Jazz Sabbath – Vol.2
Künstliche Intelligenz erobert die Welt – leider auch die Musikwelt.
Das Netz ist voll von künstlich generiertem Quatsch: Da singt Country-Outlaw Johnny Cash zum Beispiel die 90er-Jahre-Eurodance-Nummer „Barbie Girl“ und Frank Sinatra „Gangsta’s Paradise“. Und Black Sabbath, die Heavy-Metal-Pioniere rund um den kürzlich verstorbenen Ozzy Osbourne, spielen Jazz … Aber stop, hier ist kein Algorithmus am Werk. Sondern der echte, analoge Adam Wakeman, langjähriger Tour-Keyboarder von Black Sabbath und auch der Solo-Band von Ozzy Osbourne.
Wakeman gründete 2013 tatsächlich das Seitenprojekt Jazz Sabbath. Eine Band, die ganz ernsthaft die Frage beantwortet: Wie klänge es, wenn Black Sabbath nicht das Genre Heavy Metal mitbegründet hätten, sondern Jazz-Arrangements gespielt hätten? Eine akustisch eindrucksvolle Antwort liefert zum Beispiel die zweite Platte der Band: Jazz Sabbath – Vol.2. Ein hochwertig produziertes Album – und zudem eine besondere Möglichkeit, hier noch einmal des unvergleichlichen, einzigartigen Ozzy Osbourne zu gedenken.
Die Idee für das Projekt entstand während einer Black-Sabbath-Tour zu später Stunde an einer Hotelbar. Ein Security-Mitarbeiter fragte Wakeman, ob er die Songs der Band eigentlich auch auf dem Piano in der Lobby spielen könne. Er konnte – und spielte so lange, bis das Hotelpersonal nach Hause gehen wollte. Vol.2 knüpft dort an und nimmt uns mit in die Soundkulisse dieser Hotellobby. Das Album fühlt sich an wie die musikalische Begleitung für einen entschleunigten Abend in einer schicken Bar. Schon die erste Nummer – „Paranoid“, einer der bekanntesten Songs von Black Sabbath, ursprünglich natürlich gesungen von Ozzy Osbourne – hat Swing, hat Drive, hat Tempo und macht Spaß. Hier hört man keine billigen Kopien legendärer Songs. Das ist guter Jazz, gespielt von einem der Schwergewichte des Heavy-Metal-Keyboards. Die düsteren, schweren Klänge des Originals werden dank seines filigranen Spiels locker und leicht. Erst recht, wenn die Bläser hinzukommen, die sogar für eine recht authentische New-Orleans-Atmosphäre sorgen.
Vol.2 zeigt, was aus Black-Sabbath-Stücken noch herauszuholen ist. „Symptom Of The Universe“ etwa ist eigentlich ein sehr rifflastiges, hartes Stück Metalgeschichte. Hier klingt es im akustischen Soundgewand plötzlich verträumt und melancholisch wie ein Stück aus dem La La Land-Soundtrack. Für die Stimmung sorgen neben Wakeman auch Jerry Meehan am Bass und Ash Soan am Schlagzeug. Meehan spielt bei Robbie Williams und Soan unter anderem für Van Morrison, Bryan Adams oder auch Alicia Keys. Soan etwa startet „Sabbra Cadabra“ lässig mit einem 20-sekündigen Schlagzeugsolo, ehe Wakeman am Piano die Klänge des eingängigen Gitarrenriffs interpretiert.
Wer beim Namen Wakeman bereits stutzig geworden ist: Ja, Musikalität und Kreativität kommen nicht von ungefähr. Sein Vater ist Rick Wakeman, stilprägender Keyboarder der Band Yes („Owner Of A Lonely Heart“) und vielgefragter Studiomusiker – er wirkte unter anderem an David Bowies „Space Oddity“ und Cat Stevens „Morning Has Broken“ mit.
Mit Jazz Sabbath schuf sich Sohn Adam nun seine eigene Legende: Die Auftritte der Band sind durchaus theatralisch, und zwar im wörtlichen Sinne. Adam Wakeman setzt bei Livegigs nämlich immer eine graue Perücke auf und erzählt die Story des jungen Ausnahmemusikers Milton Keanes (gespielt von ihm selbst), dessen Songideen Ende der 60er Jahre von einer Metalband geklaut wurden. Um diese Fake Story zu untermauern, gibt es die Werke der Band auch als Mono-Editionen und sogar auf Kassette zu kaufen. Das Ganze ist ein gut funktionierender, perfekt produzierter Witz. Aber er zündet: Vol.2 landete 2022 auf Platz eins der Jazzdownload-Charts in den USA, in Großbritannien und in Kanada. Das hat bisher kein KI-generierter „Barbie Girl“-Cash geschafft. Zum Glück.
Jazz Sabbath – Vol.2
Label: Blacklake
Format: LP, CD, Kassette, DL 16/44



