Tiwayo im Interview – Ich dachte nur: Verdammt, was ist hier los?
Tiwayo spielt den Soul und den Blues wie eine alte Legende aus dem Süden der USA. Doch der Künstler stammt aus einem Pariser Vorort. Jahrelang lebte er von dem, was Passanten in seinen Hut warfen. Dann entdeckte ihn ein Grammy-prämierter Produzent für ein erstes Album. Auch für sein neues, mittlerweile drittes Werk Outsider gewann Tiwayo prominenten Beistand: Die Black Pumas – und Eric Claptons Tourgitarristen Doyle Bramhall II.
Die Verbindung nach Paris steht. Auf dem Bildschirm erscheint Rémi Tyo. Der französische Musiker, bekannt unter seinem Künstlernamen Tiwayo, sieht müde aus. Die Lider hängen schwer über den Augen, die Haare lugen zerzaust unter einer modischen Ballonmütze hervor. Er müsse sich entschuldigen, sagt Rémi Tyo, er habe gerade eine kräftige Erkältung hinter sich. Die Stimme sei heiser, das möge man verzeihen. Das tut man natürlich. Man bedankt sich sogar. Denn die belegte Stimme des Sängers passt perfekt zur ersten Frage …
FIDELITY: Rémi, „Stimme“ ist ein gutes Stichwort. Als ich Ihr neues Album hörte, war ich erstaunt …
Tiwayo: Warum?
Dafür müssen wir kurz zurückspulen. Als ich Ende 2018 Ihr Debütalbum The Gypsy Soul Of Tiwayo im Wohnzimmer abspielte, kam meine damals zwölfjährige Tochter herein und meinte: „Die Frau singt aber schön!“
Oha.
Kindermund tut Wahrheit kund: Sie sangen in einer hohen, fast jugendlichen Tonlage, obwohl Sie bereits Anfang dreißig waren. Heute, acht Jahre später, klingen Sie reifer, kantiger.
Ja, das stimmt. Zu Beginn habe ich ganz bewusst versucht, femininer zu klingen, intimer, habe versucht, die Rauheit in meiner Stimme zu vermeiden. Das tue ich heute nicht mehr. Mir gefällt der natürliche Klang. Die Jahre waren eine spannende Reise für den Sound meiner Stimme. Ich habe nach meinem Stil gesucht. Vielleicht entstand dabei dieses Gefühl von Reife, wie Sie es nennen.
Haben Sie ihn gefunden, Ihren Stil?
Ja. Ich habe verstanden, dass Soul auch in tieferen Tonlagen sehr schön ist. Damit fühle ich mich am wohlsten, im Moment jedenfalls.
Die Entfaltung verschiedener Soundstimmungen auf einem Album hat auch mit dem Produzenten zu tun. Ihr erstes Album wurde von Mark Neill produziert, Grammy-prämiert für seine Arbeit am Album Brothers der Black Keys. Das neue Album hat Adrian Quesada betreut, Gründer der Soul-Band Black Pumas. Zwei Große der Soul-Szene, mit verschiedenen Soundprofilen. Neill mag’s eher archaisch, Quesada verfolgt einen moderneren Ansatz.
Absolut, absolut. Ich war auf der Suche nach diesem tief verwurzelten Southern-Soul-Sound. Aber auch nach etwas, das weiter geht. Adrian ist gut darin, Neues auszuprobieren, das dennoch tief verwurzelt in der Muttererde des Soul ist. Ich habe rund um die Aufnahmen viel Soul gehört. Bill Withers und Donny Hathaway.
Interessant, ich hätte später selbst Donny Hathaway ins Spiel gebracht. Das Orgel-Intro zum Stück „Electric Spanish“ hat mich an „The Ghetto“ erinnert.
Das ist von „The Ghetto“ inspiriert, Philip! Eine Art Zitat. Der Song ist überhaupt eine Sammlung von Zitaten und Einflüssen. Ich habe spanische Vorfahren mütterlicherseits. Adrian hat Wurzeln in Mexiko. „Electric Spanish“, das ist meine Verbindung zum Latin Soul. Und gleichzeitig zu Donny Hathaway. Zu seiner Art, über bekannte Grenzen hinauszugehen und Neuland zu erkunden.
Und was haben Sie von Bill Withers gelernt?
Ein fantastischer Soulmusiker. Für mich ein Vorbild für das Komponieren von Songs. Für Phrasierungen, für den Aufbau von Dramatik. Withers war auch Gitarrist, das vergisst man oft. Dieses Zusammenspiel von Stimme und Gitarre, das Call-and-Response, das war für mich ganz wichtig bei Outsider.
