Professor P.’s Rhythm&Soul Revue
Der Professor grüßt aus Gniedelhausen mit aktuellen Werken von Davy Knowles, Garret T. Willie, Christone „Kingfish“ Ingram, Clouds und AySay.
O wunderbare Welt der künstlichen Indifferenz! Gniedelhausen, so meint die „KI“ des Anekdoten-Kammes, mit dem der Professor gerne die Kartons im Keller des weltumspannenden Webs durchflöht, sei kein geografisch bekannter Ort. Es handele sich „höchstwahrscheinlich um einen fiktiven Namen, einen Hörfehler oder eine Verwechslung“. Ha, darauf wollen wir nicht hereinfallen. Das ist dem Professor bereits einmal passiert, dass er dachte, ein Ort sei ein fiktiver Ort und kein realer Ort, nur um auf einer Fahrt zur Oma festzustellen, dass der fiktive Ort tatsächlich ein realer Ort war, und zwar Bad Salzuflen. Das war zu einer Zeit, da sich Professor P., Euer liebster Soulbruder, noch als Grundschüler P. mit den wirklich wichtigen Dingen im Leben beschäftigte – seiner Aufklebersammlung. Verteilt auf mehrere Schuhkartons hatte man die weite Welt in zweidimensionaler Bilderpracht eingefangen, vom Sportvereinslogo über den seinerzeit weit verbreiteten Kleber „Ein Herz für Kinder“ bis hin zum Prachtexemplar, einem mindestens drei Alligatorschwänze langen Aufkleber mit dem Schriftzug „Bad Salzuflen grüßt den Rest der Welt“. Ach, wenn der Professor heute in seinem wackeligen Schaukelstuhl auf der Veranda sitzt, den dreibeinigen Kater hinterm einzigen Ohr krault und an jene ersten Schritte der Abenteuerreise des Lebens denkt – ja, da traut sich eine Träne der Rührung ans Licht, ich sag’s, wie’s ist. Bad Salzuflen … Natürlich war Bad Salzuflen ein Fantasieort, das war klar. So wie auch das Auenland oder Entenhausen Orte waren, an die man im Sommer nicht in den Urlaub fuhr. Man war ja nicht blöd. Beziehungsweise doch. Denn ein Kurztrip führte in das vermeintlich fiktive Bad Salzuflen, in dem die Oma zur Kur weilte, Grandmother of Funk*. Kalter Kuss der Realität, das. In der Folge wartete man dann darauf, die andere Oma während einer baldigen Erholungszeit im Kur- und Residenzhotel von Hobbingen zu besuchen, oder sie zumindest auf eine Butterfahrt nach Barad-dûr zu begleiten, um Heizdecken mit dem Gütesiegel „Made in Schicksalsberg“ zu erwerben. Aber, Freunde, ich bin, scheint’s, etwas vom Weg abgekommen. Gniedelhausen. Ist, wie ich der KI, der alten Sau, ins nicht vorhandene Gesicht brülle, mitnichten ein Ort der Fantasie, geschweige denn ein „Hörfehler“. Gniedelhausen ist real. Es liegt eingezwängt zwischen A23 und B5 in einem verrockten Vorort, in dem der örtliche Friseur mit dem Schild „LADIE’S & GENT’S“ überm Eingang auf sich aufmerksam macht. Hier, an einem Hinterhof mit Karateclub und Kfz-Werkstatt, befindet sich in einem alten Rotklinkergewerbegebäude die Kirche von Gniedelhausen. Die Kongregation: hauptsächlich U-Bahn-Kontrolleure im Feierabend, Ü-60-Jeansjackenträger sowie Ü-60-Jeansjackenmitpailettenträgerinnen. Und der Professor samt Entourage, The Rambler und Mr. T. Oh Lord, have mercy.
