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PTP Audio Solid12 - Solid9

Test: Reibradplattenspieler PTP Audio Solid12

Reibradplattenspieler PTP Audio Solid12 – Let’s stay together

Peter R. hat ein großes Herz für Youngtimer und überführt einen Vinylklassiker mit Schick und Geschick in die Neuzeit.

Vor kurzem ist meine Mutter in ein Altersheim umgezogen. Mit meiner Cousine und ihrer 20-jährigen Tochter habe ich ewig viele Kisten gepackt. Ihren Plattenspieler – ein alter Dual – und ihre Schallplatten hat sie nicht mitgenommen. Ich konnte natürlich nicht widerstehen und sortierte die schwarzen Perlen. Währenddessen fischte meine Cousine eine Fats-Domino-LP aus dem Stapel und zeigte sie ihrer Tochter: „Schau mal, damit haben wir früher Musik gehört …“
Früher?
Wenn Sie diesen Artikel lesen, dann tun Sie’s vermutlich noch immer. Oder Sie liebäugeln damit, sich wieder einen Plattenspieler zu kaufen. Und genau für Sie habe ich heute einen echten Insidertipp: PTP Audio. Sie wollen wissen, warum?
Lesen Sie weiter.

PTP Audio Solid12 - Solid9

Zurück zu den Wurzeln

Wenn man über die HighEnd schlendert, immerhin Europas größte Messe für hochwertige Musikwiedergabe, kann man erstaunt darüber sein, dass wohl an jedem zweiten Messestand ein Plattenspieler ausgestellt ist. Man könnte sogar den Eindruck bekommen, in ein Zeitloch gefallen und im Jahr 1973 wieder aufgeschlagen zu sein. 40 Jahre später zeigt sich nämlich die Schallplatte samt ihrer Abspielgeräte putzmunter, während die CD in den letzten Zügen liegt.
Exakt 1973 habe ich meinen ersten Plattenspieler bekommen. Sie erraten es: einen Dual. Zehn Jahre später, pünktlich zur CD-Premiere, bin ich dann zu Thorens übergelaufen, war damit viele Jahre äußerst zufrieden, habe aber trotzdem irgendwann das wilde Hin- und Hertauschen angefangen – nur um heute praktisch wieder am Anfang der Phonotechnik angekommen zu sein: bei einem Reibradspieler. Mit dem ich übrigens sehr glücklich Musik höre.
Genau das bringt uns zum Plattenspieler von PTP Audio. Der „Solid12“ basiert nämlich auf einem klassischen Lenco L-75/L-78, den viele von Ihnen noch kennen werden: schwerer Teller, drehmomentstarker Motor, Reibradantrieb, wabblige Zarge und ziemlich schlechter Tonarm.

Die hohe Kunst des Drehmoments

Ein schwerer Plattenteller muss irgendwie in Schwung gebracht werden. Historisch gesehen entstanden nacheinander Reibrad-, Riemen- und schließlich Direktantrieb. Lange dominierte das Reibrad, das ohne Umwege den Teller antreibt. Ab Anfang der 1960er Jahre wurde der Riemenantrieb immer populärer, bevor in den 70er und 80er Jahren der Direktantrieb den Markt beherrschte. Und dann holten die Riementriebler wieder auf …
Im aktuellen Angebot findet man mit geradezu überwältigender Mehrheit riemengetriebene Plattenspieler, denn dieses Antriebsprinzip lässt sich konstruktiv am leichtesten in die Tat umsetzen. Jedes Antriebsprinzip hat natürlich seine Vor- und Nachteile, es werden aber auch Vorurteile gehegt und gepflegt.
Drive, Drehmoment, Unmittelbarkeit – diese Attribute gelten als besondere Stärken von Reibradspielern. Ein Nachteil kann die allzu starre Kopplung von Reibrad und Teller sein, die zum berüchtigten Reibrad-Rumpeln führt. Das ist allerdings keine prinzipbedingte Schwäche, sondern vielmehr eine Material-, Einstellungs- und Servicesache. Lenco hatte da eigentlich schon recht clever vorgebeugt: Ein leichter Aluminium-Arm trägt das Reibrad und eine Feder regelt den Anpressdruck an eine konische Achse, mit deren Hilfe man die Geschwindigkeiten stufenlos regeln kann. Peter Reinders, der Kopf hinter PTP Audio, sah keinen Grund, an dieser genialen Konstruktion etwas zu ändern. Er beschränkt lediglich die vier möglichen Geschwindigkeiten auf die zwei wichtigsten (33 und 45 U/Min), bedämpft den Reibrad-Arm und die Halte-Feder – mehr braucht es nicht. Na gut, ein bisschen mehr schon.

