New American Symphonies
Auf dem neuen Album New American Symphonies findet sich eine musikalische Entdeckung – oder richtiger: eine Wiederentdeckung.
Eine Kooperation zwischen FIDELITY und dem Copper Magazine
Der Originalartikel erschien im Copper Magazine, Ausgabe 233.
Roy Harris schrieb seine Trombone Symphony ursprünglich 1938 für Tommy Dorsey, doch erst jetzt ist sie erstmals eingespielt worden. Dieses großartige Stück zeigt Einflüsse aus dem Jazz und aus der Klassik, und man kann auch Einflüsse aus Musicals und zeitgenössischer populärer Musik ausmachen. Wenn man es hört, fragt man sich unweigerlich, warum es so lange gedauert hat, bis es ans Licht der Öffentlichkeit gelangte. New American Symphonies ist seit 14. August in Stereo und als Immersive-Audio-Version in verschiedenen Formaten.
Das Album kombiniert die Trombone Symphony mit Night Suite, einem modernen Werk des Komponisten Scott Ninmer. Die Einspielung mit dem Posaunisten Jim Pugh ist sowohl musikalisch als auch klanglich herausragend – Letzteres überrascht kaum, schließlich wurde sie von Jim Anderson und Ulrike Schwarz im Digital-eXtreme-Definition-Format (DXD) produziert. New American Symphonies versammelt ein großes Ensemble mit rund einem halben Dutzend Holzbläsern, vier Trompeten, drei Posaunen, Klavier, Bass, Schlagzeug, Gitarre und Percussion. Zu den erstklassigen New Yorker Musikern gehören Pianisten wie Bill Charlap und Jim Beard sowie der Saxofonist Ted Nash. Das Ensemble der Trombone Symphony wurde von Marin Alsop dirigiert.
New American Symphonies ist als Download über Native DSD und HDtracks, auf allen gängigen Streaming-Diensten sowie als LP bei Citizen Vinyl erhältlich.
Laut einer Pressemitteilung waren jahrelange Recherchen von Jim Pugh nötig, um die Trombone Symphony ans Licht zu bringen. Schließlich entdeckte er Roy Harris’ Originalmanuskripte in der Library of Congress. Pugh fand heraus, dass Tommy Dorseys Orchester einst versucht hatte, Teile der Symphony zu proben, das Vorhaben jedoch wieder aufgab. Öffentlich aufgeführt wurde das Werk nie. Kaum zu glauben. Wie Pugh bemerkt: „Wenn man die Augen schließt und den ersten Satz hört, kann man bereits erahnen, wohin sich der Jazz 35 oder 40 Jahre später entwickeln würde … Es ist wie eine bemerkenswerte kleine Zeitkapsel, die durch die Maschen der Geschichte gerutscht ist.“

Tatsächlich klingt der erste Satz ausgesprochen zeitgemäß und überhaupt nicht antiquiert. Ich könnte ihn mir ebenso gut als Ouvertüre zu einem Broadway-Musical von Bernstein vorstellen wie als Werk eines heutigen Komponisten. Das Tempo ist rasant – kein Wunder, dass Dorseys Orchester Schwierigkeiten gehabt haben dürfte, es zu spielen. Die Klangfarben sind außerordentlich vielfältig, dazu kommen ein hervorragendes Zusammenspiel des Ensembles sowie faszinierende solistische Passagen und Dialoge zwischen Klavier, Holzbläsern und Blechbläsern. Tatsächlich schickte mir der Pressesprecher des Albums sogar die vollständigen Partituren. Es ist faszinierend, die Orchestrierung auf dem Papier zu betrachten und anschließend zu hören, wie sie zum Leben erwacht.
Das Publikum populärer Musik der 1930er-Jahre dürfte sich seinerzeit verwundert die Augen gerieben haben. Liebhaber der klassischen Musik hingegen hätten, so denke ich, diese Musik zu schätzen gewusst – steht sie doch Komponisten wie Gershwin und Copland durchaus ebenbürtig zur Seite.
Der zweite Satz ist zurückhaltender, von getragenem Tempo und erfüllt den Raum mit satten, tiefen Klangfarben. Jim Pughs wunderschön sonorer, warm schimmernder Ton ergänzt die Musik perfekt. Sie entfaltet sich in würdevoller Ruhe, und wie nicht anders zu erwarten, trägt die Posaune einen Großteil der Melodie. Wunderschön.