* Der Vollständigkeit halber: Des Professors Großmutter war nicht Grandmother of Funk, sondern Grandmother of Funktionsunterwäsche – von ihr bekam man seine erste lange Unterhose …
Davy Knowles – The Invisible Man
Mal wieder ein Trip in die outskirts of town. Raus aus der Komfortzone, rein in die Vorortswelt der falschen Apostrophen und korrekten Bluesakkorde. Der Rambler rutschte an jenem Abend aus einem Lebensjahr ins nächste, Mr. T. und der Professor gaben dazu den metaphysischen Beistand. Wieder einmal in dem Etablissement am Ende des Universums, das die Stamm-Connaisseure unserer kleinen Rhythm and Soul Revue schon kennen: ein Billardladen, im Stile einer Route-66-Roadsidebar gestaltet. Allerdings gelegen in einem der stieseligsten Stadtteile dies- und jenseits des Äquators. Dementsprechend hoch: die Quote der Jeansjackenträger im Ruhestand, siehe Introtext weiter vorne. Aber ich will nun Abstand nehmen von selbstgerechter Überheblichkeit. Aus irgendeinem Grund gelingt es den Jeans-Stieseln, jeden Donnerstag eine richtig gute Band aus Übersee auf kleinster Bühne zu präsentieren, während aus dem offenen Nebenraum das Klack, Klick und Klonck der Billardkugeln herüberschallt. An jenem Abend: Davy Knowles aus Chicago. Eigentlich aus Großbritannien, genauer von der Isle of Man. Das erwähne ich, denn man hört, so bilde ich mir ein, die gälisch-britischen Wurzeln im Wummsblues dieses Ausnahmemusikers. Da höre ich Eric Clapton, Alexis Korner und Mark Knopfler neben dem Chicago-Groove eines Buddy Guy und dem Südstaaten-Soul der Allman Brothers. Endlose Soli, bei denen einem das Blut im Arsch kocht, Freunde: That’s the spirit of Gniedelhausen. Am Merch-Stand erstand der Professor das Werk The Invisible Man. Die derzeit noch aktuelle Platte, eingespielt 2024. Das soll uns nicht stören, beim Professor gelten andere Regeln im Raum-Zeit-Kontinuum. Aufgenommen wurde das Album in den Shirk Studios in Chicago, wo auch schon Rhiannon Giddens, John Butler aus Australien und die Grande Dame des Soul, Mavis Staples, zu Gast waren. Knowles vertreibt seine Platten über die eigene Homepage www.davyknowles.com, dafür aber signiert. Hört hier herein: „Tell Me What You Want Me To Be“ (das ist serious shit: eine schwerst verschleppte Southern-Rock-Ballade, die sich im fulminanten Gitarrensolo zum funky Chicago-Blues bekennt. Big cinema!) und „Around Here“ (eingängige Melodie, die Knowles’ soulvolle, rockige Stimme zum Ausdruck bringt. Nebenbei ein schöner Tanzblues, dancefloor-approved by Prof. P. im Happy Billard zu Bergedorf).
Label: WYAN Inc
Format: CD, LP, DL 24/44
Garret T. Willie – Bill’s Café
Tief in den Wäldern von British Columbia, dort, wo Douglastannen, Weißfichten und Rotzedern besonders dicht stehen, da gibt es eine seltsame Spezies: das bellende Eichhörnchen. Kaum ein Mensch hat je eins zu Gesicht, geschweige denn zu Gehör bekommen. Und obwohl man kanadischen Kindern, die ihre Ahornsirup-Suppe nicht aufessen oder den Haus-Grizzly nicht entflöhen mögen, erzählt, sie würden daher nachts vom bellenden Eichhörnchen geholt, gilt unter rotkariert behemdeten Holzfällern: Eichhörnchen, die bellen, beißen nicht.* Man hat sogar eine eigene Biermarke nach ihnen benannt: Barking Squirrel**. Davon solltet Ihr Euch nach einem Besuch bei Getränke Hoffmann eine eisgekühlte Flasche öffnen, liebe Freunde. Und wer die malzige Süße eines Pale Ales nicht verträgt, dem empfiehlt der Bierrista von FIDELITY eine Dose Moosehead Lager oder Cracked Canoe – die Kanadier sind nicht um lustige Biersorten verlegen. Having said that … Der Professor hat gerade eine gute Platte gehört. Bill’s Café von Garret T. Willie, einem Twentysomething-Bluesmusiker aus eben British Columbia im Westen der kanadischen Weiten. Sein zweites Album hat der an Körperfülle nicht eben arme Mann seinem Großvater gewidmet, beziehungsweise dessen Roadside-Bar im Örtchen Alert Bay. Dort gab’s – die Bar brannte vor Jahren ab – verdammt kaltes Moosehead Lager und vermutlich auch Barking Squirrel. Auf kleiner Bühne spielten örtliche Musiker den Blues und Rock’n’Roll, während der junge Garret die Gläser wusch. All das solltet Ihr wissen, wenn Ihr Willies Bill’s Café den Endstufen anvertraut. Schon seine Stimme scheint nicht von dieser Welt, da hört der Professor eine Menge heraus, von Chris Cornell und Solomon Burke bis zu Lemmy Kilmister. Euch empfehle ich als Einstieg diesen Song: „Hypnotist“. Die Gitarre jault bereits nach einer Minute im ersten Solo der Platte wie ein Zombie-Werwolf, wenn der Blutmond überm Rathaus von Gniedelhausen aufgeht. Es ist ein Stück, das zwischen AC/DC-Hardrock, Lightnin’-Hopkins-Blues und gutem Gospel changiert – fuckin’ awesome, wie man in Bill’s Cafe gesagt hätte. Produziert wurde die Platte übrigens von Tom Hambridge, der als Schlagzeuger seine Karriere begann, dann Künstler wie B.B. King oder Mick Jagger produzierte und 2011 einen Grammy als Produzent von Buddy Guys Album Living Proof erhielt – und nebenbei Songs für ZZ Top schrieb. Das hört man auf Bill’s Café: Der Professor wird sich jetzt von der Chaiselongue erheben und ein wenig headbangen. Excuse me, folks.
