Gold Note PH-1000
Im Gold Note PH-1000 wird die Kombination eigentlich widersprüchlicher Kompetenzen zur Realität. Und dieses „Schweizer Taschenmesser“ unter den Phonovorverstärkern überzeugt auch klanglich auf ganzer Linie.
Vor fast zwei Jahren hatte ich das Glück, über den Gold Note Mediterraneo X berichten zu können. Dieser wunderbare Plattenspieler ist mir nachhaltig in Erinnerung geblieben, und so war ich hocherfreut, den Phonovorverstärker PH-1000 von Michael Stolz, dem Gold-Note-Spezialisten der ATR, in Empfang nehmen zu dürfen. Das Topmodell der Italiener wartet mit einer Ausstattung auf, die meiner Kenntnis nach einzigartig ist. Bevor ich darauf näher eingehe, möchte ich auszugsweise Maurizio Aterini zitieren, den Gründer und CEO, der mir in einer Mail die Grundgedanken zur Konzeption der PH-1000 erläuterte: „Wir […] sind der Meinung, dass Klangqualität keine Frage der Meinung ist, sondern eine Verantwortung. Eine Verantwortung gegenüber dem Künstler, dem Toningenieur, dem Studio und vor allem dem Zuhörer […] Unser Ziel ist es nicht, den besten Klang der Welt zu schaffen, sondern die Zuhörer der Wahrheit jeder Aufnahme näherzubringen, unabhängig von Genre, Epoche oder Produktionskomplexität. […] Es gibt keine unmöglichen Schallplatten, nur Systeme, die nicht in der Lage sind, sie vollständig wiederzugeben.“ Ein Standpunkt, mit dem ich mich durchaus anfreunden kann. Mit welcher Konsequenz diese Philosophie beim PH-1000 umgesetzt wurde, lässt sich schon anhand der vielfältigen Konfigurationsmöglichkeiten erahnen.

Vorab ein kleiner Exkurs über die Äußerlichkeiten – das Auge hört schließlich mit. Die Gehäusedimensionen im klassischen 43-Zentimeter-Format teilt die Phonostufe mit allen Geschwistern der 1000er-Serie. Das macht optisch wie auch produktionstechnisch Sinn. Das Gehäuse ist aus Aluminium gefertigt, 12 Millimeter starke Frontplatte, 6-Millimeter-Deckel und -Seitenwände, das nenne ich solide! Diesem massiven Quader wird durch geschwungen angeordnete Lüftungsschlitze und dezente Fräsungen – das Golde-Note-Markenzeichen im Deckel und zwei vertikale Nuten in der Frontplatte – eine elegante Leichtigkeit verliehen. Einzig auffälliger Zierrat ist das goldene, knopfförmige Gold-Note-Emblem. Darunter befinden sich die LED zur Betriebsanzeige, ein IR-Auge für die Fernbedienung und die 6,3-Millimeter-Kopfhörerbuchse. Rechts daneben liegt ein 73 mal 55 Millimeter großes Display. Das einzige Bedienelement, ein Dreh-/Druckschalter, ist rechts auf der Frontplatte platziert. Mit diesem handlichen Aluknopf lassen sich sämtliche Einstellungen vornehmen. Der definierte Druckpunkt bzw. das Raster in der Drehbewegung geben eindeutige Rückmeldungen der erfolgten Schaltvorgänge.

Die Anschlüsse auf der Geräterückseite profitieren von den üppigen Gehäusedimensionen: Die reichlich vorhandenen Buchsen sind in komfortablem Abstand zueinander angeordnet. Auch große Stecker finden problemlos Platz. Das gerne verwendete (und bei mir nicht besonders beliebte) Mäuseklavier zur Anpassung der verschiedenen Parameter suche ich zum Glück vergeblich. Bis zu drei Tonabnehmer finden über zwei RCA- und eine XLR-Buchse-Anschluss. Diese können unabhängig in allen Parametern konfiguriert werden, wobei der symmetrische Eingang MC-Abtastern vorbehalten ist. Zur Erdung sind den Single-Ended-Anschlüssen Rändelmuttern zugeordnet. Jeweils eine weitere Buchse ist für den Anschluss zusätzlicher Lastwiderstände vorgesehen. Ausgangsseitig steht ein symmetrischer XLR- sowie ein unsymmetrischer RCA-Anschluss zur Verfügung. Buchsen für das optionale Upgrade-Netzteil, die Upgrade-Röhrenausgangsstufe sowie ein RS- und USB-Anschluss (für Firmware-Aktualisierungen) komplettieren die Ausstattung. Die vergoldeten RCA-Eingänge machen einen hochwertigen Eindruck, sie sind einzeln mit der Gehäusewand verschraubt, die XLR-Buchsen stammen aus dem bewährten Neutrik-Programm. Der harte Netzschalter sitzt mit Abstand oberhalb der C14-Buchse, sodass er auch bei der Verwendung eines Stromkabels mit großen Steckern bedient werden kann. Das ist beileibe nicht immer so.