Scott Ninmers Night Suite klingt durch seinen Big-Band-Jazzcharakter, seine Akkordvoicings und seine harmonische Farbpalette moderner. Die Musik wirkt freier, weniger streng „komponiert“, und lässt mehr Raum für Improvisation und solistische Momente. Im ersten Satz, „Eventide“, erhält Pugh reichlich Gelegenheit zum Solieren, während die Band das Call-and-Response-Prinzip souverän beherrscht. Die Musik würde sich ohne Weiteres in eine Playlist mit Don Sebesky, Maynard Ferguson, dem Jazz at Lincoln Center Orchestra, Christian McBride und anderen großen Blech- und Holzbläserensembles einfügen.
Der zweite Satz, „Gliding Through the Darkness“, beginnt mit einer arpeggierten E-Gitarrenfigur, die von verschiedenen Instrumenten gedoppelt wird. Anschließend gesellen sich Blech- und Holzbläser hinzu und setzen üppige Akzente im Hintergrund. „Too Late“, der dritte Satz im mittleren Tempo, wirkt luftiger und beschwingter, mit ineinander verwobenen Melodien und ausgeprägtem Jazzfeeling. Kaum hatte ich den Gitarristen gehört, wusste ich, dass ich ihn schon einmal gehört hatte – konnte ihn aber zunächst nicht einordnen. Ein Blick in die Liner Notes brachte die Auflösung: Jon Herington, bekannt durch Steely Dan. Ich könnte mir vorstellen, dass Donald Fagen daran seine Freude hätte. Mir jedenfalls gefällt es ausgesprochen gut.
Klanglich ist die Aufnahme schlicht überwältigend. Der Klangraum ist umfassend, weit und tief – und das wohlgemerkt bereits in Stereo. Ich werde die Immersive-Version bei nächster Gelegenheit hören. Die tonale Balance ist in meinen Ohren makellos. Instrumentale Texturen lassen sich mühelos voneinander unterscheiden und bleiben auch dann klar konturiert, wenn die Orchestrierung komplex wird. Die Aufnahme besitzt Gewicht, Präsenz und eine hervorragende Dynamik. Zu keinem Zeitpunkt entsteht der Eindruck, man höre „eine Aufnahme“ – vielmehr scheint man unmittelbar in die Musik einzutauchen. Auf einer High-End-Anlage ist diese Einspielung schlicht wunderbar. Sie erinnert daran, warum wir das alles tun – diese Leidenschaft für audiophile Musikwiedergabe.
Natürlich musste ich Jim Anderson und Ulrike Schwarz fragen, wie New American Symphonies überhaupt entstanden ist.

Frank Doris: Wie konnte die Trombone Symphony, ein derart großartiges Werk, über Jahrzehnte unbeachtet bleiben?
Jim Anderson: Sie lag in einer Kiste in der Library of Congress. Die Geschichte beginnt eigentlich mit Jim Pugh. Er las eine Biografie über Leonard Bernstein, in der es darum ging, wie die Komponisten der 1930er-Jahre für Benny Goodman, Artie Shaw und andere schrieben. Und in einem Satz hieß es: „Und Roy Harris schrieb ein Posaunenkonzert für Tommy Dorsey.“ Jim dachte: „Was?“
Also begann er, sich näher damit zu beschäftigen, und erhielt schließlich die Genehmigung, in die Library of Congress zu gehen und Roy Harris’ Nachlass einzusehen. Sie arbeiteten sich durch Kiste um Kiste. Zuerst fand er eine Partitur, dann einzelne Stimmen. Schließlich entdeckte er die Partitur eines Satzes und die Stimmen für einen zweiten. Daraufhin rekonstruierte er beide Teile.
Anschließend sprach er mit Harris’ Witwe und erhielt die Genehmigung, ins Studio zu gehen und herauszufinden, wie das Werk klang. Wenn man genau hinhört, ist der erste Satz im Grunde fast ein Klavierkonzert für Bill Charlap. Er war gewissermaßen für Harris’ Frau geschrieben worden, die Pianistin war. Der zweite Satz wiederum ist im Wesentlichen Tommy Dorseys Solo. Und dann stellt man fest, dass die Musik nicht weitergeht. Es gibt keinen dritten Satz. Der Grund dafür ist, dass die Dorsey-Band nach einem Auftritt im Rainbow Room in New York versuchte, das Stück zu spielen und es kurzerhand für unspielbar erklärte. Daraufhin wurde es beiseitegelegt. Ich glaube, auf einer der Partituren steht sogar „abandoned“ oder etwas in dieser Art.
