WB Gaia
Manchmal entstehen die spannendsten Begegnungen, ohne vorher geplant zu sein. So auch in diesem Fall – der WB Gaia kam eher zufällig zu mir, im Zuge eines Lautsprechertests, über den es hier selbstverständlich bald noch etwas zu lesen gibt. Offenbar hatte man auf Herstellerseite Zweifel, ob mein Transistorverstärker in der Lage wäre, das volle Potenzial der Lautsprecher aufzuzeigen. Also stellte man mir kurzerhand diesen Röhrenverstärker hin, ganz beiläufig, ohne große Worte. Und plötzlich stand da ein Gerät auf meinem Rack, das mich allein durch seine Erscheinung neugierig machte.
Der Gaia ist kein Verstärker, der sich unauffällig in eine Anlage einfügt. Er beansprucht Raum, optisch wie physisch. Die massiven Röhren stehen in vergoldeten Sockeln, spiegeln sich in den verchromten Gehäusen der dahinterliegenden Ausgangsübertrager und lassen keinen Zweifel daran, dass hier ernsthafte Technik am Werk ist. Das Gehäuse besteht aus einem sauber verarbeiteten, aus dem Vollen gefrästen Aluminiumblock mit schön lackierter Oberfläche und ruht auf hochwertigen SSC-Gerätefüßen. Auch bei den Anschlüssen hat man nicht gespart: Die Cinch- und Lautsprecherklemmen stammen von WBT. Keine Designspielerei, keine Effekthascherei, sondern solide Präzision.
Das externe Netzteil, ebenfalls aus Aluminium gefertigt, steht separat und versorgt den Verstärker über ein massives mehradriges Verbindungskabel. Eine Entscheidung, die der Entwickler bewusst getroffen hat, um mögliche Einstreuungen in die empfindliche Röhrenschaltung zu vermeiden. Allein dieser Aufwand, aber auch die schiere Größe des Geräts weckte meine Neugier, und es war klar, dass ich wissen musste, wer hinter diesem eigenwilligen Kunstwerk steckt.

Hinter dem Gaia steht Frank Werner, ein Deutscher, der nach Schweden ausgewandert ist und dort seine Firma WB gegründet hat. Ursprünglich aus der Messtechnik kommend, begann er 2012, sich intensiv mit Röhrenschaltungen zu beschäftigen. Zwei Jahre und etliche Fachbücher später entstanden erste eigene Versuche; 2016 folgte der erste vollständige Röhrenverstärker in Push-Pull-Technik, 2019 schließlich ein Single-Ended-Modell mit integrierter RIAA-Entzerrung, was unter Röhrenfreunden als die Königsklasse gilt. Frank Werner wollte wissen, was technisch machbar ist, und er wollte es konsequent umsetzen.
Seine Firma WB steht für individuelle Röhrenverstärker ohne Schnickschnack, handgefertigt in kleinen Stückzahlen im schwedischen Småland. Dort entstehen keine Geräte mit handgewickelten Kondensatoren oder exotischen Silberdrähten, sondern Verstärker aus hochwertigen Industriekomponenten, präzise gemessen und mit klarem technischem Verstand entwickelt. Erst wenn ein Gerät auf dem Prüfstand überzeugt, darf es sich dem entscheidenden Test stellen: dem Hören. Große Bandbreite, geringe Verzerrungen und nur minimal eingesetzte Gegenkopplung von höchstens 6 Dezibel kennzeichnen den Ansatz. Die Push-Pull-Verstärker sind vollständig symmetrisch aufgebaut, die Single-Ended-Modelle nutzen eine speziell entwickelte Solid-State-Treiberstufe. Frank Werner nennt das „No-Nonsense-Technology“, und das beschreibt es perfekt.