Tommaso Perotto vom Gold-Note-Marketingteam versorgte mich mit weiteren Informationen, die ich aufgrund ihrer Fülle nur in Auszügen wiedergeben kann. So teilte er mir mit, dass der PH-1000 vollständig diskret in reiner Class-A-Dual-Mono-Schaltung aufgebaut ist. Beide Kanäle seien physisch getrennt, um gegenseitige Beeinflussung zu eliminieren. Das Netzteil ist unabhängig geschirmt. Die Signalwege sind trotz der komplexen Konfigurationsmöglichkeiten kurz gehalten. Alle Bauteile werden ausführlichen Qualitätschecks unterworfen, die zulässige Toleranz liegt hier bei einem Prozent. Der Hersteller betont, dass es sich um eine rein analoge Schaltung handelt, ohne DSP und computerbasierte Eingriffe. Dabei ginge es Gold Note nicht um beeindruckende technische Daten, die gleichwohl hervorragend sind, sondern um hörbare Konsequenzen. Das gelte auch uneingeschränkt für den ebenfalls in Class A betriebenen Kopfhörerverstärker, der eine vollwertige Ergänzung sei. Abschließend sei noch angemerkt, dass die Entwicklung und Fertigung ausschließlich in Montespertoli bei Florenz stattfindet.*

Was ist die Aufgabe eines Phonovorverstärkers, der eigentlich „Phono-vor-vor-entzerr-Verstärker“ heißen müsste? Zuerst muss er die winzigen Signale des Tonabnehmers so weit verstärken, dass ein Line-Vorverstärker (oder die Eingänge eines Vollverstärkers) sie verarbeiten kann. Zweitens sollte er gemäß den elektrischen Parametern (Impedanz, Kapazität) des Tonabnehmers konfiguriert werden können. Drittens muss er die produktionsbedingte Verzerrung der Schneidkennlinie entzerren. Das ist nichts Neues, ich führe es hier aber auf, um die umfangreichen Möglichkeiten, die der PH-1000 bietet, etwas zu sortieren. Alle Einstellungen, die übersichtlich auf dem Display angezeigt werden, lassen sich mit dem Druck-/Drehknopf oder der mitgelieferten Fernbedienung vornehmen. Die Grundeinstellung der Verstärkung liegt für MM-Systeme bei 40 Dezibel, für MC-Systeme bei 65 Dezibel. Nach Auswahl des verwendeten Systems lässt sich dieser Wert in 1-Dezibel-Stufen von −9 bis +9 Dezibel anpassen. Das ergibt bei MM-Abtastern einen Bereich von 31 bis 49, bei MC-Abtastern von 56 bis 74 Dezibel. Neben der optimalen Gain-Einstellung für die spezifischen Anforderungen lassen sich dadurch auch unterschiedlich laute Tonabnehmer anpassen. Das ist nicht nur zum Vergleich verschiedener Systeme hilfreich, auch im Genießer-Modus empfinde ich es als angenehm, wenn alle Quellen zumindest einen in etwa gleich lauten Level bieten.

Die Werte der Lastimpedanz lassen sich fein abgestuft in einem Bereich von 10 Ohm bis 100 Kiloohm einstellen. Wem das nicht genug ist, der kann an den hierfür vorgesehenen Buchsen (XLR + RCA) individuelle Lastwiderstände anschließen. Die Lastkapazitäten für MM- und MI-Systeme sind in sieben Stufen bis 1000 Pikofarad einstellbar.
Wirklich wüst wird es bei den Möglichkeiten, die passende Entzerrungskurve einzustellen. Wer befürchtet, dass dadurch der Musikgenuss zwangsweise zu einer Konfigurations- und Justage- Orgie entarten könnte, sollte allerdings entspannt bleiben – der von der Recording Industry Association of America etablierte RIAA-Standard wurde ca. 1962 auch in Deutschland übernommen und in den DIN-Normen 45536/7 festgeschrieben, und bis auf wenige Ausnahmen sind alle danach gefertigten Platten mit der RIAA-Schneidkennlinie hergestellt worden. Das heißt übersetzt: Alle Vinyl-Freunde, die ausschließlich Platten „neueren Datums“ ihr Eigen nennen, können sich entspannt zurücklehnen und die Option RIAA auf dem Display einstellen.