Ulrike Schwarz: Und auf der Trompetenstimme standen einige ausgesprochen unfreundliche Anmerkungen. Die Musiker mochten das Stück nicht.
JA: Jim [Pugh] hat mir nie erzählt, was genau dort geschrieben stand, aber irgendein Trompeter hatte etwas ziemlich Obszönes über das Stück notiert und erklärt, es sei schlicht unmöglich zu spielen. Es war jedenfalls nicht der typische Bebop der 1930er-Jahre. Ich meine, das Werk war seiner Zeit eindeutig um Jahre voraus. Aber wir gingen mit einigen der besten Musiker der Stadt ins Studio – und damit mit einigen der besten Musiker der Welt. Wir haben das Ganze in etwa sechs Stunden eingespielt.
Was Ninmers Stück betrifft: Er war früher Schüler von Jim und hat inzwischen eine ziemlich erfolgreiche Karriere als Komponist und Arrangeur gemacht. Heute ist er Mitglied der United States Marine Band. Er schrieb Night Suite zu Ehren von Jim, einem seiner ehemaligen Professoren. Als wir gerade mitten in den Aufnahmen zu Ninmers Stück waren, sagte ich: „Jim, was ist eigentlich aus diesem Trombone Concerto geworden, das wir aufgenommen haben?“ Er antwortete: „Es liegt einfach noch da herum.“ Und ich sagte: „Mit diesen beiden Stücken hätten wir ein Album.“ So kamen die beiden Werke zusammen.
FD: Für mich ist das eine Kombination, die funktioniert, weil sie die Entwicklung der Musik über mehrere Jahrzehnte hinweg sichtbar macht – und zeigt, wie weit ihrer Zeit die Trombone Symphony voraus war, während Night Suite gewissermaßen ein wenig zurückblickt.
Es klingt, als gäbe es in Night Suite eine Menge Improvisation und als seien eigens Freiräume für Jim Pughs Improvisationen vorgesehen.
JA: Sehr sogar. Es ist stark vom Jazz geprägt. Man hört Jim zunächst die Melodie vorstellen, danach folgen große Abschnitte mit Improvisationen.
FD: Ich liebe Jim Pughs Klang, seinen Ton. Der Klang der Posaune und die Art, wie er sie spielt, waren das perfekte Instrument für diese Musik. Wenn beispielsweise jemand eine Mundharmonika gespielt hätte, wäre das irritierend oder störend gewesen. Aber die Posaune war einfach … Man versteht sofort, warum das Stück Trombone Symphony heißt und für genau dieses Instrument geschrieben wurde. Es passt perfekt.
JA: Nun, Frank, was an Jim wirklich interessant ist: Wir kennen uns bereits seit der siebten oder achten Klasse, seit der Junior High School in Butler, Pennsylvania. Ich habe ihn vor 60 Jahren spielen gehört. Schon damals war er ein echtes Wunderkind. Er war Schüler von Matty Shiner, dem damals führenden Posaunenlehrer in Pittsburgh. Später ging er an die Eastman School of Music und studierte bei Emory Remington. Er hat also bei den Besten gelernt. Gleichzeitig war er einfach ein Phänomen. Man könnte ihn fast als Naturereignis bezeichnen. Er war dazu geboren, dieses Instrument zu spielen.
FD: Der Klang der Aufnahme ist großartig. Die Copper-Leser werden natürlich die technischen Details wissen wollen.
Ulrike Schwarz: Das Aufnahmesystem bestand aus 32 DXD-Kanälen mit Merging Technologies Pyramix. Ich glaube, wir hatten zusätzlich noch acht weitere Kanäle. Alles wurde mit der SuperClock von Merging Technologies gemischt. Bei beiden Aufnahmen verwendeten wir Bändchenmikrofone für Jims Posaune, ein RCA und ein AEA KU4.
JA: Jim spielt mit Steely Dan. Er sagte mir: „Wenn wir auf Tour sind, haben wir ein AEA KU4 für die Bläsersektion.“ Also haben wir es mit ins Studio genommen.