Das Spitzenmodell Gaia entstand aus der Weiterentwicklung des WB Minerva. Der Aufbau folgt konsequent dem Single-Ended-Gedanken und setzt auf eine externe Stromversorgung, die für diese Art Schaltung keine Nebenrolle spielt, sondern ein zentrales Element darstellt. Herzstück sind die beiden KR T1610, die im Volksmund „Kronzilla“ genannt werden. Diese Röhren gehören zu den ganz wenigen Trioden, die ausschließlich für Audio entwickelt wurden. Keine industrielle Basis, kein Zweckumbau, sondern ein reines Audiobauteil, das es heute in dieser Konsequenz kaum noch gibt. Ihre imposante Größe ist das eine, ihre Mühelosigkeit im Betrieb das andere. Sie wirken jederzeit souverän, ohne sich auch nur die geringste Anstrengung anmerken zu lassen.

Damit die Endstufenröhren ihr Potenzial voll ausschöpfen können, entwickelte Frank Werner eine Treiberschaltung, die ohne Koppelkondensator auskommt und die T1610 direkt ansteuert. Das ermöglicht einen sehr stabilen Betrieb bis in den Class-A2-Bereich, also in einen Bereich, in dem die Röhre auch bei kräftigen Impulsen kontrolliert bleibt. Klanglich spürt man das deutlich: Es gibt keinen Bruch zwischen fein und kräftig, der Klang macht einen durchgehend stabilen, fließenden Eindruck.
Mindestens ebenso wichtig ist die Stromversorgung. Im externen Netzteil arbeitet ein 750-VA-Transformator, der klarmacht, dass hier reichlich Reserven vorhanden sind. Die Anodenspannung wird aufwendig gesiebt und stabilisiert, Restwelligkeiten werden durch eine nachgeschaltete Drosselkondensatorsiebung zusätzlich minimiert. Diese Konstruktion sorgt dafür, dass die Röhren in einem Umfeld arbeiten, das frei von Störungen ist. Nicht spektakulär auf dem Papier, aber hörbar entscheidend: Diese Art Versorgung verleiht der Wiedergabe die Ruhe, Kontrolle und Gelassenheit, die man später im musikalischen Fluss sofort bemerkt.
Um den Verstärker wirklich einschätzen zu können, habe ich ihn selbstverständlich mit meinen eigenen Lautsprechern gehört, den Wilson Audio Sabrina X. Anfangs war ich etwas skeptisch, denn mit einem Wirkungsgrad von 87 Dezibel gelten sie nicht gerade als einfach zu betreiben. Meine Sorge war jedoch unbegründet: Die 40 Watt wurden souverän und ohne wahrnehmbare Anstrengung oder Limitierung genutzt. Schon nach dem Einschalten klingt die Musikwiedergabe angenehm geschlossen, doch erst nach etwa zwanzig Minuten entfaltet sich ihr voller Charakter. Dann gewinnt das Klangbild Tiefe, Körper und eine natürliche Ruhe. Besonders beeindruckend ist der musikalische Fluss. Alles wirkt rhythmisch stimmig und miteinander verwoben, ohne dass es jemals ins Weiche oder Romantisierende kippt. Es ist ein Klangbild, das nicht analysiert, sondern überzeugt. „Millionen Legionen“ vom Unplugged-Album der Fantastischen Vier war mein Einstieg. Das Stück lebt von einem treibenden Bassfundament, klaren Perkussionselementen und der unverkennbaren Art, wie Thomas D seine Worte in das musikalische Geschehen des Stücks hineinspricht bzw. -singt. Der Verstärker setzt das sehr glaubhaft um. Der Tiefton bleibt kontrolliert und druckvoll, ohne aufzudicken, die perkussiven Anschläge kommen präzise und verfügen über das typische leichte Nachfedern dieser Aufnahme, während die Stimme stabil und mit echter Präsenz im Raum steht, ohne sich vordergründig aufzudrängen.
