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1000 Jahreszeiten

1000 Jahreszeiten

Hörstoff: Vivaldis Vier Jahreszeiten rekomponiert

1000 Jahreszeiten

300 Jahre alt und doch lebendiger denn je sind Vivaldis Le quattro stagioni. Diese vier Violinkonzerte, jedes dreisätzig und rund 10 Minuten lang, haben sich zum Dauerrenner entwickelt.

Netterweise schrieb uns Vivaldi zu jedem der vier Konzerte ein Sonett, das das musikalische „Programm“ erklärt. In den Anfangssätzen, heißt es, „hören“ wir meist den Wind und (im Frühlings- und Sommerkonzert) auch die Vögel – im Herbst allerdings geht es um ein Besäufnis. In den langsamen Mittelsätzen wird viel geschlafen, im Frühling und Sommer im Freien, im Herbst im Rausch, im Winter im warmen Zuhause. Der Schlusssatz ist weniger berechenbar: ein Frühlingstanz, ein Sommergewitter (der größte „Hit“ im Zyklus), eine Herbstjagd und ein Wintertag draußen (mit Eissturm). Durch das „Programm“ enthält die Musik mehr Bruchstellen und Dramatik, als wir aus dem Barock gewohnt sind – darauf beruht ein Teil des Jahreszeiten-Erfolgs. Schon im 18. Jahrhundert wurden Melodien aus diesem Werk in Potpourris verwendet, für Flöte oder Drehleier bearbeitet, für Arien, Kantaten, Motetten hergenommen.

Dann war erst mal Pause. Fast 200 Jahre lang interessierte man sich kaum für Vivaldi. Erst im 20. Jahrhundert – mit der Schallplatte! – wurden die Vier Jahreszeiten zum Klassik-Schlager. Aufnahmen häuften sich – im großen sinfonischen Sound oder (ab 1977) historisch informiert. Junge Solisten feierten mit diesem Werk ihren Durchbruch – etwa Anne-Sophie Mutter 1984 und Nigel Kennedy 1989. Durch den Bedarf an immer wieder „frischen“ Interpretationsansätzen wurden die Jahreszeiten schließlich zum Crossover-Objekt par excellence. Sie wurden verjazzt, verrockt und verbluest und hundertfach transkribiert: für Chöre, Bläser, Gitarren, Harfen, Klaviere. Die Solovioline musste auch mal der Blockflöte weichen, der Panflöte, dem Akkordeon, dem Marimbafon. Es entstanden Versionen und Teilversionen für japanische, chinesische, koreanische Instrumente, für Synthesizer, Computer, Surf- oder Metal-Gitarren, für Pop- und New-Age-Gesang. Es gibt hier scheinbar nichts, was es nicht gibt – und dennoch kommt immer noch mehr.

Viel Beachtung fand Max Richters „Re-Komposition“ für Violine, Kammerorchester und Synthesizer. Sein Werk greift nur einzelne Figuren und Motive Vivaldis heraus, wiederholt und variiert sie, führt sie minimalistisch weiter.

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Dabei schlagen der Synthesizer und der pulsierende Rhythmus deutlich eine moderne Brücke zum elektronischen Dancebeat-Sound. Der Trance-Effekt von Richters Zyklus brachte das Album Recomposed 2014 sogar in die internationalen Popcharts. Doch Richter ist – ebenso wie Nigel Kennedy (1989/2014) – ein Vivaldi-Wiederholungstäter. 2022 erschien bereits eine „Neufassung“ seiner Re-Komposition – nun mit historischen Geigen, Darmsaiten und einem „gröber“ tönenden alten Moog-Synthesizer. The New Four Seasons (DG, 2022) ist die expressivere und kräftigere Version.

Das ambitionierte „Re-Komponieren“ von Vivaldis Werk hat schnell Schule gemacht – etwa bei Karl Aage Rasmussen oder Peter Navarro-Alonso. Letzterer ist Mitglied im Trio Alpha, einem mit Flöte, Saxofon und Perkussion sehr eigenwillig besetzten Ensemble. Navarro-Alonsos Le Quattro Stagioni (DaCapo, 2018) sind quasi ein Concerto grosso für das Trio Alpha und ein Streichorchester.

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Elemente von Vivaldis „Frühling“ bilden hier den Anfang, der „Sommer“ wird zum Scherzo, der „Herbst“ zum langsamen Satz, der „Winter“ zum Presto-Finale. Auch Navarro-Alonsos Werk setzt auf die rhythmische Kraft des Pulsierens. Aber während Richter eine harmonisch reduzierte Trance-Musik erschaffen hat, entsteht hier ein hochdynamisches und perkussives Werk mit modernen Dissonanzen und spannender Polyrhythmik.

Eine weitere originelle Bearbeitung kommt vom Janoska-Ensemble: The Four Seasons In Janoska Style (DG, 2024). Wir hören ein Quartett mit zwei Violinen, Kontrabass und Klavier, eine Mixtur aus Kammerensemble, Jazzband und Wiener Salonorchester.

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Wohin bei den Janoskas die Reise geht, machen schon die Untertitel der zwölf Sätze deutlich, etwa „The Groovy Birds“ (I.1), „The Irish Wedding“ (I.3), „Caribbean Vibes“ (II.1), „7/8 Balkan Journey“ (III.1) oder „The Hunter And The Jazzy Fox“ (III.3). Es erwarten uns sehr überzeugende Umdeutungen im Sinne von Weltmusik und Jazz, untermischt mit ironischen Anspielungen auf die Musik der Romantik, den ungarischen Stehgeiger oder das Wiener Walzerschluchzen. Das alles ist mit großer musikantischer Virtuosität gespielt, mit bester Laune und fröhlicher Improvisationskunst.

www.deutschegrammphon.com

www.dacapo-records.dk

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