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Iron Butterfly - Butterfly Bleu

Iron Butterfly – Butterfly Bleu

Longtrack, 1970

Iron Butterfly – Butterfly Bleu

Zum Progrock gehören Tempowechsel, Klassik- und Jazzanklänge, umfangreiche Instrumentalteile und überraschende Instrumente. Weil das alles zusammen kaum in einen Drei-Minuten-Song passt, gibt es den Longtrack.

Ihr größter, ihr einziger großer Hit war „In-A-Gadda-Da-Vida“ von 1968. Dieser 17-Minuten-Hippie-Longtrack wurde bei den Liveauftritten von Iron Butterfly regelmäßig zur musikalischen Droge. Der Gitarrist der Band, Erik Brann, wollte dann allerdings in eine andere Richtung gehen und verließ Iron Butterfly Ende 1969. Ersetzt wurde Brann durch gleich zwei Kollegen: Mike Pinera und Larry Reinhardt, kompetente Rockgitarristen mit einem starken Blues-Background. Das hat die stilistische Orientierung der Band kräftig verschoben. Kein Wunder, dass sie ihr nächstes Album Metamorphosis nannten.

Iron Butterfly - Butterfly Bleu

Weil die neue Besetzung nun auch ihren eigenen Trip-Song haben wollte, entstand für dieses Album damals das 14-minütige „Butterfly Bleu“, ein suitenartiger Longtrack mit mehreren Melodien, wechselnden Tempi und verschiedenen freien, psychedelischen Zwischenteilen. „Was vor zwei bis drei Jahren ‚In-A-Gadda-Da-Vida‘ war, könnte heute ‚Butterfly Bleu‘ werden“, sagte die Moderatorin Uschi Nerke beim TV-Auftritt der Band im Beat Club Anfang 1971. Das war nicht übertrieben – „Butterfly Bleu“ hätte ein Riesending werden können. Das beweist die 20-Minuten-Liveversion, die damals für den Beat Club entstand (nachzuprüfen auf Youtube).

Schon in den 14 Minuten der Studioaufnahme gibt es eine Menge zu hören. Da ist gleich am Anfang ein Monster-Riff-Thema der Gitarren. Dem folgt der eigentliche Songteil mit einem gefühlvollen, langsamen Beat, einem erdigen Blues nachempfunden. Drei Strophen singt Mike Pinera hier – es geht um einen Schmetterling, und der Schmetterling ist natürlich eine Frau: „Butterfly, fly away with me“. Dazwischengeschaltet ist ein Solo der Orgel, mehr akkordisch-psychedelisch, und den Abschluss machen 10 Takte eines kräftigen, vorkomponierten Gitarrensolos.

Dann der erste Bruch (bei 4:32): Übergangslos nimmt die Band ein schnelles Tempo auf, die beiden Gitarren intonieren gemeinsam ein Thema à la Allman Brothers Band und toben sich danach ein wenig aus. Nach rund zwei Minuten der nächste Bruch: Das Stück kippt ab in eine psychedelische Collage mit Gitarrenakkorden, Orgeltönen, Melodica, Geräuschhaftem. Mitten in diesem Out-of-tempo-Teil entwickelt sich dann (ab 8:05) ein kleiner Shuffle der zwei Gitarren mit dem Bass dabei. Dieser Abschnitt ist nur kurz, wäre in den Konzerten der Band aber wohl kräftig angewachsen – das verrät schon die erwähnte Version aus dem Beat Club.

Es folgt der skurrilste Teil des Stücks (ab 9:12): ein Experiment mit der Talkbox. Das war ein Gerät zur Verfremdung des Gitarrensounds – nämlich über einen Schlauch im Mund. Wer weiß, was Pinera aus dieser etwas befremdlichen Einlage im Lauf der Zeit entwickelt hätte … Kurz vor der 12-Minuten-Marke setzt dann der langsame Bluesbeat wieder ein, Pinera singt die vierte Strophe, und am Ende (ab 13:00) gibt es noch einen ruhig-hypnotischen Orgelausklang.

Der Titel des Stücks passte genau: „Butterfly Bleu“ ist halb Butterfly, also Hippie-Psychedelik, und halb Blues, also erdiger Allman-Brothers-Sound. Doch die stilistischen (oder menschlichen?) Gegensätze in der neu formierten Band wurden schnell problematisch. Schon im Mai 1971 lösten sich Iron Butterfly auf. Deshalb ist dieses Stück nie zum Rockklassiker geworden. Dabei war das Album Metamorphosis noch recht erfolgreich.

Iron Butterfly – Metamorphosis auf Discogs.

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