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Roger Eno - der leise Bruder

Roger Eno

Der leise Bruder

Roger Eno

Mit Without Wind / Without Air vervollständigt Roger Eno seine Trilogie bei der Deutschen Grammophon.

Lange galt Roger Eno als „der kleine Bruder“ – ein Etikett, das mehr über unser Bedürfnis nach Einordnung verrät als über seine Musik. Denn wer genau hinhört, merkt schnell: Roger Eno klingt nicht wie ein Abklatsch von Brian. Seine Handschrift ist eigenständig, seine Kompositionen wollen nicht beeindrucken, sie wollen da sein. Und genau darin liegt ihre Kraft.

Roger Eno - der leise Bruder

Enos musikalischer Weg beginnt 1983, im Schatten eines Meilensteins: Während Brian Eno und Daniel Lanois den ikonischen Soundtrack zu Apollo: Atmospheres & Soundtracks formen, sitzt Roger am Klavier. Es sind seine schwebenden Piano-Flächen, die der Schwerelosigkeit des Albums Struktur geben. Was damals noch als Beitrag im Hintergrund erscheint, erweist sich rückblickend als Keimzelle eines eigenen musikalischen Vokabulars – das Roger Eno in den folgenden Jahrzehnten stetig verfeinert.

Sein Solodebüt Voices (1985) und das spätere Between Tides (1988) zeigen ihn als lyrischen Minimalisten mit Hang zu klaren Melodiebögen. In den 1990er Jahren folgt eine Reihe feinsinniger Werke wie Lost In Translation (1994), Swimming (1996) und The Flatlands (1998). Auch wenn die Diskografie wie eine nüchterne Liste wirkt – sie zeichnet das Bild eines Komponisten, der seinen Radius stetig erweitert, ohne den inneren Ton zu verlieren.

Brüder, nicht Spiegelbilder

Das Verhältnis zu Brian Eno ist trotz aller Unterschiede musikalisch eng, aber erst 2020 veröffentlichen beide ein gemeinsames Album: Mixing Colours. Eine Sammlung aus zarten Klangminiaturen, entstanden aus einem musikalischen Dialog über Jahre hinweg. Roger schickt MIDI-Skizzen, Brian reagiert mit elektronischer Farbgebung. Das Ergebnis: kein „Brian plus Roger“, sondern ein synoptisches Hörerlebnis, in dem beide Brüder ihre Rollen behalten – der eine liefert die Motive, der andere rahmt sie. Kurz darauf erscheinen die EP Luminous sowie eine erweiterte Version des Albums. Live präsentieren sich die Brüder unter anderem in Athen – ein seltenes, spätes Kapitel einer musikalischen Beziehung, die sich nie in Konkurrenz definierte, sondern in Distanz und Nähe gleichermaßen Kraft fand.

Ambient im Kammerformat

Was Roger Enos Werk so eigen macht, ist sein Zugang zum Ambient. Er bringt das Genre aus dem Studio in den Konzertsaal, vom Konzept in die Komposition. Seine Stücke sind kurz, klar, oft Satie-nah im Geist – doch statt urbaner Coolness findet man darin britische Bodenhaftung: Feldwege statt Terminals, Morgennebel über Ostanglien statt Glas und Neon. Seit einigen Jahren veröffentlicht Eno auf Deutsche Grammophon, wo er seinen Sound mit Streicherensembles (wie Scoring Berlin) weiterentwickelt. Szenekenner sprechen von „ambient chamber“ oder neoklassischen Tableaus – Musik, die Ruhe bietet, ohne zu beruhigen. Musik, die sich dem Ohr nicht aufdrängt, sondern es lenkt, kein Wunder, denn wenn Roger Eno etwas beherrscht, dann Timing, Atmosphäre und Spannung durch Reduktion zu erzeugen. Wer sich rückwärts durch sein Werk hört, landet zwangsläufig wieder bei Apollo – und erkennt: Der Ton, die Geduld, das Vertrauen in Stille waren von Anfang an da. Seit einigen Jahren ist Eno bei dem berühmten „Gelblabel“, der Deutschen Grammophon untergekommen, was einer gewissen Nobilitierung seines Schaffens gleichkommt.

Mit Without Wind / Without Air liefert Roger Eno ein fein gesponnenes aktuelles Album zwischen Melancholie und Andeutung. Der Titel – entlehnt einer Zeile der italienischen Band The Doubling Riders – evoziert zunächst spätsommerliche Ruhe, entfaltet im Kontext aber zunehmend apokalyptische Resonanz: eine Welt ohne Wind, ohne Luft – bedroht durch Klimawandel und Artensterben. Was läge bei dieser Thematik näher als eine Konfrontation von Elektronik, akustischen Sounds und Naturgeräuschen? Kompositorisch schlägt das Album einen Bogen von zartem Minimalismus bis zu dissonanter Dramatik. Das titelgebende Stück lässt einen Sturm erahnen: Grace Davidsons schwebender Gesang, düstere Streicher, elektronische Flächen und Alexander Glücksmanns klagende Klarinette zeichnen ein beklemmendes Klangbild. In The Final Year Of Blossom setzt sich diese Stimmung fort – ein Nachdenken über Vergänglichkeit, inspiriert von der Angst vor einem Frühling ohne Kirschblüte. Drei Solo-Klavierstücke runden das zwischen Elektro, Ambient und Folkakustik changierende Album ab – jedes für sich schlicht, aber eindringlich. Without Wind / Without Air ist ein atmosphärisches Werk, das leise spricht, aber viel erzählt – über Schönheit, Verlust und die Fragilität der Welt.

Der Unterschied im Detail

Im direkten Vergleich zu Brian Eno wird deutlich: Roger denkt weniger in Systemen als in Motiven. Wo Brian Theorien verfolgt, bleibt Roger beim Gefühl. Seine Stücke tragen sprechende Titel wie „A Place We Once Walked“ oder „Arms Open Wide“ – keine Statements, sondern Zustände. Klanglich bleibt er nah am Instrument: mikrofoniertes Klavier, dezenter Raum, sparsame Elektronik. Wenn Technik auftaucht, dann als Soundsignatur, nicht als rhythmisch treibende Kraft. Hier ist alles Ambient und nichts Club und schon gar nicht Dancefloor. Dieses Understatement ist kein Mangel – es ist Enos Signatur. Er traut dem Ton. Roger Eno hat sich nie über Lautstärke oder Vergleich definiert. Er hat sich eine Nische in der Nische geschaffen: Ambient als Kammermusik. Melodisch, menschenfreundlich, mit hohem Wiederhörfaktor. Wer weiter Vergleiche ziehen will, wird das tun. Wer zuhört, hört etwas anderes: Einen Komponisten, der aus wenigen Tönen Räume schafft – und aus Stille Gegenwart.

Roger Eno - der leise Bruder

Roger Eno – Without Wind / Without Air

Label: Deutsche Grammophon
Format: LP, CD, DL

 

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