Longtrack: Marillion - Grendel, 1982

Longtrack: Marillion – Grendel, 1982

Eine zweite Chance für B-Seiten

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Longtrack: Marillion – Grendel, 1982

Zum Progrock gehören Tempowechsel, Klassik- und Jazzanklänge, umfangreiche Instrumentalteile und überraschende Instrumente. Weil das alles zusammen kaum in einen Drei-Minuten-Song passt, gibt es den Longtrack.

Marillion, die führende Band des Neo-Prog der 1980er Jahre, galten seit jeher als Plagiatoren der frühen Genesis. In der Tat imitierten sie einige Klangrezepte der berühmten Kollegen und wurden damit recht erfolgreich. In einem Punkt gingen sie sogar über Genesis hinaus: Ihr (erster) Sänger, Derek William Dick, besser bekannt als „Fish“, übertrifft noch die stimmliche Theatralik von Peter Gabriel, an den seine Intonation immer wieder erinnert. Zwischen den Extremen von dramatischem Sprechgesang und weinerlichem Falsetto pendelnd, konnte Fish die schlichteste Melodie spannend variieren. Sein weicher, aber extrovertierter Gesangsstil rettete so manches Stück.

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Auch „Grendel“ lebt von der Dramatik des Sängers. Auf ein offizielles Studioalbum hat es dieser Longtrack nicht geschafft – dabei ist er einzigartig in der Geschichte von Marillion. 1982, als die Band ihre erste Single veröffentlichte, war auch eine EP-Version oder Maxisingle noch selbstverständlich – und deren B-Seite bildete damals „Grendel“, eine der frühesten Aufnahmen von Marillion. Aufs erste Album (Script For A Jester’s Tear, 1983) wurden alle drei Stücke der EP allerdings nicht übernommen. Sie erschienen dann jedoch auf der Compilation B-Sides Themselves von 1988. Dort stand das damals längst legendäre „Grendel“ (Länge: 17:16) ganz am Anfang. Es ist das Stück von Marillion, das Genesis’ Opus magnum „Supper’s Ready“ am nächsten kommt.

Mit Mantel und Maske

Erwartungsgemäß hat „Grendel“ deutlich weniger unterschiedliche Facetten als der Genesis-Klassiker. Über lange Strecken bewegt sich die Musik in den immer gleichen Akkordfolgen, die emotionale Grundstimmung wechselt kaum. Die seltenen Umschwünge sind aber desto wirkungsvoller. Da gibt es den Dynamiksprung von leise zu laut im Refrain („Earth rim walker“ bei 1:25 und bei 3:05), die Tempoverdoppelung in der Begleitung (3:32) und ihre Aufhebung (6:29) sowie einen konzentrierten Instrumentalteil (4:25 bis 5:49). Ein Einsprengsel auf der Pfeifenorgel (8:57 bis 9:10) beendet die erste Hälfte des Longtracks. In der zweiten hören wir Fish im Wechselgesang mit sich selbst und einen rockigen Höhepunkt (11:28 bis 11:45). Der folgende modale Abschnitt (ab 12:35) klingt, als imitiere er die „Apocalypse In 9/8“ aus „Supper’s Ready“ – allerdings in geradem Takt, wenn auch mit angedeuteter Polymetrik („So you thought that your bolts“). Das instrumentale Finale schließlich (ab 15:27) ist feierlicher, orchestraler Gitarrenrock.

Ursprünglich soll das Stück ein langer Instrumental gewesen sein mit dem Titel „The Tower“. Dann schrieb Fish einen ausgedehnten Songtext dafür, ein wahres Epos: „Ich war besessen von einem Buch namens ‚Grendel‘ von John Gardner.“ Grendel, ein Monster aus der Beowulf-Sage (8. Jh.), wird in Gardners Roman zur positiven Hauptfigur gewendet. Der Songtext von Fish greift die Frage nach Gut und Böse auf und thematisiert die Rolle der Religion. Auch bei der elaborierten und teils altertümlichen Sprachwahl des Songtexts scheint Peter Gabriel, der Sänger der frühen Genesis, das Vorbild gewesen zu sein. Bei Liveauftritten trug Fish in diesem Stück Mantel und Maske.

www.marillion.com

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