FD: Wurde alles live aufgenommen?
JA: Ja, alles live. Es gab ein wenig Editing, aber Jim musste keinerlei Korrekturen einspielen. Und bei der Trombone Symphony dirigierte Marin [Alsop].
[Anmerkung der Redaktion: Einige Mikrofone mussten neu positioniert werden, wenn die Saxofonisten ihre Instrumente wechselten; außerdem mussten einige Flötenstimmen als Overdubs aufgenommen werden.]
Und beim ersten Stück, dem Harris, dirigierte ebenfalls Marin. Beide Stücke wurden in jeweils zwei dreistündigen Sessions aufgenommen.
FD: Ihr habt also nicht für die beiden Stücke das gesamte Setup abgebaut und anschließend wieder aufgebaut? Es war dieselbe Konfiguration?
JA: Die Aufnahmen fanden in getrennten Sessions statt. Eine entstand in Studio A der Power Station, die andere in Studio C der Power Station.
US: Du solltest erwähnen, dass die eine Aufnahme 1995 und die andere 2023 entstanden ist.
FD: So viel also zu meinen hochsensiblen Ohren!
JA: Nun, ehrlich gesagt sagt das eine Menge über unsere Arbeit beim Mixing aus, denn die beiden Stücke fügen sich so nahtlos ineinander, dass man niemals ahnen würde, dass da …
FD: … eine Lücke zwischen ihnen liegt? Nein, darauf wäre ich niemals gekommen. Ich mache mich nur selbst darüber lustig, dass meine Ohren offenbar nicht gut genug sind, um die Unterschiede zu hören. Aber nein – es ist vollkommen nahtlos.
US: Meine Aufgabe bestand darin, die beiden Aufnahmen klanglich so miteinander zu verbinden, dass man tatsächlich nicht den Eindruck bekommt, zwischen ihnen lägen 30 Jahre. Als ich die Trombone Symphony zum ersten Mal hörte, konnte ich kaum glauben, was da vor sich ging. Ich finde, Harris’ [Night Suite] ist eine derart herausragende Darbietung und ein derart herausragendes Werk.
JA: Es trägt übrigens auch viel zur Geschichte der amerikanischen Musik bei.
FD: Ich frage mich, wie viel weiteres unentdecktes Material da draußen noch existiert.
JA: Oh Gott, davon muss es eine Menge geben. Ich war in den 1980er-Jahren mit [Andrés] Segovia in seinem Studio. Dort lag ein Stapel – wirklich ein Stapel, vielleicht 60 Zentimeter hoch – mit Manuskripten, die ihm von verschiedenen bedeutenden Komponisten geschickt worden waren, damit er sie korrigierte und für Gitarre arrangierte. Und er sagte: „Ich arbeite mich da Stück für Stück durch.“ Wir sahen uns einige davon an, und es waren einfach fantastische Werke.
Und das war nur Segovia und die Gitarre. Wer weiß also, was noch alles darauf wartet, entdeckt zu werden, wenn die Menschen diese Kisten in der Library of Congress durchsehen?
FD: Es könnte eine ganze Welt unentdeckter Musik geben, die nur darauf wartet, gefunden und gehört zu werden.
JA: Genau deshalb haben wir New American Symphonies ins Leben gerufen. Beide Stücke wirken ausgesprochen amerikanisch und lassen ihre Wurzeln deutlich erkennen. Ich denke, diese beiden Werke bereichern das Repertoire für Posaune ganz erheblich.
FD: Ein Instrument, das heute nicht mehr so häufig zu hören ist wie früher. Eigentlich schade, denn es ist ein Instrument mit einem ausgesprochen schönen Klang.
JA: Im zweiten Satz von Harris hat Jim einen Ton, der sehr stark an Tommy Dorsey erinnert.
FD: Die Hörer werden allein durch diese Aufnahme eine ganz neue Wertschätzung, ein neues Verständnis oder zumindest eine neue Neugier für die Posaune entwickeln.
JA: Da stimme ich dir vollkommen zu. Ich erinnere mich an einen meiner Lehrer, der einmal sagte: „Wenn du eine gute Posaunensektion hast, hast du eine Big Band. Wenn du diese Posaunensektion hast, wird von da an alles gut.“
Unser herzlicher Dank geht an das Copper Magazine.