PTP Audio Solid12 - Solid9

Wer oder was ist PTP?

Hoppla, ich hatte mich selbst überholt und bin Ihnen noch einige Basisinformationen schuldig. PTP steht für „Peters Top Plate“, und PTP Audio ist die Firma eben jenes Peter Reinders mit Sitz in Amsterdam. Zu Beginn des neuen Millenniums hatte er Lenco-Plattenspieler als Basis für höchstwertige Tunings entdeckt und ist Mitbegründer einer internationalen Community, die sich dem Erbe historischer Lencos widmet (www.lencoheaven.net). Reinders hatte schnell das – im Vergleich zur direkten Konkurrenz von Garrard und Thorens – relativ verwindungsanfällige Lenco-Chassis als Schwachstelle ausgemacht. Er entwickelte daraufhin eine richtig fette Edelstahlplatte (= PTP), die Lager, Motor und Reibradeinheit aufnimmt. Dadurch erreicht er einen maximalen Kontakt zwischen Chassisplatte und der darunter befindlichen Zarge und eliminiert so sämtliches Rasseln und Scheppern. Zusätzlich sitzt der kräftige Wechselstrommotor auf einer eigenen Stahlinsel. Das ist auch nötig, denn dieses massive Teil ist extrem drehmomentstark und entsprechend laut, wenn man es falsch entkoppelt. Im Unterschied zu allen Konkurrenten baut Lenco das Reibrad senkrecht statt waagerecht ein. Der leichte Reibradarm, die stufenlose Antriebsachse und der massive Teller greifen dabei derart stimmig ineinander, dass ich mich glatt an den klassischen BMW-Slogan „Freude am Fahren“ erinnert fühle: „Freude am Hören“ beschreibt meine persönlichen Erfahrungen mit PTP Audio schon ziemlich genau.
Die PTP-Chassisplatte kann der geneigte Selberbauer auf jedes beliebige Zargen-Material aufbringen; einen Tonarm hinzufügen und fertig ist ein Spitzenlaufwerk. Da aber nicht jeder potentielle PTP-Käufer auch wirklich die handwerklichen Fähigkeiten für so ein Projekt mitbringt, wurde die Frage nach einem fertigen Plattenspieler immer lauter – und so entstanden die Modelle Solid12 und Solid9.

Besser einfach

Wenn ich in den vergangenen 30 Jahren ein bisschen was gelernt habe, dann ist es das Hohelied auf Einfachheit und Synergie. Wie schon erwähnt, ist so ein Lenco einfach, aber raffiniert aufgebaut. Reinders hat diese Einfachheit perfektioniert, anstatt sie zu verkomplizieren. Dabei hat ihm sein eigentlicher Beruf als Produktdesigner die Hand geführt. Herausgekommen ist ein ästhetisch und technisch großartiger Plattenspieler, der für diesen Preis – darauf versteige ich mich – absolut konkurrenzlos ist.
Jeder PTP ist ein Mix aus Alt und Neu. „Alt“ bedeutet im Fall von PTP aber entweder NOS („New Old Stock“, also alt, aber ungebraucht) oder wird von Peter Reinders neu aufbereitet. Es braucht viel Erfahrung und ein gewisses „Händchen”, um Motor, Lager etc. so zu bearbeiten, dass neue und überarbeitete Teile auf demselben Niveau spielen. Ich habe mich selbst schon daran versucht und bin meilenweit von einem PTP entfernt gelandet. Auf der Basis seiner Erfahrungen hat der Meister inzwischen ein neues Lager entwickelt, dessen klangliche Meriten (erhöhte Stabilität, Laufruhe und Dynamik) sogar ihn selbst überrascht haben. Für gerade einmal 250 € extra ist diese Option ein echter No-Brainer.

