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Vinyl Corner - Stars on 45

Stars on 45

Vinyl-Corner

Stars on 45

Im Vinyl-Corner widmen wir uns dieses Mal ganz und gar dem Phänomen des Sounds mit 45 Umdrehungen und lauschen dabei Reissues von Analogue Productions.

Immer wieder trudeln in der Redaktion hochwertig aufgemachte Reissues und Neuerscheinungen ein, die mit 45 Umdrehungen pro Minute laufen. Zeit also, sich einmal mit diesen Scheiben etwas genauer zu befassen und gleich fünf dieser aktuellen „Stars on 45“ auf den Zahn zu fühlen. Worin unterscheiden sich aber nun die 45-rpm-Scheiben von den Standardplatten mit 33⅓ Umdrehungen? Welche klanglichen und technischen Aspekte sind es, die Erwähnung finden sollten? In aller Kürze: Der zentrale Unterschied liegt in der höheren Geschwindigkeit der Rille. Während sich die Platte schneller dreht, bewegt sich auch die Rillenstruktur zügiger unter der Abtastnadel entlang. Dadurch kann in derselben Zeit mehr Information präziser übertragen werden, was sich unmittelbar auf die Klangqualität auswirkt. Durch die höhere Geschwindigkeit müssen feine Frequenzen weniger stark „komprimiert“ in die Rille geschnitten werden. Die Nadel kann diese Bewegungen exakter nachvollziehen, was zu einer klareren, detailreicheren Darstellung von Obertönen führt. Auch im Bereich der Dynamik bietet das 45-rpm-Format Vorteile.

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Die größere verfügbare Rillenlänge pro Zeiteinheit erlaubt stärkere Auslenkungen, ohne die Abtaststabilität zu gefährden. Das führt zu einem erweiterten Dynamikumfang, bei dem leise und laute Passagen deutlicher voneinander abgegrenzt sind. Insbesondere komplexe musikalische Strukturen profitieren davon, da Intermodulationsverzerrungen reduziert werden und einzelne Klangschichten transparenter hervortreten. Ein weiterer technischer Aspekt ist der größere Rillenabstand, der vermutlich auch den größten klanglichen Vorteil bietet. Da bei 45 U/min weniger Spielzeit pro Plattenseite vorgesehen ist, können die Rillen weiter auseinander und oft auch tiefer geschnitten werden. Dies verbessert die Abtastsicherheit und ermöglicht eine stabilere Basswiedergabe. Für das Mastering bedeutet dies zusätzliche Freiheiten: Kompression kann reduziert, Frequenzbereiche differenzierter behandelt werden, und insgesamt entsteht ein offeneres Klangbild. Dem gegenüber steht jedoch ein praktischer Nachteil: Die höhere Drehzahl geht mit einer deutlich geringeren Spielzeit pro Seite einher, was meist zu Doppel-LPs oder häufigeren Seitenwechseln führt. Zudem steigen Produktionsaufwand und damit die Anschaffungskosten für den Kunden.

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Bleibt also noch die Frage, ob womöglich Wiederveröffentlichungen aus den 50er und 60er Jahren für die höhere Laufgeschwindigkeiten prädestiniert sind. Bei Reissues von LPs aus den 1960er Jahren bietet das 45-rpm-Format vor allem die Möglichkeit, die ursprünglichen klanglichen Grenzen der damaligen Produktion teilweise zu überwinden, ohne das historische Material selbst zu verändern. Bei einem 45er-Reissue kann derselbe Inhalt mit deutlich mehr „Platz“ geschnitten werden. Dadurch lassen sich feinere Details aus dem Masterband präziser in die Rille übertragen. Der Nachteil bleibt die geringere Spielzeit pro Seite, weshalb viele Reissues als Doppel-LPs erscheinen. Dennoch wird dieser Mehraufwand bewusst in Kauf genommen, da das 45-rpm-Format insbesondere bei historischen Aufnahmen dazu beiträgt, deren klangliches Potenzial deutlicher hörbar zu machen, als es bei den ursprünglichen Pressungen technisch möglich war.

