Analog Tone Factory – Jenseits von Nostalgie
Analog Tone Factory zeigt, wie lebendig analoge Sessions heute klingen können.
Wer sich mit Analog Tone Factory beschäftigt, stößt schnell auf einen Produktionsansatz, der weder nostalgisch verklärt noch bewusst gegen die Moderne gerichtet ist. Vielmehr geht es um eine Arbeitsweise, die sich Zeit nimmt, die Unordnung des Moments respektiert und das Zusammenspiel nicht als Rohmaterial für spätere Optimierung betrachtet. Jerome Sabbagh und Pete Rende haben das Label nicht gegründet, um alte Mythen des Tonbandzeitalters neu aufzulegen, sondern um einen Rahmen zu schaffen, in dem Musiker wieder gemeinsam im selben akustischen Raum agieren können. Es ist eine Haltung, die keine Attitüde braucht, weil sie sich aus der alltäglichen Studioerfahrung speist und aus der Beobachtung entsteht, dass bestimmte musikalische Feinheiten nur dann auftauchen, wenn sie nicht zu sehr bewacht werden.
Dieser Ansatz prägt die beiden neuen LPs des Labels, die das Spektrum dieser analogen Philosophie auf bemerkenswerte Weise abbilden. Chris Cheeks Keepers Of The Eastern Door trägt ein historisches Bild auf dem Cover, doch das Album definiert sich nicht über das Motiv, sondern über die Atmosphäre, die im New Yorker Power Station Studio entstand.
Cheek und Gitarrist Bill Frisell gehören zu denjenigen Musikern, die keine großen Gesten benötigen, weil sie ihr Material mit einer Ruhe und einem melodischen Verständnis formen, die sofort in den Vordergrund treten, ohne vorlaut zu werden. Frisells Gitarrenlinien liegen manchmal wie kleine Skizzen im Raum, beinahe zögerlich, dann wieder überraschend eindeutig, und Cheek gleitet über diese Vorlagen mit einem Ton, der in sich ruht und dennoch offen bleibt für spontane Richtungswechsel.
Cheeks bewegt sich mit seinem Quartett in einem Repertoire, das von Purcell bis Beatles reicht, doch der Reiz liegt nicht in der Spannweite, sondern darin, wie unangestrengt diese Kontraste klingen. Eine Purcell-Melodie wird nicht historisierend aufgebahrt, sondern mit derselben Selbstverständlichkeit behandelt wie ein Popklassiker aus den sechziger Jahren. Tony Scherr verankert das Geschehen mit einem Bassspiel, das bewusst unaufgeregt bleibt, aber jede harmonische Nuance ernst nimmt, während Rudy Royston mit feinen rhythmischen Akzenten dafür sorgt, dass kein Moment statisch wirkt. Die drei Eigenstücke Cheeks fügen sich so organisch ein, dass man stellenweise vergisst, wo Tradition endet und eigenes Material beginnt. Die vollständig analoge Produktion von James Farber und das Mastering von Bernie Grundman sorgen für einen Klang, der vor allem eines betont: die physische Nähe zwischen den vier Musikern und die Architektur des Studios, das hörbar mitschwingt.
Sabbaghs Stand Up! verfolgt einen anderen, persönlicheren Weg. Das Album besteht aus Widmungen, doch es gibt weder Pathos noch eine nostalgische Überhöhung. Sabbagh nutzt die einzelnen Stücke vielmehr, um Beziehungen, Einflüsse und Begegnungen in Klang zu übersetzen, und man spürt, dass die Musik dabei nicht rückwärtsgewandt wirkt, sondern sich immer wieder neu formt.
„Lone Jack“ eröffnet die Platte mit einem leichten Country-Blues-Gefühl, das an Ray Charles erinnert, jedoch ohne stilistische Nachahmung auskommt. Ben Monder setzt in diesem Kontext Akzente, die zwischen schwebender Klangfarbe und kantiger Dichte variieren. Joe Martin und Nasheet Waits bilden eine rhythmische Achse, die das Album zusammenhält und gleichzeitig genügend Instabilität zulässt, um den Stücken eine natürliche Spannung zu geben.
In „Mosh Pit“, Sabbaghs Verneigung vor Trent Reznor, wird diese Offenheit besonders deutlich. Die Band bewegt sich dort in einer Energie, die an Rock und Metal erinnert, allerdings ohne die Form zu verlassen, die das Quartett ausmacht. Monder legt eine Textur aus rauen, fast schneidenden Gitarrenschichten, während Waits mit einer Mischung aus Präzision und Impulsivität reagiert. Sabbaghs Linien wirken in diesem Kontext erstaunlich konzentriert und zeigen, wie wandelbar sein Ton sein kann, wenn er sich an ungewöhnlichen Klangfeldern reibt. Ruhigere Stücke wie „Michelle’s Song“ oder „Vanguard“ legen den Fokus dagegen auf intime Kommunikation und erinnern daran, wie transparent diese Formation klingen kann. Gerade im leisen Bereich wird die Wirkung des analogen Aufnahmeraums spürbar, weil jede kleine Entscheidung der Musiker hörbar bleibt.
Beide Alben wurden auf schweres Vinyl gepresst und neben einer Standardversion zusätzlich in One-Step-Pressungen veröffentlicht, die noch mehr Details freilegen. Diese Versionen klingen etwas dynamischer, weil sie auf einen aufwendigen Prozess setzen, bei dem der Weg vom Master bis zur fertigen Platte verkürzt wird. Das Ergebnis wirkt nicht spektakulär im Sinne einer Effekthascherei, sondern schlicht etwas unmittelbarer, etwas offener, etwas näher am Ursprung der Session. Wer Kopfhörer nutzt oder über eine Anlage hört, die solche Feinheiten transportiert, merkt schnell, wie sich der Klangraum weitet und die Einzelinstrumente klarer voneinander abheben, ohne an Zusammenhalt zu verlieren.
So unterschiedlich die beiden LPs musikalisch sind, sie zeigen auf ähnliche Weise, wie entscheidend es für ein Ensemble sein kann, gemeinsam im selben Raum zu arbeiten und sich nicht auf spätere Korrekturen zu verlassen. Diese Arbeitsweise erzeugt eine Form von Präsenz, die weder altmodisch noch demonstrativ analog klingt, sondern eher wie eine bewusste Entscheidung für eine bestimmte Art, Musik zu erleben. Analog Tone Factory versteht sich dabei nicht als Gegenpol zu modernen Produktionsverfahren, sondern als Alternative, die für viele Musiker genau dann interessant wird, wenn sie ihre eigene Sprache unverstellt dokumentieren wollen.
Chris Cheek – Keepers Of The Eastern Door
Cheek, Frisell, Scherr, Royston
Label: Analog Tone Factory
Format: LP (Vinyl 180 g), auch als One-Step-Pressung
Jerome Sabbagh – Stand Up!
Sabbagh, Monder, Martin, Waits
Label: Analog Tone Factory
Format: LP (Vinyl 180 g), auch als One-Step-Pressung




