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Mangelsdorff, der Komponist

Mangelsdorff, der Komponist

Hörstoff

Mangelsdorff, der Komponist

Fragt man Jazzfans nach dem bedeutendsten Jazzmusiker Deutschlands, lautet die Antwort seit Jahrzehnten gleich: Albert Mangelsdorff (1928–2005). Dieser Musiker hatte den uneingeschränkten Respekt und die Liebe der Jazzwelt.

Mangelsdorff war ein fleißiger Arbeiter an seinem Instrument, der Posaune, übte stundenlang im Frankfurter Jazzkeller oder draußen auf dem Kornfeld. Ein Mann ohne Feinde, uneingebildet, kollegial, erreichbar – und mit diesem gemütlichen hessischen Akzent. Man ehrte ihn als weltbesten Jazzposaunisten oder als besten Jazzmusiker Europas, verlieh ihm das Bundesverdienstkreuz und den Hessischen Verdienstorden. Doch für die Fans war er einfach „der Albert“, „unser Albert“. „Man kann ihn anrufen, auf der Straße grüßen, ihm die Hand schütteln, auf die Schulter klopfen“ – so beschrieb Wolfgang Sandner Mangelsdorffs Nahbarkeit.

Dabei war er als Künstler alles andere als ein Populist. Seine Musik blieb immer mutig, voranpreschend, herausfordernd. Anfangs verehrte er den experimentellen, sperrigen Cool Jazz der Tristano-Schule. Dann – nach eigener Aussage: 1958 – hat er begriffen, dass es im Jazz darum geht, etwas Eigenes zu entwickeln. Mangelsdorff wurde zum deutschen Pionier des modalen Spiels, des Solospiels, des Duospiels, des Free Jazz, des Rockjazz. Seine Multiphonics auf der Posaune waren einmalig und sensationell. Mangelsdorff machte unbegleitete Posaunen-Soloplatten, spielte auch mit Peter Brötzmann oder Elvin Jones. Ein Avantgardist durch und durch. Ein Revolutionär.

Wenn von seiner Musik die Rede ist, geht es fast immer um seine Posaunenkunst. Um seine unglaubliche Spieltechnik auf diesem Instrument, sein virtuoses Tempo, seine flüssigen Intervalle, seinen warmen, dunklen Ton, seine dräuenden, rockenden Mehrklänge. Viel zu wenig ist die Rede von Mangelsdorff, dem Komponisten. Aber auch durch seine Stücke, seine Themen hindurch vollzog sich seine musikalische Entwicklung. Kompositionen wie „Tension“, „Set ’Em Up“ und „Open Mind“ (alle um 1963) markierten sehr genau den Übergang von der Cool-Jazz-Melodik zum kürzelhaften Freejazz-Thema. Und aus dieser interessanten Mixtur entwickelte sich eine ganz eigene Ästhetik.

Eine Formation, mit der Mangelsdorff einige seiner besten Stücke eingespielt hat, war das United Jazz & Rock Ensemble (UJRE). Zu seinem 70. Geburtstag hat es die Compilation Plays Albert Mangelsdorff (Mood Records, 1998) veröffentlicht – acht seiner Stücke, zusammengestellt aus sechs Originalalben des UJRE.

Mangelsdorff, der Komponist

Es sind Stücke verschiedenen Charakters, aber das kompositorische Muster wird klar. Das typische Mangelsdorff-Thema ist ein sperriges Konglomerat aus Kürzeln – aus boppenden oder straighten Phrasen und langen Pausen oder Akkordklängen. Auch Bluesfiguren, Riffähnliches oder neutönerische Intervallfolgen können vorkommen. Man ahnt, dass diese zerklüfteten, in sich widersprüchlichen Themen das Ergebnis vieler Stunden Arbeit sind – Stunden des Übens und Improvisierens auf dem Instrument. Es sind Verdichtungen, surreale Rätsel. Sie heißen „Wart G’schwind“, „Rip Off“, „Raving Raven“ oder „Sparrhärmlingslied“.

Das Quartett ToneGallery des Saxofonisten Steffen Weber hat elf von Mangelsdorffs Stücken vor einigen Jahren liebevoll neu arrangiert: Do Albert Mangelsdorff (Laika, 2022).

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Um gerade die kompositorische Substanz zu betonen, verzichtet die Band bewusst auf eine Posaune: „Auf diese Weise ergibt sich ein neuer Blickwinkel auf die Musik.“ Die Arrangements nehmen die Stücke teils auseinander, isolieren einzelne Teile, entwickeln sie weiter – das alles in einem kühlen Kammerjazz-Sound. Mangelsdorffs Kompositionen – darunter „Wart G’schwind“, „Rip Off“, „Ant Stepped On An Elephant’s Toe“ – vertragen eine solche Sezierung. Gerade in der Auflösung wird ihre Verdichtung deutlich.

Ein besonderes Album von Mangelsdorff entstand 1976 live in Berlin (Trilogue). Der Posaunist spielte damals im Trio mit zwei virtuosen Fusionmusikern, Jaco Pastorius und Alphonse Mouzon.

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Zum 50. Jahrestag gibt es nun eine gründliche Neudeutung des ganzen Albums: Trilogue + 15 (Nwog, 2026, Aufnahme: 2018). Der Arrangeur Jim McNeely hat die fünf Mangelsdorff-Stücke des Originalalbums für die Bigband des Hessischen Rundfunks bearbeitet – oder besser: transformiert, umgekrempelt, entfaltet. Die Inspiration dafür steckt in den kompakten, widersprüchlichen Stücken selbst, darunter „Trilogue“, „Zores Mores“ und „Ant Stepped On An Elephant’s Toe“. Als Solist steht der grandiose Nils Wogram an der Posaune im Mittelpunkt: Er tritt hier in Mangelsdorffs Rolle – und auch wieder aus ihr heraus. (Ein Solostück von Mangelsdorff spielt er als Zugabe.)

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