Designers Liebling

Nach vielen Versuchen mit Zargen aus Multiplex und Schiefer ist Peter Reinders schließlich auf Corian gestoßen. Corian ist der Markenname eines mineralisch-organischen Verbundwerkstoffs von Aluminiumerz und ‪Polymethylmethacrylat‬ (umgangssprachlich: Plexiglas oder Acrylglas). Äußerlich ähnelt es Marmor, weist jedoch eine geschlossenere Oberflächenbeschaffenheit und sehr gute Dämpfungseigenschaften auf. Es lässt sich leicht bearbeiten, verformen und fugenlos verbinden. Dadurch erlaubt Corian auch eine freie künstlerische Gestaltung und hat früh das Interesse berühmter Industriedesigner wie Ingo Maurer, Philippe Starck oder Jean Nouvel geweckt – und eben auch das von Peter Reinders.
Das PTP-Portfolio ist sehr übersichtlich. Es gibt genau zwei Modelle: Solid9 und Solid12, jeweils in Schwarz oder Weiß. Auf Anfrage wird eine große Palette weiterer Farben angeboten. Der kleinere Solid9 kann sämtliche vorstellbaren Tonarme mit einer Länge von 9 bis 10 Zoll beherbergen; der Solid12 nimmt den Rest, die langen Kerls auf.
Obwohl Peter Reinders seine Plattenspieler in der Grundversion ohne Tonarm anbietet, spricht er eine klare Team-Empfehlung aus, und zwar für den 12-Zoll-Tonarm von Thomas Schick (975€; www.thomas-schick.com). Schick-Tonarme sind sowohl in Deutschland als auch in den USA und in Asien auf etlichen Top-Laufwerken zu sehen. Gebaut werden sie, weil Thomas Schick frustriert über die technischen Schwächen der klassischen langen Ortofon- und SME-Arme war …
Historische Basis, moderne Fertigungsmöglichkeiten – kommt Ihnen das bekannt vor?
Inzwischen gibt es den “Schick-Stick” auch in einer knapp 10 Zoll langen Variante mit Antiskating. Ein wunderschöner, eleganter, feingetunter mittelschwerer Arm, der einfach jedes denkbare System – von Ortofon SPU, Nagaoka oder Decca über Lyra bis Denon – perfekt führen kann. Im Jahre 2007 habe ich übrigens auf einem Audio-Treffen meinen ersten getunten Lenco gehört: auf PTP1-Basis mit einem langen Schick-Arm. Der Rest ist quasi Geschichte.
Als Tonabnehmer hat mir Peter Reinders zwei Varianten des klassischen Denon DL-103 zur Verfügung gestellt. Beide wurden „nackig gemacht“ und in ein schickes Aluminium-Gehäuse namens Midas gepackt (ca. 100 € über Lenco Heaven). Das eine Denon-System kommt ohne weitere Veränderungen daher, das andere trägt Rubin-Nadelträger und Paratrace-Nadel von Expert Stylus in England (Retip ca. 300 €; info@expertstylus.co.uk).
Und während das Denon mit der Originalnadel ganzheitlich geschlossen spielt und selbst diejenigen, die ein 103er von Haus aus eigentlich ablehnen, im Blindtest überzeugen könnte, packt das scharfbenadelte Brüderchen noch eine fette Schippe Details und Bühne drauf, ohne diese Geschlossenheit aufzugeben. Keine Frage: Das Midas/Ruby/Paratrace-Denon ist ein Wolf im Schafspelz und für mich das MC mit dem mit Abstand besten Preis-Leistungsverhältnis.

