Looking for the English FIDELITY Magazine? Just click here!
Harbeth Audio C7ES-3 XD2

Harbeth C7ES-3 XD2

Technologie-Treiber oder: Geschäftsmodell Funktionswerkstoff

Harbeth C7ES-3 XD2

Harbeth-Lautsprecher begegnen mir seit Jahrzehnten auf HiFi-Messen. Man könnte sagen, sie haben mich mein ganzes Leben lang begleitet, waren schon immer da. Kantig in der Form und geradeaus im Klang. Nie hinterließen sie einen Zweifel bei mir: Die müssen genau so aussehen und ebenso klingen, eben ein Rundfunkstandard.

Harbeth Audio C7ES-3 XD2

In aller Kürze: Harbeth C7ES-3 XD2

Harbeth Audio C7ES-3 XD2

 

Was macht die Faszination von Harbeth aus? Es ist die Kombination aus historischem BBC-Erbe und einer konsequent weiterentwickelten, auf maximale Natürlichkeit ausgerichteten Klangphilosophie. Dudley Harwood war langjähriger Ingenieur, später Leiter der BBC-Forschungsabteilung. Er entwickelte Studiomonitore, die für ihren neutralen und natürlichen Klang bekannt wurden, und spendierte diesen Lautsprechermembrane aus Polypropylen, die Vorteile im Schwingungsverhalten insbesondere im Mitteltonbereich aufweisen, der für Stimmen besonders wichtig ist. Im Vergleich zu den bisher – wie bei der berühmten LS3/5A – verwendeten Bextren-Membranen (Polystyrol) hatte der neue Werkstoff eine bessere Eigendämpfung und ließ sich einfacher verarbeiten. Mit dieser Innovation wagte Harwood als BBC-Rentner die Gründung seiner eigenen Lautsprecherfirma im Jahr 1975 und brachte seinen ersten HL Monitor MK1 1977 mit dieser von ihm patentierten Membrantechnologie heraus.

Harwood hatte die Materialwissenschaft der Mitteltontreiber als Geheimnis für die natürliche Klangwiedergabe entdeckt und konsequent weiterentwickelt. Die Lautsprecherkonzepte anderer Hersteller fallen durch aufwendig versteifte Gehäusekonstruktionen oder durch extrem potente Frequenzweichen inklusive dicker Verkabelung auf. Bei Harbeth steht der Tiefmitteltöner als sprichwörtlicher Innovations-„Treiber“ im Fokus. Das Membranmaterial erzeugt freilich individuelle Klangfarben, die kontrolliert werden müssen. Dabei soll ein ideales Gleichgewicht aus möglichst geringer Masse, kontrollierten Resonanzen mit geringen Klangverfälschungen und eine reproduzierbare Klangcharakteristik bei der Herstellung der Membrane erzielt werden. Mit diesem Erbe und den technologischen Möglichkeiten der Neuzeit forscht Harbeth bis heute, 50 Jahre nach der Gründung und seit 1986 unter der Leitung von Alan Shaw, als eigenständiges britisches Unternehmen an neuen Lautsprecher-Werkstoffen und -Technologien. Harbeth ist eines der wenigen erfolgreichen Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf der gezielten Entwicklung eines Funktionswerkstoffes beruht – ähnlich wie 3M, Gore oder Tesa.

Harbeth Audio C7ES-3 XD2
Prinzipientreu: Seit Alan Shaw 1986 die Harbeth-Entwicklung übernahm, forscht er an Materialien, die seine Klangphilosophie unterstützen. Das Ergebnis ist ein unglaublich zeitrichtiger Zweiwegler, dessen Frequenzweiche schlank ausfällt. Vorsicht: Trotz der frontseitigen Reflexöffnung ist die C7 nicht für wandnahe Aufstellung vorgesehen – mit kleineren Abstrichen geht aber auch das.

Made in UK

In diesem Bericht steht das Zweiwege-Lautsprechermodell mit dem komplizierten Namen „C7ES-3 XD2“ im Fokus. An der Bezeichnung erkennt man die fortlaufende Weiterentwicklung der Baureihe, die es seit 1988 gibt und in dieser Evolutionsstufe seit 2025 auf dem Markt ist. Bereits 1990 erhielt Harbeth einen britischen Forschungszuschuss, um neue Membranwerkstoffe systematisch zu untersuchen. Aus diesem Projekt entstand die eigene Polymerformulierung RADIAL („Research and Development In Advanced Loudspeakers“). XD2 ist die aktuelle Weiterentwicklung der bisherigen XD-Serie (eXtended Definition). Das Herzstück der XD2-Serie ist die neue RADIAL4-Treibergeneration. Harbeth suchte nicht einfach einen vorhandenen Kunststoff aus dem Katalog aus, sondern kam nach einer weltweiten Materialsuche zu dem Schluss, dass kein verfügbares Material alle seine Anforderungen an den Klang erfüllen konnte. Deshalb entwickelte das Team um Alan Shaw eine eigene Polymermischung bzw. einen Metall-Polymer-Hybridwerkstoff. Weil nicht ein einziges Material alle gewünschten Klangeigenschaften über den gesamten Frequenzbereich optimal liefern konnte, wurde eine Zwei-Komponenten-Mischung erdacht, die als Membran im Spritzgussverfahren statt im einfacheren Vakuumformen hergestellt werden musste. In der mittlerweile vierten Optimierungsschleife kommt eine Glas-Polymer-Mischung zur Anwendung, wobei hohle Glasmikrokugeln in die Polymermatrix eingebettet werden.

