Archive Music
In Saint-Gilles zeigt Archive Music, wie entspannt Plattenkultur in Brüssel sein kann.
Brüssel hat keine ikonischen Vinyl-Adressen wie London oder New York, keine Läden, die man schon über Social Media kennt, bevor man überhaupt ankommt. Stattdessen sind die Shops über die Stadt verstreut, eingebettet in Wohnviertel, oft fernab der klassischen Ausgehzonen. Sie treten eher unspektakulär auf, ohne große Schaufenster, auch häufig medial kaum gehypt. Man findet sie eher zufällig auf dem Weg zum Café oder zum Hotel. Und so landen wir beim Flanieren im vor allem abends trubeligen Viertel Saint-Gilles. Ein Kiez, der zwischen Boulevards und Hinterhöfen, Espressodunst und Atelierfenstern liegt. Hier mischt sich Brüssel ein bisschen neu: Künstler und Handwerker, alteingesessene Nachbarn und Neuankömmlinge, Galerien neben Friseursalons, Concept Stores neben Eckkneipen. Gewissermaßen Schwabing und Chelsea im Slowdown-Modus. Saint-Gilles lebt von dieser trubeligen Unaufgeregtheit, um hier mal ein Oxymoron zu bemühen.
In dieser Umgebung wirkt Archive Music wie eine logische Umsetzung des Kiezspirits. Von außen beinahe unscheinbar, fügt sich der kleine Plattenladen mit integriertem Café perfekt in die kleine Straße ein. Obwohl hier nur 100 Meter weiter vorne gleich mehrere Kneipen für einen Hotspot sorgen, muss man wissen, dass weiter hinten in der Seitenstraße noch erstklassiges Vinyl auf einen wartet. Als Tourist würde man nicht zwangsläufig hier abbiegen. Aber die Einheimischen wissen Bescheid, offenbar auch darüber, dass es hier einen hervorragenden Cappuccino und prima Croissants gibt, denn bereits zur morgendlichen Öffnungszeit ist im Ladencafé reger Betrieb.
Drinnen teilt sich der Raum fast beiläufig. Links die Plattenregale, rechts das Café. Helles Holz, wenig Dekor, eine Einrichtung, die funktional wirkt, aber keineswegs belanglos kühl. Nichts schreit nach Konzept oder Designidee, eine Unsitte, die so manchen nerdigen Plattenladen auszeichnet. Alles fühlt sich an, als sei der Laden langsam gewachsen. Auch im hinteren Raum setzt sich diese Mischung aus Regalen und Sitzplätzen fort. Wer möchte, nimmt draußen Platz, mit Blick auf die kleine Seitenstraße.
Beim Stöbern zeigt sich, was Archive Music ausmacht. Der Fokus liegt auf raren Pressungen, vor allem auf klassischer Avantgarde sowie Jazz der 60er und 70er Jahre. Auffällig sind die vielen ausgelaufenen Reihen, die man anderswo kaum noch geschlossen oder in diesem Zustand findet. Und plötzlich hält man beim Herausziehen aus dem Regal eine frühe DG-Pressung von Stockhausens Hymnen in der Hand – Musik, die auch Jahrzehnte später nichts von ihrer Radikalität verloren hat. Ein paar Regale weiter taucht die Philips-Reihe „Prospective 21e siècle“ auf. Eine Serie, die sinnbildlich für den Mut dieser Zeit steht. Man blättert die Regale durch und steht vor Xenakis’ Metastaseis oder einer Aufnahme von Luc Ferraris Presque Rien. Und nicht zu vergessen: Wer ein Freund der legendären französischen Schlagwerktruppe Les Percussions De Strasbourg ist, der wird den Laden mit mehr als einer LP unter dem Arm wieder verlassen.
Daneben findet sich viel Elektronik, oft abseits der bekannten Pfade, sowie Jazzklassiker des legendären französischen Labels BYG Records mit Anthony Braxton oder Archie Shepp. Vor allem aber kann Archive mit einer großen Auswahl an Erstpressungen punkten, die jedoch leider nicht immer direkt im Laden erhältlich sind, da empfiehlt es sich, zuvor einen Blick auf den Shop der Homepage zu werfen oder konkret nachzufragen. Erstpressungen von Can oder gar der Beatles findet man nicht alle Tage, aber hier hat man gute Chancen. Zu loben ist das faire Grading, bei dem nichts beschönigt wird und das eher konservativ orientiert ist. Dennoch gehört es zur Selbstverständlichkeit, dass gebrauchtes Vinyl vor dem Verkauf mit einer Clearaudio Matrix gewaschen wird. Generell haben bei Archive – wen verwundert es – französiche und auch einige vergessene belgische Labels leicht die Überhand, was wiederum den Reiz für den Besucher aus dem östlichen Nachbarland ausmacht. Und immer wieder taucht auch Mainstream auf, nicht als Zugeständnis an zufällig vorbeikommende Besucher, sondern als Teil eines offenen Verständnisses von Musik.
Zumindest am Morgen unseres Besuches war auffällig, dass nur wenig Personal vor Ort war, das sich zudem überwiegend um den gastronomischen Bereich gekümmert hat. Für Kenner durchaus ein Vorteil, da man sich wirklich ungestört und unbedrängt von Verkaufsanbahnungsgesprächen durch die Regale wühlen konnte. Für kleinere Zwischenfragen gab es aber immer ein offenes Ohr, vor allem, falls etwas nicht im Laden zu finden war, das man zuvor auf der Homepage entdeckt hatte. So wird Archive Music, unaufgeregt offen und mit einer liebenswürdigen Gastfreundlichkeit ausgestattet, zu einem Spiegel von Saint-Gilles selbst. Es müssen eben nicht immer die großen und spektakulären und in den sozialen Netzwerken gehypten Läden sein, die das Herz des Sammlers erfreuen. Und gerade deshalb ist Archive Music einer dieser Orte, von denen man immer wieder gefangen wird – hier mit einer Tasse Cappuccino und einer Platte, von der man nicht wusste, dass man sie sucht.
Archive Music
Av. Adolphe Demeur 18
1060 Brüssel (Saint-Gilles)
Telefon +32 478 12 14 75
Öffnungszeiten
Montag bis Freitag 8–18.30 Uhr
Samstag und Sonntag 9–18 Uhr



















