Harmony Design Pre 903
„Als ich eines Tages begann, in die Welt hinauszugehen, weg vom Schloss meines Vaters, traf ich auf eine Welt, in der man zu glauben schien, dass sich in den Geräten eine Art seltsamer Gott befand. Sie zeigten mir bunte Schnüre, dick wie Unterarme, und nahmen es als persönliche Beleidigung auf, als ich ihnen erzählte, was die Komponenten in ihren teuren Geräten kosten.“
(Mattias Stridbeck)
Es scheint, der Kopf hinter Harmony Design hat seinen eigenen Kopf. Der Schwede Mattias Stridbeck folgt in den Fußstapfen des Herrn Papa seiner Berufung, die Welt mit exzellent musizierendem, doch bezahlbarem HiFi zu bereichern. Was sich darin äußert, dass Harmony Design seit Mitte der Neunziger das Thema Musikwiedergabe ziemlich entspannt angeht. Die Geräte genießen den Ruf feinster Natürlichkeit, mit einer Note samtenem Flair. Eher warm und freundlich als knochentrocken und überanalytisch – Wohlfühl-HiFi für entspannte Stunden. Wie entspannt man in Kungsbacka an neue Geräte herangeht, zeigt sich darin, dass zwischen Ankündigung und Auslieferung des Pre 903 ein gutes Jahr verging – Mattias Stridbeck war noch nicht völlig zufrieden mit der Performance. Und der Anspruch des Chefs ist hier Maßstab.

Der Pre 903 ist so etwas wie die eierlegende Wollmilchsau im Portfolio der Schweden. In dem schlanken Kasten, im Design eher an Dieter Rams als an die Geräte eines Berliner Dieters angelehnt, stecken sowohl ein D/A-Wandler, ein symmetrischer Vorverstärker, eine Phonovorstufe als auch ein vollwertiger Kopfhörerverstärker. Volle Hütte also. Bei Marktreife wird man aus verschiedenen Ausstattungsoptionen wählen können, die bei Preisen zwischen viereinhalb- und, wie in unserem Fall, gut siebentausend Euro liegen werden. Klingt nach viel Geld. Rechnet man sich einen Stapel aus ebenbürtigen Einzelgeräten zusammen, klingt das Ganze wieder fast niedlich.

Sympathisch und unaufgeregt stehen die Regler für Lautstärke und Eingangswahl auf unterschiedlichen horizontalen Ebenen – ein optischer Hinweis auf das komplexe Innenleben, bei dem das Relaisnetzwerk der Lautstärkeregelung seinen ganz eigenen Platz beansprucht – Form Follows Function. Der Blick ins Innere offenbart diese Symbiose: Ein Gehäuse aus massivem Aluminium, unterteilt in streng abgeschirmte Sektoren. Jede Baugruppe, von der Stromversorgung bis zum diskreten, rot eloxierten Widerstandsnetzwerk, residiert in ihrer eigenen Kammer. Diese kompromisslose Segmentierung sorgt für eine elektrische Ruhe, die man sofort hört: Es gibt kein Rauschen, nur die Musik vor einem absolut schwarzen Hintergrund. Stridbeck setzt aus voller Überzeugung auf symmetrische Schaltungen. Auf der Homepage erläutert Stridbeck erfrischend unterhaltsam seine Ansichten, gewürzt mit einer gehörigen Prise Humor. Was nicht heißt, dass man sich jetzt neue Digitalquellen zulegen müsste. Mithilfe von XLR- auf RCA-Adapter finden auch koaxiale Quellen Anschluss, ohne dass hier einschneidende Kompromisse zu befürchten sind.