Nun gibt es aber gerade unter Schallplattenliebhabern eine Fraktion, die an den noch in Mono aufgenommenen Platten, die Ende der 40er/Anfang der50er Jahre des vorigen Jahrhunderts entstanden sind, ihre Freude haben. Und für diese bietet die PH-1000 eine schier grenzenlose Spielwiese. Inklusive der Standard-RIAA stehen sage und schreibe 18 verschiedene Kurven zur Auswahl, damit nicht genug können weitere vier Kurven frei konfiguriert und abgespeichert werden. Eine auf der Gold-Note-Website zu findende umfangreiche Liste erläutert, wann die verschiedenen Labels welche Schneidkennlinien verwendet haben. Die zugehörigen Eckparameter, Bass-Turnover, Bass-Shelf und Treble-Cut, werden für jede Kurve aufgeführt. Durch Veränderung dieser Paramater lassen sich eigene Entzerrungskurven erzeugen und auf vier zur Verfügung stehenden Positionen speichern.
Der zur jeder angewählten Kurve zusätzlich aktivierbare Enhanced-Modus setzt dem Ganzen die Krone auf: Hierbei werden die oberen Frequenzen angehoben, die bei einigen Pressungen produktionstechnisch abgesenkt wurden, so der Hersteller. Der Betrieb lässt sich zwischen Stereo und Mono wechseln, die Phase ist invertierbar. Die Kanäle (links/rechts) lassen sich vertauschen, ein Subsonicfilter (10 Hz bei −36 dB/Okt.) kann aktiviert werden (während des Tests nicht notwendig). Diese beispiellosen Konfigurationsmöglichkeiten könnten verwirren, dank des übersichtlichen, dimmbaren Displays und der Einknopfbedienung geraten jedoch sämtliche Einstellungen zur Spielerei. Vorteilhaft ist, dass alle Einstellungen auch mit der schicken Fernbedienung erfolgen können. Ich hatte vom Hörplatz die direkte Kontrolle über die Klangveränderungen, da ich die Parameter „on the fly“ anpasste. Der Ton wurde nur für den kurzen Moment des Schaltvorgangs stummgeschaltet. Auch direkte Vergleiche zwischen Tonabnehmern sind möglich, besonders durch den schon erwähnten Pegelabgleich.

