EcoRecord – Vinyl ist tot – es lebe PET!
Wie bitte, schon wieder eine Grabrede auf den allseits geschätzten Tonträger Vinyl? Die Parallele zur Redewendung „Der König ist tot – es lebe der König!“ ist ja nicht von der Hand zu weisen.
Doch die Aussage stimmt nur teilweise: Betreffs des Materials ist sie korrekt, in Bezug auf das Medium LP zum Glück nicht! Denn Vinyl ist ein Material, die LP ein (zumeist) daraus hergestellter Gegenstand. Also Achtung! Und bevor jetzt irgendwelche „Spezialisten“ sachlichen Blödsinn in Form von „PET-Vinyl“ verbreiten, lassen Sie uns hier mit der Klärung von Begriffen und Begrifflichkeiten beginnen.
Bekannterweise ist Vinyl ein synthetisches Material, das überwiegend aus dem Polymer Polyvinylchlorid (PVC) besteht und seit vielen Jahren zur Herstellung von Schallplatten verwendet wird. Rein unter chemischen Gesichtspunkten betrachtet, bezieht sich der Begriff auf den Baustein (Monomer) Ethen, auch Ethylen genannt. Wird dieses PVC zu Schallplatten gepresst, kommen noch diverse Zusatzstoffe und auch Farbstoffe dazu – Vinyl ist ja nicht von Natur aus schwarz! Die typischen Vinylpressen benötigen Unmengen von Energie und Grundstoffen; auch das erklärt die zunehmende Verteuerung dieses so ungemein geschätzten Tonträgers.

Die Sonopress GmbH in Gütersloh, eine hundertprozentige Tochtergesellschaft von Bertelsmann und ein weltweit führender Anbieter im Bereich Medienproduktion, hat vor mehr als zwei Jahren mit der Produktion sogenannter EcoRecord-Schallplatten – den weltweit ersten Langspielplatten aus recycelbarem PET-Polymer – begonnen. PET? Richtig, dieser Grundstoff ist uns allen bekannt von den in Unmengen verwendeten Getränkeflaschen! Mit der Verwendung dieses Verpackungsmaterials unterstützt die unter dem Markennamen EcoRecord etablierte PET-LP die Musikindustrie dabei, umfassende Klima- und Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Die PET-LP ist recyclingfähig und macht zudem den Einsatz von Erdgas und Dampf im Produktionsvorgang überflüssig. So konnte die CO₂-Emission im Herstellungsprozess um bis zu 85 Prozent im Vergleich zu herkömmlichen Vinyl-Langspielplatten gesenkt werden. Eine Studie ergab, dass 69 Prozent der Vinylkäufer ihren Konsum steigern würden, wenn Schallplatten nachhaltig produziert wären, und 77 Prozent würden sogar einen Aufpreis für umweltbewusste Formate in Kauf nehmen.

Da Nachhaltigkeit in allen Branchen, einschließlich der Unterhaltungsindustrie, zunehmend an Bedeutung gewinnt, bietet EcoRecord nun eine bereits in der Herstellung deutlich umweltfreundlichere Alternative für Musiklabels und Künstler auf der ganzen Welt. Das Material wurde speziell auf die fortschrittlichen Spritzgussmaschinen von Sonopress zugeschnitten, die man ursprünglich für die Herstellung optischer Medien wie CDs, DVDs und Blu-rays entwickelt hatte. Sonopress ist beileibe kein „heuriger Hase“ im LP-Geschäft – bis zum Jahre 1992 hat man in Gütersloh Unmengen klassischer Vinyl-LPs produziert. Die Nachfrage nach diesen Tonträgern ließ allerdings in den neunziger Jahren derart nach, dass sich die Produktion kaufmännisch nicht mehr rentierte und schließlich eingestellt wurde.