Herzstück des DACs ist ein Board des Digitalspezialisten Amanero, das über XLR oder Toslink bis 24 Bit/192 Kilohertz verarbeitet. Liefert man die Daten über den USB-Eingang und einen Rechner, sind Raten bis 32 Bit/384 Kilohertz sowie DSD512 machbar. So viel zu den digitalen Meriten. Die für den Test zugesagte Phonosektion scheiterte zum Versandtag wohl noch an den erwähnten Ansprüchen Stridbecks, doch dafür gibt es ja die vier RCA-Eingänge, über die ein externer Phono-Pre Gehör und Anschluss findet. Raus gehts entweder über ein doppeltes Pärchen XLR oder ein Paar RCA. Freunde von Bandmaschinen freuen sich über einen separaten Festpegelausgang (wieder in XLR), um die Sache abzurunden. Wie bereits erwähnt: ganz schön viel drin in der schlanken Kiste.
Was wäre da noch? Man munkelt, man könne dem DAC unterschiedliche Filter-Charakteristika zuweisen. Klingt zunächst interessant, erweist sich im Alltag anhand einer Handvoll winziger Schrauben und deren Anzugsdrehmoment als nicht ganz einfach. Wie man auf die Idee kommt, die DIP-Schalter der Filterwahl ins Innere zu verlegen, erschließt sich selbst nach dem dritten Aquavit noch immer nicht. Die Antwort könnte abermals in Stridbecks Perfektionismus liegen: Ich habe mir die Mühe gemacht, alle drei Filter zu vergleichen und gewann die Erkenntnis, dass man den Deckel getrost zulassen kann. Die Unterschiede sind homöopathisch, und so wie erhalten agiert der Pre 903 am harmonischsten. Hören wir also ein wenig Musik.

Bei den Wüstenrockern von Tinariwen (über den USB-Eingang geliefert) zeigt der Pre 903 seine dynamische Souveränität. Der Fluss der Musik ist entwaffnend natürlich. Der Vorverstärker spannt eine Atmosphäre auf, die den staubigen Wind der Sahara förmlich spürbar macht. Die Dynamik kommt unmittelbar und trocken. Hier spielt der integrierte DAC seine Stärken aus: Je nach gewähltem Filter lässt sich die Charakteristik fein nuancieren – von impulstreu-direkt bis hin zu einer sanfteren, räumlicheren Darstellung. Doch wie schon angedeutet lassen wir den Deckel drauf, erfreuen uns des Ist-Zustands und widmen uns der Büchse der … AURORA. Der Wechsel zur Klangkonserve der norwegischen Gesangselfe offenbart die chirurgische Präzision des Schaltungsdesigns. Bei ihrer glasklaren Stimme zeigt der Pre 903 eine Auflösung, die jedes Atmen freilegt. Besonders beeindruckend ist der Umgang mit Transienten und Sibilanten: S-Laute sind messerscharf fokussiert, kippen aber nie ins Spitze um.
Die Klarheit ist phänomenal – der Vorverstärker scheint das Signal lediglich zu begleiten, ohne ihm einen eigenen Stempel aufzudrücken, ermöglicht ein fast ätherisches Erleben, leicht wie Nebelschwaden.
Selten wuchs ein Gerät im Lauf der Zeit so stark wie der 903. Und wir hatten viel Zeit zusammen. Mittlerweile spielt die Harmony Design seit knapp vier Monaten hier. Was sowohl Uwe Klose vom deutschen Vertrieb Applied Acoustics wie auch unseren Verlag mal wieder ziemlich hibbelig macht. Doch in der Ruhe liegt die Kraft. Ruhe haben neuerdings auch meine Nachbarn vor mir und meinen Emissionen. Da parallel zum Pre 903 eine schicke Schallmütze, auch unter dem Begriff Kopfhörer bekannt, geliefert wurde, herrscht hier im Haus eine ungewohnte Ruhe. Der Verfasser dieser Zeilen hat ein neues Lieblingshobby: Bodenbelagtieftauchen. Im Bedarfsfall einfach den Kopf unter die Hörer und ganz sanft am Rad drehen. Je nach Pegel, Stimmung und Musik lässt es sich vortrefflich in der Auslegware versinken, ohne Gefahr zu laufen, durch sich beschwerende Nachbarn oder das nervige Smartphone gestört zu werden.
Info
Vorverstärker/DAC Harmony Design Pre 903
Konzept: Transistor-Vorverstärker mit DAC und Kopfhörervorstufe
Eingänge analog: 4 x Line (RCA), 1 x Line (XLR)
Eingänge digital: 1 x XLR (RCA via Adapter), 1 x Toslink, 1 x USB
Ausgänge: 1 x Main Out (RCA), 1 x Tape Out (RCA), 4 x XLR
Maße (B/H/T): 430/85/300 mm
Gewicht: 6 kg
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: ab 4500 € (Phono ca. 500 €, Preise für DAC und Fernbedienung stehen aktuell noch nicht fest), Ausführung wie getestet um 7000 €
Kontakt
Applied Acoustics
Brandensteinweg 6
13595 Berlin
Telefon +49 30 4614874
kontakt@applied-acoustics.de