Nach so viel Technik kommen wir nun endlich zur Frage, wie der Gold-Note-Vorvorverstärker denn nun eigentlich klingt. Ohne Umschweife: Die PH-1000 ist die beste Phonostufe, die jemals in meinem Setup zu Gast war. Schon nach wenigen Betriebsstunden (das Gerät kam frisch aus dem Karton) erübrigte sich jegliche analysierende Hörsession. Einfach alles war überzeugend: Die grenzenlose Räumlichkeit, die punktgenaue Ortbarkeit der Schallereignisse, die Tonalität. Die verschiedenen Schichten einer Komposition wurden fein säuberlich dargestellt, die Fein- und Grobdynamik ließen nichts zu wünschen übrig. Und das vor einem absolut stillen Hintergrund.
Auf mediokren Anlagen wird der quirlige und vielschichtige Jazzrock auf Weather Reports Night Passage schnell anstrengend. Ganz anders geht die PH-1000 mit dem schwindelerregenden Gewirbel um. Bestens sortiert, sogar in der Höhe unterscheidbar, verteilt sich das Feuerwerk der Perkussionsinstrumente im Hörraum, die verschiedenen Keyboard-Layer bleiben differenziert in Klangfarbe und räumlicher Tiefe. Jaco Pastorius lässt die Bassläufe über das Griffbrett rasen und seinen Fretless-Bass in schönsten Klangfarben singen.
Durch einen Konzertausschnitt wurde ich auf die neuste Scheibe von Vincent Peirani aufmerksam. Der Akkordeonspieler und seine Formation Living Being IV haben mit Time Reflections ein faszinierendes Werk geschaffen, in dem Jazz mit poppigen Einflüssen und französischem Flair vereinigt wird. „Physical Attraction“ entwickelt sich langsam vom One-Drop- zum Steppers-Reggae-Style, die melancholischen, träumerisch wandelnden Melodien steigern sich in ein jazziges Finale. Die erstklassige Aufnahme (typisch ACT) zeigt alle Fähigkeiten der PH-1000. Die Musik steht vollkommen plastisch im Raum, der Bass drückt unerbittlich tief und konturiert über den Boden bis in meine Innereien. Der sanfte, warme Ton des Sopransaxofons überschneidet sich mit dem Akkordeon und ist trotzdem deutlich erkennbar. Die kurzen, aber prägnanten Snare Rolls durchbrechen unerwartet den coolen Groove, einzelne zackige Schläge auf die Becken explodieren losgelöst im Raum. Die Dynamik ist beeindruckend.
Nachdem ich die klanglichen Fähigkeiten der Phonostufe ausgelotet hatte, begab ich mich auf die Suche nach alten Schätzchen, um den Effekt der genau passenden EQ-Kurve auszuprobieren. Der Zufall wollte es, dass mir während der Testphase eine Unmenge Schallplatten aus den Beständen eines ehemaligen Radiofachgeschäfts (1920 bis ca. 1980) überlassen wurden. In der Hoffnung, Platten aus der Pre-RIAA-Zeit zu finden, durchsuchte ich unzählige Scheiben, und tatsächlich fand ich einige Exemplare aus den späten 50ern. Vielversprechend schien mir eine Aufnahme der RCA von 1957 zu sein: Jascha Heifetz mit dem Violinkonzert von Tschaikowsky.
Ich probierte die verschiedenen RCA-Kurven, die aber nicht überzeugten. Die RIAA-Kurve klang am besten. Darauf widmete ich mich der EQ-Kurven-Liste auf der Gold-Note-Website. Anhand des Codes konnte ich eindeutig feststellen, dass die Scheibe zu den ersten gehört, die die RCA nach RIAA-Standard gefertigt hatte. Nun gut, Pech gehabt. Meine Versuche, Schallplatten, die unnatürlich dumpf oder zu schrill klangen, mittels angepasster Parameter goutierbar zu machen, waren jedoch von Erfolg gekrönt. So konnte ich meiner arg „muffig“ klingenden Version von Bob Marleys Positive Vibration aus dem Jahr 1976 wieder frisches Leben einhauchen.
Mir ist kein anderer Phonovorverstärker bekannt, der derart umfangreiche Konfigurationen anbietet. Trotz der endlosen Möglichkeiten bleibt der Umgang mit der PH-1000 dank des durchdachten, sehr übersichtlichen Bedienungskonzepts ein Kinderspiel. Der Verdacht, dass das Augenmerk auf die Klangqualität dabei in den Hintergrund geraten sein könnte, ist unberechtigt. Im Gegenteil: Diese Phonostufe gehört zu den besten, die ich jemals gehört habe. Sie fördert sämtliche Qualitäten der unterschiedlichsten Tonabnehmer zutage und lässt sie scheinen.
Gold Note bietet noch eine externe Röhrenausgangsstufe, die TUBE-1012, eine 12-Röhren-Class-A Ausgangsstufe, und das externe Netzteil PSU-1250 als Upgrade an. Ich kann mir kaum vorstellen, was an der Performance der PH-1000 noch verbessert werden könnte, neige aber nach meinen Erfahrungen mit den Gold-Note-Musikmaschinen dazu, dem folgenden Zitat des Herstellers Glauben zu schenken: „Externe Netzteile, modulare Erweiterungen und dedizierte Stufen sollen nie die Spezifikationen optimieren, sondern strukturelle, deutlich hörbare Verbesserungen liefern. Jeder Schritt nach vorne muss real, greifbar und mit jeder Musik, in jeder Umgebung wahrnehmbar sein. Wir fügen keinen Charakter hinzu. Wir enthüllen ihn.“ Diesem letzten Satz kann ich in Bezug auf den Golde Note PH-1000 uneingeschränkt zustimmen.
Info
Phonovorverstärker Gold Note PH-1000
Konzept: Phonovorverstärker mit digitaler Programmierung und 18 unterschiedlichen Entzerrungskurven
Frequenzgang: 20 Hz bis 20 kHz
Klirr: < 0,01 %
Max. Fremdspannungsabstand: 100 dB
Dynamikumfang: 110 dB
Infraschallfilter: 10 Hz bei 36 dB/Okt.
Betriebsmodi: Mono/Stereo, beides wahlweise mit invertierbarer Phase, Kanalvertauschung schaltbar
Zubehör: Fernbedienung
Optionen: Class-A-Röhrenausgangsstufe (um 6400 €), externes Booster-Netzteil (um 6000 €)
Ausführungen: Schwarz, Silber, Gold
Maße (B/H/T): 43/14/38 cm
Gewicht: 12 kg
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: um 10 900 €
Kontakt
ATR – Audio Trade
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Wallufer Straße 2
65343 Eltville am Rhein
Telefon +49 208 882660
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