TIDAL AP1
Sie hat Power ohne Ende, besitzt eine tonale Neutralität und Musikalität, die man einfach lieben muss, und ist obendrein eine erhabene Schönheit mit kompromissloser Verarbeitung: Die AP1 von TIDAL Audio ist ein Statement für Aktivtechnik und könnte problemlos den Thron dieser Lautsprechergattung für sich beanspruchen. Auf dem sitzt allerdings ihre erhabene große Schwester Royale, die ihrerseits mürrisch auf die AP1 hinunterblickt – bei vergleichbarer Leistung kostet die neue Infantin nicht einmal die Hälfte.
„we build emotions“ steht in kleinen roten Lettern unter dem Logo von TIDAL Audio. Wie ernst Gründer, Inhaber und Entwickler Jörn Janczak seinen Slogan meint, hat er uns schon mehrfach bewiesen. Musikalische Ausflüge mit seinen Lautsprechern sind immer extrem. Was ich gerade in diesem Moment höre, erwischt mich dennoch unvorbereitet: Wir sitzen im Hörraum des neuen Firmensitzes in Erftstadt, vor mir erheben sich das vierteilige, weit über zwei Meter hohe Topmodell La Assoluta sowie ein Pärchen des Modells Sunray, im Grunde genommen ebenfalls die La Assoluta, jedoch ohne die separaten Woofer-Wohntürme. Der Lautsprecher, der mir gerade mit seiner unergründlich tief gestaffelten Abbildung und schier grenzenloser Power die Schuhe auszieht, wirkt daneben beinahe grotesk zierlich. Jörn Janczak entführt mich in die Welt seines Meisterwerks Royale, das unter dem Label TIDAL X BUGATTI firmiert und mich mit einer Detailliertheit, Ruhe und Selbstverständlichkeit in Klänge einhüllt, dass mir die Worte fehlen. Ich kenne den Aktivlautsprecher, konnte ihn auch schon mehrfach hören, doch erlebe ich ihn zum ersten Mal im Hörraum des Herstellers. Der große Saal ist wahrlich kein Studio, besitzt ein lebendigen Charakter ohne zu lange Nachhallzeiten und repräsentiert durchaus einen „soliden“ Wohnraum. Und doch scheint es, als spiele die Royale auf einer eigens für sie gefertigten Bühne …

Eigentlich gilt mein Besuch einem anderen Protagonisten, der ebenfalls aktiven AP1, die ohne ihr Vorbild Royale nie entstanden wäre. Die Kooperation mit Bugatti sollte Grenzen ausloten und führte zu einem Aktivmonitor der Superlative. Die unbegreifliche Souveränität verdankt die Royale vor allem ihrer sprichwörtlich monolithischen Konstruktion: Jörn Janczak entwarf einen fließenden Körper, in den sich Verstärker und Treiber organisch einfügen. Möglich macht’s ein aufwendiger (und extrem kostspieliger) Formguss aus einem (Monocoque) oder zwei (Duotone) Teilen, in die eine Innenmatrix aus der Hausrezeptur TIRALIT eingebettet wird, ein Mix aus HDF und Polymerkeramik, das die Gehäuse zu massiven Einheiten verstrebt – die rund 220 Kilo einer Royale verhalten sich wie zwei Tonnen. Für Bugattis Nonplusultra-Ansprüche ist der Lautsprecher perfekt. Die Royale definiert bis heute eine eigene Klasse. Den breiten Markt kann und will ein Klangkörper, der paarweise irgendwo im Bereich einer halben Million Euro liegt, aber nicht bedienen – dafür ist auch ihre Formgebung zu exotisch. Diese Überlegungen veranlassten Jörn Janczak, sich erneut ans Reißbrett zu setzen und einen Ableger der Royale zu gestalten. Einen, der sich an klassischen Lautsprechern orientiert, merklich günstiger ausfällt, der sich klanglich aber nicht zu weit von der Royale entfernt.

Dass er diese Dreifachaufgabe gemeistert hat, sehen wir daran, dass die AP1 beim Hörtermin in Erftstadt fehlt. Das erste Fertigungslos ist ausverkauft, ein zweites gerade erst im Entstehen. Wenige Türen weiter erlebe ich, wie die Mitarbeiter von TIDAL Audio an sieben AP1 arbeiten, deren unterschiedliche Stadien mir Einblicke in die Konstruktion des riesigen Lautsprechers gewähren. Anders als die Royale setzt die AP1 vollständig auf TIRALIT. Und dieses Material hat es in sich: Allein die vier dicken Gehäuseverstrebungen bringen 40 Kilogramm auf die Waage, wie mir der Hausherr erklärt. Bleiben 160 Kilo für den Rest, allem voran das Exoskelett. Traditionsgemäß wird das so dick in dämpfenden Polyesterlack gehüllt, dass die massive Metallplatte mit dem Firmenlogo vollständig darin eingebettet ist. Der in mehreren Durchgängen aufgetragene Lack wiege vor dem Schleifen satte 25 Kilo, lerne ich. Das immer noch extrem aufwendige Gehäuse der AP1 lässt sich deutlich kosteneffektiver fertigen als das der Bugatti-Box. Die klassische Bauform fordert allerdings einen (verschmerzbaren) Tribut: Um in Bandbreite, Stehvermögen und Ruhe an die Royale heranzukommen, muss die AP1 deutlich größer ausfallen als ihr Vorbild – was ihr, vor allem in den aufregenden Furniervarianten, aber sehr gut steht.