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Und hier sind wie dann auch ganz konkret bei drei der fünf Neuerscheinungen von Analogue Productions angekommen. Sowohl Ravels Daphnis et Chloé unter Charles Munch als auch Strauss’ Zarathustra unter Fritz Reiner können zwar mit einer ungeheuren Farbigkeit, feinen Ziselierungen im Schlagwerk und einer stupenden Dynamik überzeugen, man erkauft sich diesen Genuss aber mit einer Rezeptionsweise, die schon Thomas Mann im Zauberberg beschreibt: Man wechselt innerhalb eines Werks die Plattenseite, was bei einer sinfonischen Dichtung oder einem Ballett eben auch heißt, dass nicht zwischen zwei Sätzen, sondern innerhalb des Klanggeschehens die Musik unterbrochen wird. Dafür wird man aber mit einer ungeheuren Authentizität dieser historischen Aufnahmen belohnt. Die jüngste Veröffentlichung aus dieser Reihe umgeht dieses Problem, indem geschickt vier kürzere audiophile Schlachtrösser auf vier Seiten verteilt werden. Und auch hier zeigt sich, dass der Vorteil der schnelleren Umdrehung nicht nur in einer größeren Dynamik bestehen muss, sondern auch in einer größeren Ruhe, einer überzeugenden Tiefenstaffelung und einer involvierenden Dichte der Streicher. So sind es bei Tschaikowskys Ouvertüre 1812 weniger die Kanonen, die überzeugen, als vielmehr der ruhige und engmaschige Streicherteppich, der das militärische Geschehen vorbereitet.

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Anders stellt sich das bei den beiden Jazz-Veröffentlichungen der Reihe dar. Hier fühlt man sich eher an die gute alte Maxi-Single erinnert, aber angesichts des ungeheuren Grooves der Aufnahmen und der grobdynamischen Bläserattacken ist man geradezu erfreut, bereits nach ein bis zwei Takes das Plattendrehen für eine kurze Verschnaufpause nutzen zu dürfen. Man kommt nicht umhin, den vorliegenden Scheiben von Gene Amons und Chet Baker eine gewisse Livehaftigkeit zu attestieren, gleichwohl es sich um Studioaufnahmen handelt. Die Reissues lassen einfach mehr Luft zwischen den Musikern, man hat das Gefühl, als sei die Kommunikation untereinander lässiger geworden. Vor allem bei Gene Amons verdeutlicht die Produktion dessen improvisatorische Modernität, indem dieser beinahe übergroß zwischen den Lautsprecher erscheint und uns das Gefühl eines Platzes in der ersten Reihe eines brodelnden Jazzclubs vermittelt. Es sind Aufnahmen, bei denen sich die Spielfreude unmittelbar auf das Hörvergnügen überträgt. Nach dem Genuss dieser Scheiben aus dem Hause Analogue Recordings fragt man sich, warum eigentlich nicht grundsätzlich Vinyl mit 45 rpm veröffentlich wird.

Vinyl Corner - Stars on 45

Tschaikowsky, Mendelssohn, Brahms, Liszt – Ouvertüren, Mephisto-Walzer

Chicago Symphony Orchestra, Fritz Reiner
Label: Analogue Productions (RCA Living Stereo)
Format: 2 LPs (45 rpm)

Richard Strauss – Also sprach Zarathustra

Chicago Symphony Orchestra, Fritz Reiner
Label: Analogue Productions (RCA Living Stereo)
Format: 2 LPs (45 rpm)

Maurice Ravel – Daphnis et Chloé

Boston Symphony Orchestra, Charles Munch
Label: Analogue Productions (Prestige & Riverside)
Format: 2 LPs (45 rpm)

Gene Amons – Blue Gene

Label: Analogue Productions (Prestige & Riverside)
Format: 2 LPs (45 rpm)

Chet Baker – Chet in New York

Label: Analogue Productions (Prestige & Riverside)
Format: 2 LPs (45 rpm)

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