Harbeth Audio C7ES-3 XD2
Harbeth unternimmt keine Versuche, seine britischen Wurzeln zu verbergen – und das steht den Lautsprechern unvergleichlich gut. Der Fuß ist optional.

Damit nicht genug mit der Ingenieurskunst, denn zudem wird die Dicke der Membran im Spritzgussverfahren über den Querschnitt variabel eingestellt. Zum Rand hin bzw. als Anbindung zu den weichen Sicken wird die Wandstärke der Membran reduziert. Im Bereich des Konus und für die höheren Frequenzen wird die Membran dicker und dadurch steifer. Durch die Steifigkeitserhöhung infolge der Glaskörper konnte die Gesamtdicke und dadurch die Massenträgheit weiter reduziert werden, was wiederum eine geringere Klangverfälschung bedeutet. Wegen der höheren Auflösung der RADIAL4-Treiber musste die Frequenzweiche neu abgestimmt werden. Harbeth nennt als Ziel eine harmonischere Integration der Chassis mit noch natürlicherer Stimmenwiedergabe und einer präziseren Raumdarstellung. Die Fertigung im Spritzgussverfahren ist aufwendiger und teurer als das Tiefziehen, jedoch liegt der Wettbewerbsvorteil von Harbeth eben nicht in niedrigen Lohn- oder Fertigungskosten, sondern im Know-how bei Material und Qualitätskontrolle und der einzigartigen Markenidentität. Harbeth prüft und testet nach eigenen Angaben jeden Treiber, jede Frequenzweiche und jeden fertigen Lautsprecher. Außerdem werden die Komponenten paarweise abgeglichen und umfangreiche Rückverfolgbarkeitsdaten dokumentiert. Der Hersteller beschreibt den Lautsprecherbau ausdrücklich als Mischung aus „Kunst und Wissenschaft“. Auch bei der Gehäusekonstruktion ist nicht maximale Steifigkeit durch dicke Wände und Versteifungen das Ziel, sondern entscheidend ist das Verhältnis von Steifigkeit, Masse und Dämpfung. Das Gehäuse schwingt dabei kontrolliert mit wie bei einem Musikinstrument. Die Schrauben sind bei einer Harbeth nicht nur Befestigungselemente, sondern Teil des mechanischen Gesamtsystems und Bestandteil der BBC-Monitortradition. In diesem Sinne gehört auch die Bespannung zur Klangabstimmung dazu und muss beim Hören nicht abgenommen werden. Die Lautsprecher werden in Lindfield (West Sussex) in vergleichsweise kleinen Stückzahlen montiert, viele Arbeitsschritte erfolgen dort noch manuell.

Harbeth Audio C7ES-3 XD2

Aurora

Der 20-Zentimeter-Tiefmitteltöner ist zweifelsfrei der Star auf der Klangbühne hinab bis 45 Hertz; der Ferrofluid-gekühlten 25-Millimeter-Hochtonkalotte bleibt „nur“ die Rolle des Nebendarstellers für Frequenzen über 3 Kilohertz. Die Frequenzweiche ist so abgestimmt, dass der Übergang möglichst kohärent wirkt und die Kalotte eher zurückhaltend im Sinne eines harmonischen Gesamtklangbildes agiert. Die Stimme steht dabei im Mittelpunkt und wirkt durch sanfte Frequenzübergänge sehr natürlich. Aus klanglicher Sicht gilt die C7ES-3 XD2 vielen Harbeth-Fans als der „Sweetspot“ der Baureihe: groß genug für einen vollwertigen Bass, aber noch kompakt genug für normale Wohnräume. Die Außenmaße sind mit 27/52/31 Zentimeter (B/H/T) für ein Zweiwege-Konzept recht großvolumig, weshalb die Vorrausetzungen für einen tieferen Bass bei geringer Belastung des Chassis und einen entspannten Klang sehr gut sind. Zudem unterstützt ein Bassreflexrohr an der Frontseite den Tieftonbereich und ermöglicht theoretisch eine wandnahe Aufstellung oder sogar Regalplatzierung. Die BBC-Forschung legte traditionell großen Wert auf Sprachverständlichkeit und Mitteltonneutralität. Ein ausreichend großes Gehäusevolumen hilft genau hierbei, weil der Tiefmitteltöner entspannter arbeiten kann. Der mitgelieferte Stand positioniert den Hochtöner genau auf Ohrhöhe, was sich auf Räumlichkeit und Transparenz positiv auswirkt. Ein etwas zurückhaltender abgestimmter Hochtonbereich ist da nur gut, um längere Zeit ermüdungsfrei hören zu können.