Label: Gulf Coast Records
Format: CD, LP, DL 16/44
* Hinweis für alle Mitglieder des Vereins „Freunde von Fake News, Verschwörungstheorien und sonstigem Bullshit e.V.“: Der erste Absatz dieser kleinen Musikbetrachtung ist nahezu komplett erfunden. Für die Erstellung dieses Textes kamen keine Tiere zu Schaden.
** Die Biermarke hingegen gibt es. Bei der Erstellung dieses Textes kamen einige Flaschen zu Schaden.***
*** Stimmt gar nicht.
Christone „Kingfish“ Ingram – Hard Road
Welch Voodoo-Zauber auch immer da am Werk war: Ich bedanke mich beim Boogeyman der Boogie-Woogie-Twilightzone. Auch Hard Road von Christone „Kingfish“ Ingram wurde vom bereits gewürdigten Tom Hambridge produziert, was mir aber gerade eben erst aufging. Well, well, well. Der Mann weiß, wie man Bluesmänner im Studio zu Bestleistungen treibt. Der Professor lässt mal eben die Finger kjynkjbnsdfkjnsdflksndflksdf af dr Tastastastaatur einen schönen Slow Drag tanzen … Funkgitarre und Hammondorgel gehören die ersten Sekunden im Eröffnungssong „Truth“, wohlwollend begleitet von Bass und Schlagzeug, bis die tiefe, warme Stimme von Mr. Ingram einsetzt: „I grew up in the delta, deep in the six-six-two …“ Da ist der Ton gesetzt, der die Musik dieses gehaltvollen, grandiosen Albums macht. Hier singt ein Mann aus Mississippi, nicht aus New Orleans in Louisiana oder Memphis, Tennessee. Nein, aus dem vergessenen Hinterland deep down south. Landschaftlich geprägt von den rolling hills, vor allem aber von Armut, Arbeitslosigkeit und Alternativlosigkeit. Six-six-two, 662, das ist die Telefonvorwahl im nördlichen Mississippi und zugleich der inoffizielle Name für eine Region, in der junge Menschen am besten das Weite suchen. Aus der Wiege des Blues, in der einst das alles bestimmende Zwölftakt-Muster aus dem Leid der Sklaven und dem Staub der Baumwollplantagen geschaffen wurde, stammt Christone Ingram, ob seiner Leibesfülle und Ähnlichkeit mit einem bekannten Sitcom-Charakter „Kingfish“ gerufen. Der 27-Jährige vereint die Authentizität von Muddy Waters mit dem ausufernden Groove von Jimi Hendrix und der Chicago-Blues-Explosivität von Buddy Guy. Da mischen sich Blues, Rock, Funk und Gospel zu einem postmodernen Soul – der Professor weint echte Alligatortränen, da ihm das Kingfish-Konzert zum neuen Album durchs Netz gegangen ist. Als Seelenwärmer hört er jetzt die Platte noch einmal, und dann vermutlich noch einmal.
Label: Red Zero Records
Format: CD, LP, DL 24/48
www.christonekingfishingram.com
Clouds – Once Upon A Time – The Collection
Zunächst mal muss der Professor eines klären und hernach sofort mit dem Bullshit-Bläser aus dem Vorgarten blasen: Doom Death, auch Death Doom oder Slow Death genannt, stellt in seiner gutturalen Genre-Gentrifizierung eine Fusion der beiden klassischen Musikgenres Death Metal und Doom Metal dar. Okay? Okay. Dann wollen wir diese Information schnell wieder vergessen. Denn von der 2013 in London gegründeten Band Clouds, die zu den Vertretern des Doom Death zählt, will der Professor nicht mehr wissen, als dass sie ihn in diesem Leben und in den nächsten zwei bis drei Reinkarnationen nicht interessieren wird. Nein, wir beamen uns weit, weit weg. In eine Zeit, da mit Doom Metal nur der Untergang des Metallhandwerks in Zeiten von aufkommenden Plastikprodukten gemeint war. Wir befinden uns im Schottland der Sechzigerjahre, als in Edinburgh drei Typen beschlossen, die Welt der Musik auf den Kopf zu stellen. Sie gründeten eine Band mit dem wunderschönen Namen „1-2-3“, feierten erste Erfolge, ergatterten eines der nur selten vergebenen Dauergastspiele im Londoner Marquee Club, benannten sich um in „Clouds“, nahmen zwischen 1969 und 1971 drei Alben auf. Die sind leider, mitsamt der Band, ebenfalls aus dem Vorgarten der Musikgeschichte geblasen