Nils Wülker – Zuversicht
Die Weltpolitik läuft aus dem Ruder, das Wetter ist grau und kalt, und zu allem Überfluss streikt in München auch noch der ÖPNV – da braucht es eine gute Portion Zuversicht. Genau die lieferte uns neulich Nils Wülker mit seinem so betitelten jüngsten Album, das wir in den MSM Studios in immersivem Mehrkanalton erleben durften.

Nils Wülker und die MSM Studios verbindet bereits eine kleine Historie: Schon sein letztes Album Continuum wurde hier in einem vergleichbaren Setup gemischt. Während das Format also dasselbe ist, unterscheidet sich Zuversicht jedoch grundlegend von seinem Vorgänger, sowohl durch die deutlich intimere Quartettbesetzung als auch im kreativen Zündfunken: Der Impuls für die Entstehung des Albums war die Frustration über die gegenwärtigen politischen Spannungen, die gesellschaftliche Nervosität und allgegenwärtige Krisenrhetorik insbesondere in den USA, aber ebenso global. Wülkers Ziel war es jedoch nicht, musikalische Parolen zu formulieren; ihm ging es vielmehr darum, eine emotionale Botschaft in die Welt hinauszusenden: eine leise, aber nachhaltige Einladung zum Vertrauen.

Bemerkenswert ist, dass der Trompeter erstmals einen deutschen Albumtitel wählte. Keine der naheliegenden englischen Übersetzungen traf für ihn den Bedeutungskern – während seine in New York sozialisierten Mitmusiker den Begriff intuitiv verstanden. Mit Pianist Aaron Parks, Bassistin Linda May Han Oh und Schlagzeuger Gregory Hutchinson stand ihm dabei eine international hochkarätige Quartettbesetzung zur Seite, die sich bewusst auf einen offenen Produktionsprozess einließ.

Dieser Ansatz zeigte sich bereits bei den Aufnahmen in den legendären Hansa Studios in Berlin. Gerade einmal dreieinhalb Tage standen zur Verfügung – ein Zeitfenster, das zwangsläufig weniger Planung zulässt und deshalb umso mehr Vertrauen und Eingespieltheit erfordert. Das Resultat ist ein Album, das sich hörbar aus Interaktion speist: weniger durchchoreografiert als frühere Produktionen, stellenweise fast kammermusikalisch improvisiert. Die Stücke bewegen sich zwischen kontemplativer Ruhe, federndem Swing und dezent funkigen Momenten, bleiben jedoch stets von einer warmen, optimistischen Grundstimmung getragen. Besonders „Alpenglow“, benannt nach dem ersten Morgenlicht über Bergkämmen, bringt das Mindset hinter dem Album exemplarisch auf den Punkt.

Klanglich ist die Produktion exzellent – und die Wiedergabe über das Atmos-System wird dem Material vollends gerecht: Das Setup mit 14 Lautsprechern und zwei Subwoofern – allesamt von PMC – bildete das Quartett tonal unbestechlich, dynamisch involvierend und vor allem räumlich glaubwürdig ab. Anders als das wesentlich größer besetzte Continuum hält sich die Produktion mit Raumeffekten dabei auffallend zurück: Die Bühne bleibt klassisch frontal organisiert, zusätzliche Kanäle dienen einzig der Raumerfassung. Man fühlt sich weniger in ein spektakuläres Klangpanorama versetzt als vielmehr in den Aufnahmeraum selbst transportiert – ganz nach dem Leitsatz: Richtig gut wird’s, wenn man es nicht hört.
Nils Wülker selbst hat dem guten alten Stereo im Übrigen keineswegs abgeschworen – zuhause hört er weiterhin klassisch zweikanalig. Die zusätzliche Höhendimension lässt die Musik im Mehrkanalformat jedoch spürbar freier atmen, offenbarte er mir im Gespräch vor der Vorführung – ein Eindruck, der sich mir während der Hörsession eindrucksvoll und zweifelsfrei erschloss. Gerade die feinen Interaktionen im Quartett, Atemgeräusche, das Wandern der Finger über den Kontrabasshals oder das Ausschwingen des Klavierkorpus gewinnen an Körperhaftigkeit und finden natürlicher ihre Plätze im Raum, ohne je künstlich aufgeblasen zu wirken.
Nach einigen weiteren Hörproben, die teilweise deutlich stärker auf räumliche Effekte setzten, ging es schließlich hinaus in den grauen Münchner Abend – und zurück in eine Realität, die sich zumindest für ein paar Stunden etwas leichter angefühlt hatte. Vielleicht ist das die eigentliche Qualität dieses Albums: Es behauptet nicht, die Welt zu verändern. Aber es schafft einen Raum, in dem Zuversicht zumindest für die Spieldauer plausibel erscheint. Wenn Musik das kann, ist das schon eine ganze Menge.