Harbeth Audio C7ES-3 XD2

Die erste Schallplatte, die ich mir über die Harbeth anhöre, ist My World Is The Sun von Dominique Fils-Aimé – sie gilt heute als eine der wichtigsten Stimmen des modernen Vocal Jazz in Kanada. Fils-Aimé produziert eine ganz besondere Mischung aus Jazz, Soul, Blues und R&B, wobei ihre Musik oft minimalistisch arrangiert ist und stark von ihrer Stimme lebt. Für die Harbeth stellt sich diese Musikwahl als „perfect match“ heraus. Die Künstlerin besitzt eine Stimme mit außergewöhnlicher Ausdruckskraft, sie nutzt Akustikinstrumente wie Klavier, Kontrabass, Gitarre und verschiedene Schlaginstrumente. Gerade diese Instrumente leben von einem starken Mitteltonbereich. Die hervorragende Aufnahmequalität und viele feindynamische Details finden auf diesem Album zusammen, und besonders auf dem Stück „The River“ können Stimmenwiedergabe, Räumlichkeit und natürliche Mittenabbildung mit der Harbeth C7 punkten. Sie produziert keine dichten Rock-Arrangements, sondern bietet viel „Luft“ zwischen den Instrumenten. Dadurch hört man sehr gut heraus, wie natürlich und leichtfüßig die große RADIAL4-Membran und das BBC-Gehäusekonzept bei Stimmen und akustischen Instrumenten agieren.

Harbeth Audio C7ES-3 XD2

Als weiteres Musikbeispiel lege ich die neue LP von Yes auf meinen Avid-Plattenspieler. Eine Van-den-Hul-Nadel am Tonabnehmer seziert die feinsten Frequenzen aus der Rille, und mein Vollverstärker, ein Audia Flight FL Three S, harmoniert hervorragend mit der Harbeth. Mit einem Wirkungsgrad von 86 Dezibel (6 Ohm) Nennimpedanz sollte der Verstärker etwa 25 Watt pro Kanal liefern. Der Audia Flight ist bekannt für seine hohe Stromlieferfähigkeit, gute Kontrolle im Bass und eine dynamische Wiedergabe bei gleichzeitig geschmeidigem Hochtonbereich, und er harmoniert gut mit Stärken der C7 wie dem natürlichen Mittelton, der Stimmenpräsenz und der großen Klangbühne bei einer eher warm-neutralen Abstimmung. Das Album Aurora ist mittlerweile das 24. Studioalbum von Yes. Produziert wurde es erneut von Steve Howe, die Orchesterarrangements spielte das Tschechische National-Sinfonieorchester ein. Die Kombination aus Jon Davisons Stimme, den akustischen Gitarren von Steve Howe und den Orchesterarrangements trifft auch diesmal die Stärken der Harbeth C7 – Stimmen, Klangfarben und Raumabbildung. In einem schön differenzierten Klanguniversum vergesse ich bald, weitere Klangdetails zu notieren, lehne mich lieber zurück und genieße die Farbenpracht von Aurora.

Harbeth Audio C7ES-3 XD2

Info

Kompaktlautsprecher Harbeth Audio C7ES-3 XD2

Konzept: „Stand Mount“-Lautsprecher (im Herzen kompakt, faktisch aber ein Standlautsprecher) mit zwei Wegen, offenem Gehäuse und hauseigener Membranrezeptur
Bestückung: 20-cm-Tiefmitteltöner („Harbeth made“ RADIAL4), 25-mm-Hochtöner mit Ferrofluid-Kühlung
Übergangsfrequenz: um 3 kHz
Bandbreite (±3 dB): 45 Hz bis 20 kHz
Impedanz: 6 Ω
Wirkungsgrad (2,83V@1 m): 86 dB
Empfohlene Verstärkerleistung: 25 bis 150 W
Besonderheiten: optimiert für wandferne Aufstellung, Lautsprecherstative optional, Single-Wiring-Terminals
Ausführungen: Black Ash (satin), Cherry, Walnut, Oak, Rosewood
Maße (B/H/T): 27/52/31 cm (ohne Ständer)
Gewicht: 13 kg
Garantiezeit: 2 Jahre
Paarpreis: um 4600 €

Kontakt

Drei H

Kedenburgstraße 44/Haus D
22041 Hamburg
Telefon +49 40 37507515
info@3-h.de

www.3-h.de

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.