja, damit und mit den nominellen 24 Watt des Mastersound ließe sich zugegebenermaßen eine Räumungsklage provozieren.

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Erzähl mir was
Aber was sind schon Zahlen! Man nehme einen durchschnittlichen Wohnraum mit üblicher Bedämpfung durch Teppich, Möbel, Bücher. Wer hier mit 90 dB Musik genießen darf, ist ein glücklicher Mensch. Und das schafft der 300B PSE problemlos an den meisten modernen Schallwandlern. Je länger wir miteinander leben, desto höher schätze ich den Erzählton des 300B PSE. Was auch immer man ihm vorsetzt – Sting, Murray Perahia, Dieter Ilg, Chilly Gonzalez: Er macht’s spannend. Dafür hat er so seine Kniffe. Entsprechend wollen wir zum Abschluss ein Interessentenprofil erstellen. Das Fledermausohr, das per Gehör Wand- von Deckenreflexionen unterscheiden kann, wird anderweitig glücklicher. Der Mastersound erlaubt sich, selbst zu bestimmen, was dem Hörglück zuträglich ist, und analytische Raumsimulation verbucht er unter „Zerstreuung“. Dafür widmet er sich umso intensiver all dem, worauf das Mikrofon gerichtet war. Also dem Wesentlichen. Raver und Metalheads – bitte weitergehen. Außer sie betreiben hocheffiziente Hornsysteme. Ab 96 dB pro Watt und Meter wird auch da kein Auge trocken bleiben. Trotzdem, ein Tiefbassgenerator ist der Mastersound nicht. Was angesichts der doch übersichtlichen Anzahl zu echtem Tiefbass (wir reden von 40 Hz und tiefer) fähiger Lautsprecher auch kein Beinbruch ist.

Rasanter Feindynamiker
An konventionellen Lautsprechern geht dem Italiener Fein vor Grob. Die Mitten und Höhen sind zum Niederknien rasant und beweglich, Schlagzeugbecken eine Schau, da kann sich so mancher als „schnell“ titulierter Supertransistor eine dicke Scheibe abschneiden. Ganz wunderbar auch Stimmen, das klapprige und doch so berührende Organ von Willie Nelson etwa, dessen Heroes meine erste Platte der Country- Legende ist – was hab ich da bisher verpasst! Soll’s aber auch der dicke Bigband-Rumms sein? 100-köpfige Sinfonieorchester? Warum nicht, aber dann bitte: Ohren auf bei der Lautsprecherwahl. Der Mastersound 300B PSE macht nicht nur etwas, er macht vieles, und das richtig. So richtig, dass ich ihn glatt zu therapeutischer Anwendung empfehlen möchte. Nämlich allen Sorgenfaltenträgern, die schon jeden Hyper-Hochtöner und jedes kryogenisierte Tonarmgewicht im Doppel-Blindtest aussortiert haben. Der schöne Integrierte aus Vicenza ist ein Musikant bis in die Knochen, dabei im täglichen Betrieb allürenlos und dank Funkfernbedienung aufs Angenehmste dirigierbar. Und grooven kann er! Und singen! Was, bitte, will man mehr?

 

www.friends-of-audio.de

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www.mastersoundsas.it

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