Mit „Private Dancer“ von Tina Turner zeigt sich eine andere Stärke des Gaia, hier beeindruckt vor allem das Zusammenwirken von Gesang und Begleitband: Die markante Stimme besitzt Substanz, bleibt im Tonfall aber frei von Härte. Die Begleitung liegt klar gestaffelt im Hintergrund, jede Ebene wird nachvollziehbar dargestellt, ohne dass einzelne Details aus dem Rahmen fallen. Die Gesamtwirkung bleibt ruhig, stimmig und authentisch. „Hungriges Herz“ von Scala & Kolacny Brothers unterstreicht die räumliche Qualität des Geräts. Der Chor öffnet sich weit und wirkt dennoch strukturiert. Einzelne Stimmen treten nachvollziehbar hervor und behalten dabei ihren Platz im Ensemble. Das Klavier bleibt sauber umrissen, integriert sich aber selbstverständlich in die Szene. Es entsteht eine glaubhafte Raumwirkung ohne künstliche Streckung oder Überzeichnung.
Beim Trio G-Dur von Joseph Haydn Hob. XV:15 zeigt sich schließlich, wie feinfühlig leise Passagen übertragen werden. Der Klang des Cellos steht warm, aber strukturiert im Raum, man spürt förmlich seinen Korpus, ohne dass etwas überbetont wirkt. Die Flöte fügt sich leicht davor ein, klar umrissen, aber nie scharf, und das Klavier ergänzt das Ganze mit einer ruhigen Selbstverständlichkeit. Kleine dynamische Bewegungen werden sauber mitgenommen, die Darstellung bleibt geschlossen und unangestrengt.
Der WB Gaia ist ein Verstärker für Menschen, die Musik nicht nur hören, sondern auch erleben wollen. Frank Werner sagte im Gespräch, dass er mit seinen Geräten Freude am Musikhören vermitteln möchte. Genau das treibt ihn an, und genau das gelingt ihm. Die Konstruktion verbindet technische Klarheit mit einer Klangsignatur, die Ruhe ausstrahlt und lange Hörsessions fast selbstverständlich macht. Trotz der imposanten Erscheinung wirkt die Wiedergabe gelassen und glaubwürdig, nie nervös oder analytisch im sezierenden Sinn. Für Hörer, die Natürlichkeit, Musikalität und diesen schwer zu erklärenden Fluss in der Musik suchen, ist dieses Gerät ein hochinteressanter Verstärker.
Info
Röhren-Vollverstärker WB Gaia
Konzept: Stereo-Single-Ended-Verstärker mit externer Stromversorgung
Bestückung: 2 x KR T1610
Treiberstufe: direkt gekoppelte Solid-State-Treiberschaltung, Class-A2-fähig
Leistung (RMS, k = 2 %): 2 x 40 W an 4 Ω
Klirrfaktor (@1 kHz/4 Ω): 0,3 % (1 W), 1 % (10 W), 2 % (40 W)
Signal-Rausch-Abstand: 86 dB (50 mW), 95 dB (10 W)
Dämpfungsfaktor (@4 Ω): 15
Frequenzgang (−3 dB): 25 Hz bis 75 kHz
Eingangsempfindlichkeit: 0,8 V RMS für Vollaussteuerung
Eingänge: 3 x Cinch (WBT-Anschlüsse)
Eingangsimpedanz: 47 kΩ
Stromversorgung: extern, 750-VA-Transformator, gesiebte Anodenspannung, Drosselkondensatorsiebung
Gehäuse: gefrästes Aluminium, SSC-Gerätefüße
Leistungsaufnahme (Leerlauf): 450 VA
Maße (B/H/T): 47/32/50 cm (inkl. Netzteil)
Gewicht: 45 kg
Besonderheiten: handgefertigt in Småland, minimalste Gegenkopplung
Garantiezeit: Elektronik 5 Jahre, Röhren 6 Monate
Preis: um 33 000 €
Kontakt
WB Manufacture
Frank Werner
Sirkövägen 1
36254 Urshult
Schweden
Telefon +46 735037633
info@wb-manufacture.com