worden, damals schon, als sich ihre Plattenfirma entschloss, statt der Schotten lieber eine Band aus Blackpool in England zu promoten, Jethro Tull. Vermutlich, weil Clouds noch schräger und stilistisch schwerer zu definieren war. Wie bei Jethro Tull fanden Barockmusik-Elemente und Jazz-Anleihen Einzug in eine neue Art Rockmusik. Clouds gelten heute als Pioniere des Progressive Rocks, waren aber mit der spartanischen Besetzung Orgel-Drums-Bass, ohne Gitarre und natürlich auch ohne Querflöte, ihrer Zeit wohl trotzdem ein paar Schritte zu weit voraus. Dank gebührt nun dem Kurator, der das Gesamtwerk inklusive nicht veröffentlichter Songs und Demoaufnahmen auf einer schön gestalteten 3-CD-Box für das Label Chrysalis wiederveröffentlicht hat. Drei Anspieltipps: 1.) „Waiter, There’s Something In My Soup“ vom ersten Album The Clouds Scrapbook (siebenminütiges Opus mit 1001 Rhythmuswechseln, das zwischen Musical-Melodie, reduzierter Beatles-Essenz, Bigband-Bläserbombast und filigranstem Fantasie-Folk changiert), 2.) „Sing, Sing, Sing“ vom zweiten Album Up Above Our Heads (14-minütige Dekonstruktion von allem, was bis dahin in der Musikgeschichte Bestand hatte, vor allem des Swing-Originals von Louis Prima und Benny Goodman) und 3.) „Lighthouse“ vom dritten Album Watercolour Days (Psychedelic Soul der Stunde null – für solche Musik wurden Drogen erfunden).
Label: Chrysalis Records
Format: CD, DL 16/44
AySay – Mal
Die Nacht zog herauf, da der Professor mit Rollköfferchen an den Hacken von einem Einsatz in der Fremde zurückkehrte. Pusteblumen in der Puszta zählen, Freunde, das Leben schlägt bisweilen seltsame Kapitel auf. Kantapper, kantapper* drängte ich durch dräuende Dunkelheit direktemang gen Dancefloor, ach wie schön es heute wieder alliteriert. Auf der Bühne wallte Kunstnebel, aus dem sich zunächst sphärische Sounds lösten, die in einen fulminanten Türken-Funk aufgingen … Der Professor weiß gar nicht, ob er zur adäquaten Vermittlung von Eindrücken jetzt lieber ein paar „ü“ øder lüber ün påår „å“ und ø“ nåchkåüfen søllte. Denn AySay aus Kopenhagen spielen kurdisch-anatolisch-skandinavischen Psychedelic Soul. Ein Genre, das sie vermutlich allein besetzen, in Anlehnung an das Schaffen der niederländisch-türkischen Grachten-Groove-Vereinigung Altin Gün aus Amsterdam. Live fuhr der Mix aus Klängen der türkischen Langhalslaute Saz, kurdischer Folkmusik und moderner Rhythmik durch elektrisch verstärkte Gitarre, E-Bass und in westlicher Groove-Tradition trommelnden Drums dem Professor direkt ins Gebein und ins Glückszentrum. Und auch Mal, das neue und dritte Album der noch jungen Band, möchte/muss/will/würde/sollte ich Euch dringlichst zur Empfehlung gereichen. Wer da nicht übers Laminat lustwandelt, der und dem ist nicht zu helfen. Unter Beihilfe elektronischer Sample-Elemente spielen AySay einen frischen, modernen, zwischen Orient und Okzident pendelnden, ziemlich psychedelisch wabernden Folksoul. Hört mal hier herein: Eröffnungssong „Yârimsin“ (funky-verjazzter Skandinavienpøp mit Melodieführung von jenseits des Bosporus), „Den om en mand (Haline Bak)“ (Seventies-Soul mit vorderasiatischer Tonalität – klingt ein wenig wie der Soundtrack für den Tarantino-Film „Küll Büll“) sowie „Haydi Gidelim“ (entschleunigtes Soul-Dings mit funky Gitarre im Duett mit dezent schräger, gekonnt gniedelnder Saz). Und einen Extratipp zum vorherigen Album Köy: Das Stück „Dam Üstüne“ ist für den Professor der beste Song der Band, ein magisch groovender Dancefloor-Funk, inklusive netter Jazztrompete.
Label: V2 Records
Format: CD, LP, DL 24/48
* Wer, ohne seinen Smartspickzettel zu bemühen, die Herkunft der semiliterarischen Formulierung „kantapper, kantapper“ zu benennen weiß, gewinnt was: einen virtuellen Schulterklopfer vom Professor.