Inzwischen stehen im Produktionssaal in Gütersloh drei große Spritzgussmaschinen, die aus dem recyclebaren Rohmaterial Polyethylenterephthalat (PET) mit hoher Taktung und einem Anpressdruck von bis zu 300 Tonnen EcoRecord-Tonträger in allen gewünschten Farben fertigen. Der Kunde kann die Farbe seiner in Auftrag gegebenen Tonträger selbst aussuchen – und fast alle Farben sind möglich. „Bei unserem Inkplosion-Verfahren werden dem transparenten PET individuell Farbpigmente zugemischt, wobei der Kunde aus einer Vielzahl von Farben wählen kann und die erzielbaren Effekte von leuchtend und kräftig bis transluzent und subtil reichen“, erläutert uns der zuständige Sales-Vizepräsident Jörg Pollmeyer. Für die präzise und zugleich kreative Umsetzung hat Sonopress ein neuartiges Automatisierungssystem entwickelt, das die Mischung von Farben und Pigmenten kontrolliert und gleichzeitig Raum für Individualität lässt. Wie bereits erwähnt ist der Energieverbrauch um 85 Prozent geringer als bei der herkömmlichen Vinylproduktion. Das zu 100 Prozent recycelte PET oder wahlweise Virgin-Material (hierbei handelt es sich um neu produzierten, nicht recycelten Kunststoff) bietet zudem eine geradezu herausragend gute Klangqualität, die jeden Tonmeister auf seine Fähigkeiten überprüft. Da geht jetzt bei den Semi-Profis nichts mehr mit „… mal eben schnell über’n Laptop abgemischt und auf winzigen Studiolautsprechern abgehört – das reicht schon für die Masse!“ Nein, Freunde des schnellen Produzierens, wer Klangbrei abgemischt hat und anliefert, bekommt das auch zu hören. Wer sich allerdings Mühe gibt und zudem über die nötigen Fähigkeiten verfügt, wird mit einem Top-Klang belohnt!

Zwei PET-EcoRecord-LPs hatten wir zum Hören erhalten: Prehension, eine Veröffentlichung des niederländischen Komponisten und Pianisten Joep Beving bei der Deutschen Grammophon; die andere, eine Jazzplatte, ist eine Live-Einspielung von Dexter Gordon aus dem Jahre 1981, More Than You Know. Beide Platten sind schwarz und kommen zuallererst in meine Plattenwaschmaschine.
Kaum ist die Beving-Scheibe auf dem Plattenteller meines großen Laufwerks gelandet, sorgt die erstaunliche Laufruhe der absolut planen Platte (!) bei mir auch schon für ein sehr intensives Hineinhören. Irritiert nehme ich beim Abspielen der PET-LP des niederländischen Pianisten disharmonisch klingende Nebengeräusche wahr, die ich zuerst nicht einordnen kann. Bis es mir wie Schuppen von den Augen fällt – es ist die Hammermechanik des Flügels, die beim Anschlag der Tasten Geräusche macht! Da hat der aufnehmende Tonmeister es wohl (sicherlich aus Gewohnheit) etwas zu gut gemeint mit einem Mikrofon, das der Technik im Flügel etwas zu nah gekommen ist – und das neue Tonträgermaterial PET zeigt es sofort auf! Super – endlich ein LP-Material, das klanglich herausragende Eigenschaften besitzt und außerordentlich nachhaltig zu produzieren ist. Bei der Jazzplatte wurde dagegen sofort hörbar, dass sie im Jahre 1981 klassisch analog aufgenommen und abgemischt wurde.
Tja, dieses neue LP-Material ist sensationell gut in der Wiedergabe, und zur exakten Beurteilung benötige ich jetzt noch eine herausragend aufgenommene LP. So etwas gibt es immer bei Stockfisch-Records … Der Zufall will es, dass das Label diesen Monat die neue Katja-Werker-Aufnahme An seidenen Fäden herausbringt, und dieses Album zeigt nun die hervorragend guten Klangfähigkeiten des PET mit der EcoRecord in einer ganz eigenen, involvierenden Darstellung, die nicht nur mich schlichtweg begeistert – aber das ist eine andere Geschichte.






