Greg Osby – Art Forum
Jazz ist unübersichtliches Gelände – leicht kann man da Bedeutendes übersehen. Hans-Jürgen Schaal präsentiert unbesungene Höhepunkte der Jazzgeschichte.
Mit einem kräftigen Tenorsaxofon in der Hand kann man einfach mal aggressiv knurren, sinnlich schnurren oder der Intuition freien Lauf lassen. Mit einem Altsaxofon ist das ein wenig anders. Das Altsaxofon fördert und verlangt eher das konzeptionelle, das strategische Vorgehen. Greg Osby wollte ursprünglich Architekt werden – dann aber verlegte er seine Konzepte, Skizzen und Entwürfe in die Musik. „Komponieren ist ein Bauprozess“, sagt er. „Es gibt bei mir viel Symmetrie, Grafik, Form, Figur. Schon auf dem College habe ich viel darüber nachgedacht, wie ich mein Saxofonspiel und mein Komponieren organisieren sollte.“ Auch viele seiner Lieblingsmusiker – etwa die Pianisten Thelonious Monk, Lennie Tristano, Andrew Hill – seien mit „starken intellektuellen Konzepten“ an ihre Musik herangegangen, sagt er. „Sie waren meine Vorbilder. Aber mit meinen eigenen Bemühungen war ich lange nicht zufrieden. Die Ergebnisse waren oft Glückssache – bis ich 35 wurde.“
Mit 35 machte der Altsaxofonist sein Album Art Forum. Davor hatte er rund zehn Jahre lang versucht, seine „Soundarchitektur“ mithilfe von Hip-Hop- und Funk-Rhythmen und Synthesizern umzusetzen. Mit Art Forum aber schwenkte er in den akustischen Jazz hinüber, begleitet von einem grandiosen, swingenden Trio (James Williams, Lonnie Plaxico, Jeff „Tain“ Watts).
„Ich fand, es war Zeit, meine Kompositionen und meinen Stil mal in einer sparsameren Umgebung zu präsentieren.“ Damals (1996) fühlte sich das an, als käme ein verlorener Sohn zurück an den warmen Herd des Jazz. Doch natürlich brachte Osby von draußen sein kühl-konstruktives Musikkonzept mit – und das macht die besondere Faszination von Art Forum aus. Schon der Albumtitel und die Symmetrie des Coverbilds spielen auf ein architektonisches Denken an.
„Manche Leute finden meine Stücke etwas abstrakt“, sagt Osby. In der Tat sind die Melodien oft eigenwillig gebaut, faszinierend raffiniert in ihrem Intervallgang, harmonisch nicht sofort zu erfassen. „Vieles darin entspricht nicht dem Üblichen und sabotiert die westliche Harmonielehre“, bestätigt der Saxofonist. „Aber für mich hat das alles eine sehr klare Logik.“ In einigen Stücken auf Art Forum gehören noch zusätzliche Instrumente mit zur Architektur. „Mood For Thought“, eine mysteriöse Ballade, verwendet eingestreute dunkle Phrasen von Posaune, Bassklarinette und Altflöte. Anderswo kommen auch eine Gitarre oder ein Vibrafon zum Zug. Das abschließende „Perpetuity“, wo Osby das Sopransax spielt, benötigt sogar etwas Elektronik – ein eher visionäres Baudesign.
Osbys „abstraktes“ Konzept verlängert sich direkt in sein Saxofonspiel hinein, in einen „sehr originellen Improvisationsstil“ (so der Kritiker Scott Yanow). Dieser Greg Osby liebt große Intervallschritte, dann wieder schnelle Zwischenphrasen im tonalen Nirgendwo und überraschende Wendungen. Eines seiner Vorbilder ist der Saxofonist Bunky Green, der einmal sagte: „Du kannst zu einem Akkord fast jeden Ton spielen, sofern eine Auflösung folgt. Wenn du genug über Harmonik weißt, kannst du also ganz andere Wege durch die Akkorde finden. Das Wichtigste ist, dass ich eine Kontinuität schaffe, die ihre eigene Logik hat.“ Logisch und natürlich und oft geradezu anrührend kann das bei Greg Osby klingen. Er hat den vielleicht schönsten Ton aller Altsaxofonisten. Und er liebt hier den rhythmischen Swing – mal in schnellem Tempo („Miss D’Meena“), mal medium im bluesigen „Half Moon Step“ oder langsam in Balladen von Duke Ellington und Billie Holiday. Und weil er dabei so originell anders phrasiert, mit eigener Improvisationslogik, klingt Osbys Swing so völlig frisch.



