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Audeze CRBN2

Audeze CRBN2

Medizin für die Ohren

Audeze CRBN2

Der elektrostatische Kopfhörer Audeze CRBN2 („CARBON“) hat seine Ursprünge in einer Anwendung der Medizintechnik: Bei der Magnetresonanztomografie (MRT) wird der Patient in einem Tunnel schichtweise gescannt und dabei hohen Lautstärken und Magnetströmen ausgesetzt, weshalb ein Kopfhörer mit guter Schalldämpfung und ohne Metallbauteile erforderlich ist.

Audeze CRBN2

In aller Kürze: Audeze CRBN2

Audeze CRBN2

 

Klassische Kopfhörer enthalten Metallteile und Spulen, die elektromagnetische Störungen verursachen und die Funktion eines MRT beeinträchtigen. Ausgangspunkt für die Entwicklung des CRBN war deshalb die Forschung an der University of California in Los Angeles zu eisenfreien Membranen aus Kohlenstoff-Nanoröhren (Carbon Nanotubes). Die Innovation liegt vor allem in der Herstellung ultradünner Polyimid-Trei­berfolien, in die Kohlenstoff-Nanoröhrchen homogen eingebettet sind. Die Polyimid-Folie ist ein extrem dünner, flexibler Kunststoff, der wegen seiner elektrischen Isolationseigenschaften und der mechanischen Stabilität gerne in der Luft- und Raumfahrttechnik angewendet wird. Es werden also keine Folien nachträglich beschichtet oder ein Layer aufgeklebt, sondern es wird eine äußerst dünne und homogene Membran in Form gegossen, was Vorteile hinsichtlich der Schwingungseigenschaften hat. Dass dieses Vorgehen sich auch vorteilhaft auf den Klang auswirkt, war den Entwicklern von Audeze sofort klar, sodass 2021 aus der medizinischen Anwendung heraus der elektrostatische Kopfhörer CRBN entwickelt wurde. Seit Herbst 2024 gibt es nun mit dem CRBN2 die zweite Generation, die ebenfalls auf der innovativen Membrantechnologie der Carbon-Nanotubes basiert, jedoch an entscheidenden Stellen weiter optimiert wurde.

Audeze CRBN2
Mit dem hochwertigen Materialmix aus Magnesium, Edelstahl, Kohlefaser und Leder ist der CRBN2 eine stattliche Erscheinung mit einer hohen Stabilität und sehr komfortabel zu tragen.

Der CRBN2 funktioniert nach dem gleichen elektrostatischen Antriebsprinzip wie z. B. die Stax-Kopfhörer, deren Pro-Bias-Spannung von 580V DC auch die Carbon Nanotube-Membran gleichmäßig auflädt. Zwei Stator-Platten links und rechts der Membran empfangen das Musiksignal als Wechselspannung, und die Membran bewegt sich in dem sich ändernden elektrischen Feld. Je dünner und homogener die Membran, desto schneller und genauer kann sie das Musiksignal in Schwingungsfrequenzen umwandeln, das Klangbild wird präziser und klarer und, so der musikalische Eindruck, störungsfreier. Die Stator-Platten werden mittels einer speziellen Leiterplattentechnologie hergestellt und bestehen aus PCB-basierten Strukturen, die zudem perforiert sind. Diese sind äußerst dünn mit metallisierten Schichten versehen, die keine magnetischen Eigenschaften haben und die notwendige Leitfähigkeit für das Musiksignal gewährleisten.

Eine weitere Innovation des CRBN2 ist die sogenannte SLAM-Technologie (Symmetric Linear Acoustic Modulator), die den Bassbereich zwischen 20 und 50 Hertz rein passiv um etwa sechs Dezibel verstärken soll. Bei elektrostatischen Systemen wird oft der Bassbereich als schwächer beschrieben im Vergleich zu dynamischen Treibern, was durch das neue System korrigiert werden soll. Voraussetzung für tiefe und präzise Bässe ist eine gute Abdichtung der Membrankammer, was aber zu hohen Druckbelastungen des Treibers führen kann. Abhilfe schafft Audeze mit dem SLAM-System zum Druckausgleich. Das funktioniert laut Audeze ohne zusätzliche Masse; durch Luftstrom-Modulation über Kanäle und Öffnungen in den Statoren und im Gehäuse wird quasi ein Bassreflexsystem nachempfunden. Die akustischen Kanäle entlasten die Druckkammer und modulieren gleichzeitig den Tieftonbereich, ohne die Mitten und Höhen zu verfälschen. Das soll so für mehr Körperhaftigkeit und Punch im Tiefbassbereich sorgen und gleichzeitig durch einen gleichmäßigen Druckausgleich die Membranbewegung und das Ohr entlasten.