Obwohl so ein lackversiegeltes TIRALIT-Gehäuse nahezu unverwüstlich ist und selbst tropischer Luftfeuchtigkeit widersteht, werden die Treiber nicht einfach darin verschraubt. An einer bereits furnierten AP1 erspähe ich Metallringe, die als eigentliche Halterungen dienen. Und die nehmen eine Menge Material auf: Der 30-Millimeter-Diamanttweeter sitzt gemeinsam mit einem 80-Millimeter-Mitteltöner in einem polierten Edelstahlrahmen, der entkoppelt in einem eigenen Gehäusevolumen verankert ist. Direkt darunter liegen zwei 170er-Bässe mit Alu/Keramik-Sandwichmembranen, die den „oberen Bassbereich“ umsorgen und direkt aus der Royale übernommen wurden. Seitlich an den Gehäusen sitzen schließlich noch vier 26-Zentimeter-Woofer, wie alle Treiber mit aufgesetzten Abdeckgittern, die TIDAL Audio eigens für ihren Einsatz in den untersten Lagen entwickelte. Auch die übrigen (frontseitigen) Chassis entstanden nach Vorgaben Jörn Janczaks, werden aber von Accuton gefertigt und zugeliefert.

Die integrierten TIDAL-Hybridverstärker basieren auf der Logik der Royale-Antriebe, wie ich erfahre – wie bei vielen Details seiner Lautsprecher lässt sich Jörn Janczak hier nicht wirklich tief in die Karten schauen. Im Kern handelt es sich um hochkarätige Class-D-Kraftwerke, die für die Verwendung in der AP1 stark modifiziert und überarbeitet werden. Jörn Janczak habe einige neuralgische Schwachstellen analysiert und eliminiert, wie er erklärt, der übrige Teil sei Detailarbeit: An einem offenen Verstärkerrahmen erläutert der Entwickler, dass ihm unter anderem die Stromzuführung mit ihren pragmatischen On-Board-Konnektoren Kopfschmerzen bereitet habe. Zwei Stränge symmetrisch verlegter Reinsilberkabel ersetzen die sonst üblichen Flachbandstrippen und verdeutlichen exemplarisch, dass hier ein hohes Maß an Customizing im Spiel ist. Die Leistung der im Gehäuserücken verbauten Verstärkermodule wurde gegenüber der Royale (4,5 kW) reduziert, mit je 3500 Watt kann aber auch die AP1 jedes Hausstromnetz an seine Grenzen führen und darf sich mit dem Prädikat „überdimensioniert“ schmücken.