PTP Audio Solid12 - Solid9

Let’s stay together

Der PTP Audio Solid12 ist ein Plattenspieler für Leute, die Platten spielen wollen – und nicht mit Plattenspielern spielen. Er dreht unaufgeregt seine Runden, lässig gleitet das 103 am Schick durch die Rillen. Sie können die Technik komplett vergessen und sich ganz in die Musik fallen lassen – wenn es das ist, was Sie wollen. Es ist schließlich Ihr Spieler.
Und schon bin ich wieder beim Thema Synergie. Leser möchten oft wissen, welche Komponente eines Plattenspielers mit wievielen Prozent vom Gesamtergebnis zu Buche schlägt. Ich kann nur sagen: Je besser die Einzelteile, desto besser das Gesamtergebnis. Trotzdem kann man selbst die besten Einzelkomponenten nicht einfach irgendwie zusammenwürfeln, so gut diese auch sein mögen. Wie bei einem guten Essen kommt es darauf an, dass der Chefkoch sie perfekt kombiniert und abschmeckt.
Chefkoch Reinders hat mit seiner „Empfehlung des Hauses“ – PTP, Schick-Arm und gepimptes Denon DL103 – ein 3-Sterne-Menü auf den Teller gezaubert. Der Spieler klingt im besten Sinn neutral. Er ist sehr störgeräuscharm, wunderbar laufruhig. Er klingt dynamisch, wenn gewünscht, und feinstaufgelöst, wenn die Informationen auf der Platte vorhanden sind. Er ist weder „Schwabbler“ noch „Bohrinsel“, lässt sich dem persönlichen Umfeld ästhetisch anpassen und spielt die Musik einfach so, wie sie aufgenommen wurde.

PTP Audio Solid12 - Solid9
Auf den Punkt gebracht, macht der Solid12 einfach nur seinen Job, das aber perfekt. Ein größeres Lob kann ich einem Plattenspieler nicht aussprechen – und ziehe jetzt eine meiner Lieblings-Soulscheiben aus Mamas Kiste: “Let’s Stay Together” von Al Green (Hi Records 1972). Seine einzigartig erotische Stimme, die zwischen sattem Bass und fast schon hysterischem Falsett schwankt, macht mir eines klar: Wenn ich selbst einmal ins Altersheim umziehe, nehme ich meinen Plattenspieler mit. Am liebsten einen PTP.

 

PTP Audio Solid12/Solid9 – Plattenspieler mit Reibradantrieb

Technik-Basis: Lenco L-75/L-78
Aufbau: Zarge aus Corian, zweiteilige Chassisplatte aus 4 mm starkem Edelstahl incl separater „Motor-Insel“ für maximale Isolation, polierter Vollaluminium-Teller (4kg), drehmomentstarker Induktionsmotor
Geschwindigkeiten: 33 1/3 und 45 U/Min.
Besonderheiten: inklusive zwei nach Wunsch gebohrte Tonarmbretter für Tonarme mit einem Einbauabstand zwischen 270 und 330mm bzw. 200 und 250mm
Ausführungen: Schwarz, Weiß, optional weitere Farben auf Anfrage
Maße Solid12 (B/H/T): 45/55/5cm
Maße Solid9 (B/H/T): 40/50/5cm
Gewicht: 25/20 kg
Garantie: 1 Jahr

PTP Audio
Peter Reinders
Tasmanstraat 7a
1013PW Amsterdam
The Netherlands
Telefon +31-6-24787302

www.ptpaudio.com

 

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