Audeze CRBN2
Mit den angenehm großzügigen und tiefen Ohrmuscheln wird der Musikliebhaber quasi in den Konzertsaal gesaugt. Obwohl die Klangsignatur geschlossen wirkt, ist das Gehäuse durch ein Wabenmuster aus Polymeracetat offen gestaltet.

Im Vergleich zum Vorgänger wurde neben den nun kupferfarbig schimmernden Edelstahl-Zierelementen auch die Ergonomie optimiert – mit tieferen Leder-Ohrmuscheln und einer Carbonfaser-Magnesium-Kombination für eine steifere Bügelstruktur. Das Gewicht ist dabei auf 480 Gramm angewachsen (zum Vergleich: der Vorgänger wog noch 300 Gramm). Anschlussseitig wird beim CRBN2 jetzt ein OCC-Monokristall-Kupferkabel mit einem aus Aluminium gefertigten Stecker verwendet. Der Preis des CRBN2 liegt in Deutschland aktuell bei rund 7420 Euro, womit der Audeze in der Premium-Liga der elektrostatischen Kopfhörer spielt. Standesgemäß wird er in einem Kunststoffkoffer geliefert. Die Erwartungshaltung an ein besonderes Klangerlebnis war bei mir entsprechend sehr hoch. Einerseits ist es nachvollziehbar, dass ein Transfer einer bahnbrechenden Innovation von der Forschung hin zu einem serienreifen Produkt eine große Investition darstellt. Andererseits wäre für mich gerade in diesem Preissegment noch wünschenswert, dem fixen 2,5-Meter-Anschlusskabel auch eine anwenderfreundliche Verlängerung beizulegen …

Für die volle Entfaltung des Klangpotenziales wurde mir freundlicherweise von WOD Audio mit dem ifi iCAN Phantom temporär ein sehr potenter Spielpartner zur Verfügung gestellt. Mithilfe des Phantom können nahezu alle Kopfhörersysteme betrieben werden, von hochohmigen dynamischen bis hin zu elektrostatischen Systemen. Darüber hinaus kann der Phantom über zwei getrennte Eingangsschaltungen entweder im Transistor- oder im Röhrenmodus betrieben werden und als Vorverstärker zum Anschluss an Endverstärker oder Aktivlautsprecher genutzt werden. Dank vielfältiger interner Einstellmöglichkeiten kann der persönliche Klang bezüglich der Basswiedergabe (XBass) und Crossfeed (XSpace) modifiziert werden. Ein ausführlicher Bericht ist von meinem Kollegen Stefan Gawlick in FIDELITY Nr. 71 und unter www.fidelity-online.de nachzulesen.

Audeze CRBN2

Zur Bewertung der Audeze-Klangsignatur waren diese Optionen allerdings ausgeschaltet bzw. der Phantom im klassischen Solid-State-Betrieb geschaltet und die Konfiguration „Stax Pro Bias“ ausgewählt. Mittels externem DAC von Audio Exklusiv habe ich dem ifi Phantom über Qobuz verschiedene Alben im Datenformat FLAC Hi-Res zugespielt. Als Vergleichssysteme hatte ich zudem meinen dynamischen Denon-Kopfhörer AH-D9200 an einem Röhren-Kopfhörerverstärker (Eternal Arts Basic) und den guten alten elektrostatischen Kopfhörer Jecklin Float im Einsatz. Der Denon bildet mit dem Eternal Arts ein sehr stimmiges Gespann, die hohe Auflösung und Linearität über alle Frequenzen des großen Denon-Kopfhörers gepaart mit dem entspannten, geschmeidigen Klangbild des Röhrenverstärkers ist für mich ein „Best Match“. Auf dem neuen Album Better Broken kehrt Sarah McLachlan nach einer neunjährigen Pause mit frischem Sound und persönlichen, emotional erzählten Geschichten zurück.

Die neue Produktion ist transparent und gestattet den kraftvollen Songs trotzdem eine gewisse Wärme. Ideal für mein dynamisches Gespann, und so stellt sich schnell eine innere Ruhe und Zufriedenheit beim Zuhörer ein. Vielleicht nicht der ideale Zeitpunkt, mit höchsten Erwartungen auf den Audeze CRBN2 zu wechseln? Der Wechsel ist im ersten Eindruck unspektakulär – tonal ist die Grundrichtung geblieben: transparent, klar und mit einem Schuss Wärme, also ohne Schärfe im Hochton. Ich bin nicht besonders beeindruckt, so soll es ja auch sein!