Dass die aktiven Großkaliber im Erftstädter Hörraum fehlten, war schade, aber kein Genickbruch. Bereits einige Wochen vor meinem Besuch im Rheinland lieferte uns Jörn Janczak ein Testmuster in Pianolack schwarz in die Redaktion. Erstaunlicherweise war es ein Kinderspiel, die insgesamt 440 Kilogramm Material aus den Transportkisten zu pellen und im Hörraum zu platzieren. Neben einer ausgeklügelten Verpackungslogik ist das vor allem den Füßen der AP1 zu verdanken, deren Unterseiten mit Teflon beschichtet sind. Man muss einmal ordentlich gegen den Lautsprecher drücken – kommt der erstmal in Bewegung, gleitet er erstaunlich leicht über den Bodenbelag. In einer eigenen Verpackung fanden wir das Media Center Contros. Die AP1 funktioniert auch ohne die Elektronik, der streamende DAC-Vorverstärker (siehe Kasten) macht das Leben mit den Akitvmonitoren aber bedeutsam schöner. Und das Beste daran: Obwohl Contros als DAC und Netzwerkspieler mit allen zeitgemäßen Connect-Diensten ausgestattet ist und sich vollständig via Smart Device fernlenken lässt, hat man einen riesigen, griffigen Pegelsteller zur Hand, der gemeinsam mit dem Matrixdisplay verrät, was geschieht, wenn man gleich die Play-Taste drückt.
Nachdem die AP1 grob platziert und alle erforderlichen Strippen verlegt waren, verabschiedete sich Jörn Janczak eilig zu einem Folgetermin. „Ihr kommt schon klar“, war so ziemlich sein einziger Kommentar zu den ersten Klängen, die durch unseren Hörraum schwebten. Mit einigen Wochen Distanz weiß ich, was er uns damit demonstrieren wollte: Die AP1 ist wie die Royale als DSP-freie Zone realisiert. Ihre kraftvollen Verstärker und die ultrastabile Konstruktion bilden eine fest verbundene Einheit, die selbst tiefste Bässe stressfrei und ohne jede Erschütterung in den Raum knallt. Ich führe mir das mit „Turquoise Hexagon Sun“ der Boards of Canada vor Augen, einem minimalistischen Titel, der praktisch nur aus unteren Mitten und Bässen besteht und über weniger gefestigte Lautsprecher praktisch unhörbar ist – nicht, weil der Song dort gruselig klingt, sondern weil weniger gefestigte Boxen das tiefe, dunkle und praktisch nur aus Resonanzen bestehende E-Piano kaum von dem schleppenden Drumloop trennen können. Die AP1 hat in dieser Disziplin nicht die geringste Mühe, spielt die Musik der schottischen Brüder extrem lässig und schwungvoll. Atemberaubend – einmal mehr. Die familiäre Nähe zur Royale ist nicht nur vorhanden, sondern unüberhörbar.
Natürlich beginnen wir nach etwa zwei Aufwärmtagen trotzdem damit, die Boxen im Zimmer herumzuschieben. Ein wenig mehr Basisbreite, und die Abbildung öffnet sich deutlich, wird raumgreifender und sphärischer. Etwas enger zusammen, und der Fokus wird wie erwartet schärfer, verdichtet das Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug in George Harrisons „My Sweet Lord“, während die gedoppelten Akustikgitarren außerhalb des Zimmers stehen. Bedeutsam näher an der Wand, mit weniger als 40 Zentimeter Abstand, rückt die AP1 ihre abgrundtiefen Bässe in den Fokus, ohne in der tonalen Balance zu kippen. Das beeindruckt mich unter anderem bei Carl Finlows „Convergence“. Der coole Ambiance-Track hat eine „puckernde“ Bassdrum, die sich eher im Grundton als in den untersten Registern abspielt. Außerdem ist das Album Introspective so „heiß“ abgemischt und komprimiert, dass es die Grenze zur Verzerrung bisweilen überschreitet. Was sonst nur im Autoradio funktioniert, gefällt mir auch mit der AP1. Natürlich beseitigt die keine Ungereimtheiten aus dem Mix, der Bassschub durch die Nähe zur Zimmerwand mildert den Effekt minimal ab, lässt die Songs herrlich rund und samtig wirken. Alle weiteren Versuche (einwinkeln, gerade ausrichten, nah am Hörplatz aufstellen etc.) bringen die jeweils erwarteten Ergebnisse, ohne ein besser/schlechter aufzuzeigen. Ähnlich wie eine Royale ist die AP1 wie ein Felsen konstruiert. Und auch wenn ihr Luxus-Zutaten wie der 127er-Diamantmitteltöner (der allein übrigens schon mehr kostet als mancher Mittelklasse-PKW) fehlen, besitzt sie einen unbestechlich neutralen Charme, Übersicht und Detailliertheit, sodass man übers Einwinkeln vielleicht Nuancen verschiebt, ihren stimmigen Klang aber nie auseinanderreißt. Anders gesagt: Der Lautsprecher fügt sich in den Hörraum ein und arbeitet mit den Umgebungsvariablen, anstatt vom Zimmer zu verlangen, sich für ihn zu verbiegen. Vollendeter Lifestyle. Für das versprochene „we build emotions“ sorgt das unerschütterlich-präzise Timing der AP1, das den Rhythmus direkt in den Kortex leitet und ihrem Zuhörer bisweilen willenlose Sätze wie „Nur einer noch …“ entlockt. Aber keine Sorge, das ist vollkommen im Sinne des Erfinders!
Info
Aktivlautsprecher TIDAL Audio AP1
Konzept: 4-Wege-Aktivlautsprecher im geschlossenen Gehäuse
Bestückung: 1 x 30-mm-Diamanthochtöner, 1 x 80-mm-Keramikmitteltöner, 2 x 170-mm-Alu/Keramik-Bass, 4 x 260-mm Alu-Langhubwoofer; alle Treiber von Accuton
Verstärker: je ein TIDAL-Hybridverstärkermodul mit 3,5 kW, keine Kondensatoren im Signalweg
Anschlüsse: 1 x XLR (analog), 1 x XLR-Durchschleifpunkt, LAN-In für TIDAL Remote (Power on/off)
Besonderheiten: Mehrkammergehäuse aus TIRALIT, Schutzschaltung (nicht im Signalweg), 5-stufige Frequenz/Pegel-Abstimmung, 5-stufige Bassfrequenz-Abstimmung
Ausführung: TIDAL Pianolack schwarz oder verschiedene Furniere mit transparenter Lackabdeckung, Metallteile Edelstahl poliert; weitere Ausführungen auf Anfrage
Maße (B/H/T): 59/163/64 cm (mit Füßen)
Gewicht: 205 kg
Garantiezeit: 5 Jahre
Paarpreis: um 189 000 €
Kontakt
TIDAL Audio
Albert-Einstein-Ring 11
50374 Erftstadt
Telefon +49 2235 9299737
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