Miles Davis - Hot Little Number

Album-Doppel: Miles Davis – Hot Little Number

Lettern auf Grün

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Album-Doppel: Miles Davis – Hot Little Number

Lettern auf Grün

Miles Davis war noch keine 30 Jahre alt – aber er hatte bereits in der führenden Combo des Bebop gespielt, er hatte den Cool Jazz „erfunden“ und den Hardbop auf den Weg gebracht. Letzteres geschah im Jahr 1954 – es war das Jahr, in dem er wieder einmal so richtig durchstartete. In diesem Jahr bekämpfte er seine Drogensucht, begann Unterricht im Boxen zu nehmen und fand seinen persönlichen, unverwechselbaren Sound an der Trompete – sparsam, pointiert, Pausen lassend. Inspiriert hatte ihn dazu das Spiel des Pianisten Ahmad Jamal. Miles war, so schreibt er, begeistert von Jamals „raumschaffendem Stil, der Leichtigkeit seines Anschlags, seinem Understatement und der Art, wie er Töne, Akkorde und ganze Passagen phrasierte.“ Dieses „Raumlassen“ kam dem Trompeter Miles entgegen – er war nie ein Virtuose der vielen Töne gewesen. Wenn er lakonischer phrasierte, wirkte auch der Klang des Trompetendämpfers bedeutender. Auch den setzte er 1954 erstmals ein.

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Miles Davis, Bags Groove
Miles Davis: Bags’ Groove (Prestige 7109)

Genau in diesem Jahr entstand das Album Bags’ Groove, ein Klassiker des Jazz. Den Kern der Platte bildet eine Aufnahmesitzung von Ende Juni. Miles hatte zu dieser Zeit keine feste Band, sondern stellte sich Session-Besetzungen zusammen, kurzfristige Traum-Combos. Diesmal holte er sich den erst 23-jährigen Sonny Rollins (Tenorsaxofon) und den erst 25-jährigen Horace Silver (Piano) – zwei kommende Weltstars am Beginn ihrer Karriere. Miles förderte und forderte die beiden Newcomer. Am Schlagzeug bevorzugte er dagegen Erfahrung: Kenny Clarke war der geistige Vater der Bebopper, Percy Heath sein fester Bass-Partner im Modern Jazz Quartet. Nur ein einziges Stück hatte Miles für diese Session vorbereitet, natürlich eine Nummer aus dem Repertoire von Ahmad Jamal („But Not For Me“). Die anderen Stücke kamen von Rollins, und Miles verließ sich auf ihn blind: „Es war oft nicht mehr als ein Stück Papier, auf dem ein Takt, eine Note, ein Akkord oder ein Akkordwechsel stand. Er verzog sich dann in eine Ecke des Studios und kritzelte Noten. Nach einer Weile kam er wieder und sagte: ,Okay, Miles, ich hab’s.‘“ Die drei Stücke, die Rollins diesmal zusammenkritzelte, hießen „Airegin“, „Doxy“ und „Oleo“. Alle drei wurden moderne Jazzstandards, was allein schon diesem Album historische Bedeutung verleiht. Besonders raffiniert ist das Arrangement von „Oleo“, wo Miles zum ersten Mal den Dämpfer („mute“) einsetzt.

Seinen Titel hat das Album aber von einer zweiten Session, die an Heiligabend 1954 stattfand. Anstelle von Rollins und Silver sind diesmal Milt Jackson (Vibrafon) und Thelonious Monk (Piano) dabei, zwei Musiker der Bebop-Generation. „Bags“ war Milt Jacksons Spitzname, „Bags’ Groove“ sein bekanntestes Stück. Es ist ein Blues, und die beiden Versionen davon (beide um die 10 Minuten lang) sind große Studien in Blues-Improvisation. Allein über Monks Solo im ersten Take wurden halbe Essays geschrieben – der französische Jazzpapst André Hodeir zum Beispiel hörte hier „einen der reinsten Schönheitsmomente in der Geschichte des Jazz“. Trotz der Schönheit und trotz des Datums (Heiligabend) gab es aber Spannungen. Miles bat Monk, bei der Begleitung des Trompetensolos zunächst auszusetzen – der Effekt ist übrigens großartig. Angeblich haben die beiden darüber aber gestritten (was sie später leugneten). Ira Gitler, Assistent des Produzenten, erzählt, Monk sei bei dieser Session einmal mitten in einer Aufnahme zur Toilette gegangen (der Take war damit im Eimer) – so soll er sich an Miles gerächt haben.

Hot Little Number, Hot Little Hits
Hot Little Number: Hot Little Hits (Porcelain pp1004)

Beim Label Prestige übte man Sparsamkeit. Die Vorschüsse für die Musiker waren klein, die Tantiemen kamen selten. Selbst am Tonbandmaterial wurde gespart, weshalb alternative Takes selten überlebten. Immerhin wurde das Album Bags’ Groove aber im besten unabhängigen Jazzstudio aufgenommen (Rudy Van Gelder), und das Plattencover machte kein Geringerer als Reid Miles, der Stammgrafiker von Blue Note. Seine Signatur hat er auf der Hülle passenderweise im „M“ von „Miles“ verewigt. Wer für Hot Little Number die Hüllen-Hommage anfertigte, ist dagegen unbekannt. Überhaupt weiß man wenig über die EP Hot Little Hits. Das Label (Porcelain Productions) saß offenbar in Richmond (Virginia) und ist nach fünf Veröffentlichungen wieder aus der Welt verschwunden. Die Namen der Musiker stehen vorne auf dem Cover. Nikki Price war angeblich die Gitarristin, Tim Harriss spielte Bass, Patrick Cardenas Schlagzeug. Wenn Price singt (das tut sie in vier der sechs Stücke), klingt die Band ein bisschen nach Blondie, nur rauer, roher und ursprünglicher. Punk-Rock eben, aber anno 1999. Viel Energie, knappe Motive, ein wenig Shouting.

Jedes der sechs Stücke hat einen eigenen Rhythmus, einen eigenen Flow. Am schmutzigsten klingt „Black Dog“, während es in „Look Pal“ ein richtig anständiges Gitarrensolo gibt (per Overdub). Witzigerweise ist die letzte Nummer („Just Fall In Love“) die Coverversion eines Country-Hits von Anne Murray. Die ganze EP ist nicht einmal 14 Minuten lang – jedes Stück wie ein Weckruf. „Es war nicht genug Zeit, um mich beim Hören zu langweilen“, schreibt ein gewisser Tim McMahan. „Vielleicht sollten alle Punk-Pop-CDs so kurz sein.“

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