Audeze CRBN2

Das kann man doch auch mindestens erwarten, denke ich mir insgeheim. Meine Hörerfahrungen mit Kopfhörern sind zwiegespalten, einerseits ist die Detailfülle und die Direktheit am Ohr schon sehr beeindruckend. Andererseits ermüden meine Sinne schneller, und ein gewisses Taubheitsgefühl stellt sich nach einiger Hörzeit ein. Man neigt dazu, den Pegel immer weiter aufzudrehen, um die Ermüdung des Hörorgans zu kompensieren. Zudem muss ich mich beim Wechsel des Kopfhörers erst wieder neu kalibrieren, mich einhören: Das unterbewusste Klanggedächtnis in mir muss sich anscheinend erst auf Veränderungen einstellen.

Erst nach einer kurzen Eingewöhnungszeit bemerke ich die entscheidenden Unterschiede, die beim Wechsel zurück umso eklatanter zur Gewissheit werden. Das gesamte Klangbild ist mit dem CRBN2 größer und noch klarer aufgelöst als über das dynamische Vergleichssystem, genauso wenn man den ifi Phantom als Verstärker für beide Kopfhörer nutzt. Der CRBN2 ist zudem im Bass substanzieller und bei den S-Lauten angenehmer. Spontan kommt mir der Vergleich mit dem „großen Bruder“ ins Gedächtnis, die Gene sind ähnlich, jedoch spielt der CRBN2 erwachsener und reifer.

Audeze CRBN2

Insbesondere auf dem neuen Album von Dominique Fils-Aimé Our Roots Run Deep mit seiner minimalistisch gehaltenen Instrumentierung erscheint die Stimme über den Audeze als wesentliches Instrument sehr plastisch und natürlich. Die sparsame Instrumentierung mit Kontrabass, Trommeln, Percussion oder Keyboard erzeugt über den CRBN2 eine frappierende Räumlichkeit und Tiefendarstellung. Der zum Vergleich herangezogene Jecklin Float ist in seiner Signatur linearer – die hohen Frequenzen sind stärker herausgestellt und der Bassbereich ist vergleichsweise schlank. Trotzdem besticht der Jecklin durch die sehr angenehme Beschallung der Ohren ähnlich einem Lautsprechersystem. Es entsteht nicht, wie bei einem klassischen „Muschel“-Kopfhörer, diese „Im-Kopf-Lokalisierung“ der Musik, die oft als unnatürlich und anstrengend empfunden wird.

Der CRBN2 vermittelt im Vergleich eine intimere Geschlossenheit mit der Klangbühne, obwohl er kein geschlossener Kopfhörer ist. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die sehr bequemen Leder-Ohrmuscheln, die die Ohren sanft, aber komplett umschließen. Man fühlt sich bequem gebettet und abgekoppelt vom Alltag. Ist man einmal so behütet, erscheint die imaginäre Klangbühne um einen herum erstaunlich weiträumig, und man meint, um die Instrumente und zwischen den Musikern gedanklich umherwandeln zu können. Die Klangfarben sind nahezu frei von Störeffekten und sehr klar differenzierbar. Die Weiterentwicklung des elektrostatischen Prinzips mit ultradünnen Nanotube-Folien und die Ergänzung mit einer Tieftonmodulation bei gleichzeitig leicht abgerundeten Höhen führte hier zu einer sehr langzeittauglichen Klangabstimmung. Diese Klangsignatur des CRBN2 hatte ich zugegebenermaßen irrtümlich anfangs als unspektakulär beschrieben, schon bald aber möchte man sie nicht mehr missen. Das Spektakuläre des Audeze CRBN2 ist aus meiner Sicht die zunächst unterschätzte unspektakuläre Natürlichkeit, die die Musik und das Hören mit ihm insgesamt schwerelos erscheinen lässt.

Audeze CRBN2

Info

Kopfhörer Audeze CRBN2

Konzept: elektrostatischer Over-Ear-Kopfhörer, offene Bauweise
Membrantyp: ultradünne Polyimidfolie mit eingearbeiteten Kohlenstoff-Nanoröhren
Besonderheiten: SLAM-Technologie für Druckentlastung der Hörmuscheln und Bassverstärkung
Funktionale Vorspannung: 580 VDC Stax Pro
Wandlerfläche: 120 x 90 mm
Elektrostatische Kapazität: 100 pF (einschließlich Kabel)
Frequenzgang: 10 Hz bis 40 kHz
Maximaler Schalldruckpegel: > 120 dB
Klirr (THD@90 dB): < 0,1 %
Empfindlichkeit (@1 kHz/10 0V RMS): 100 dB
Ausführung: Schwarz
Materialien: Gehäuse Magnesium, rostfreier Stahl und Polymeracetat; Ohrpolster hochwertiges Leder; Kopfbügel/-band Carbon und Leder
Anschlusskabel: OCC-Monokristallkupfer, Pro-Bias-Stecker 5-polig, Länge 2,5 m
Gewicht: 480 g
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: um 7420 €

Kontakt

Mega Audio

Feldborn 3
55444 Waldlaubersheim
Telefon +49 670 791452
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