Sie haben die Platte im Studio der Black Pumas aufgenommen. Die Band bestand aus Musikern der Black Pumas, der Produzent war von den Black Pumas und auch der Toningenieur kam von den Black Pumas. Wie haben Sie es vermieden, ein Black-Pumas-Album mit Tiwayo als Gastsänger aufzunehmen?
(Lacht) Adrian ist ja Profi. Es war vom ersten Treffen an ganz klar: Wir wollen ein tolles Soulalbum machen, aber natürlich kein Black-Pumas-Album.
Ergeben sich dabei nicht unbewusst Überschneidungen im Sound? Ähnliche Grooves, Arrangements?
Das könnte vielleicht passieren, wenn man sich als der Neue einfach hinsetzt und alle anderen machen lässt. Ich glaube, meine Arbeitsweise hat das verhindert. Ich verbringe viel Zeit mit der Aufnahme von Demos. Ich bin sehr viel allein mit mir, nehme Tonspuren auf, Ideen von Songs, von Arrangements. Als ich Adrian kontaktierte, da hatte ich bereits sehr konkrete Demos. Klare Vorstellungen von Songs, auch vom Sound. Und ich muss sagen, die große Kunst von Adrian war es, das zu nehmen und mit seiner Mannschaft so zu behandeln, dass dabei eben ein Tiwayo-Album herausgekommen ist. Und keines der Black Pumas.
Ich wollte das von Ihnen hören, Rémi. Denn das ist auch meine bescheidene Beobachtung: Das Album klingt nicht wie eines von den Black Pumas.
Danke. Und dazu kommt: Ich singe überhaupt nicht wie Eric, der Sänger der Pumas.
Und Sie hatten noch ein Ass im Ärmel. Sie haben für einige Songs Doyle Bramhall II als Gast gewonnen. Wie ist Ihnen das gelungen? Er ist ein vielgebuchter Gitarrist für die ganz Großen. 2026 ist er wieder Teil der Liveband von Eric Clapton.
Pures Glück. Vor meiner Reise nach Austin, Texas, habe ich Adrian geschrieben: Ich hätte gerne noch einen lokalen Bluesgitarristen dabei, kennst du nicht einen? Das hatte ich dann aber wieder total vergessen. Dann kam der dritte Tag der Aufnahmen, da stand plötzlich Doyle Bramhall II im Studio. Es gibt kaum einen gefragteren Bluesgitarristen heutzutage, und der will zu mir aufs Album? Adrian hatte ihm ein paar Demos geschickt, er hatte reingehört, war in der Stadt und hat gesagt: „Alles klar, bin dabei.“ Ich dachte nur: ,Verdammt, was ist hier los?‘
Vielleicht hatte er gespürt, dass Sie beide etwas verbindet. Bramhall spielte bereits als 16-Jähriger mit Jimmy Vaughan bei den Fabulous Thunderbirds. Sie selbst sind auch sehr früh mit der Gitarre losgezogen, haben als Jugendlicher in der Pariser Métro gespielt.
Vielleicht ist da was dran, ja. Das beeindruckt mich immer wieder an amerikanischen Musikern. Egal, wie bekannt sie sind, wenn ein Projekt sie interessiert, dann spielen Namen keine Rolle. Ich meine, dass jemand von diesem Kaliber bereit ist, ins Studio zu kommen, um mit jemandem wie mir zu spielen, einem Unbekannten … Er hatte mir gesagt, er habe meine früheren Sachen gehört und war von meiner Interpretation des Blues beeindruckt. Er meinte, da spräche jemand seine Sprache. Obwohl ich ja aus Paris stamme und er aus Austin. Es gibt eben diese Magie der Musik. Total verschiedene Menschen können gemeinsam in einem Song zu Hause sein.
Bramhall II hat mit Roger Waters „Another Brick In The Wall“ gespielt. Er spielt „Layla“ mit Eric Clapton. Das sind vorgegebene Sound-Charakteristika. Bei Ihnen hatte er vermutlich mehr Freiheiten, sich selbst einzubringen?
Wir haben ihm alle Freiheiten gelassen. Er hatte aber nicht die Zeit, bei allen Songs mitzuwirken. Also spielten wir ihm eine Reihe von Songs vor, die wir uns mit ihm vorstellen konnten. Einer davon war für ihn dann besonders wichtig, ein Song, den ich über meinen Vater geschrieben habe. Mein Vater war ein großer Jazzfan. Doyle hat ähnliche Erfahrungen.
Doyle Bramhall I, der Vater, spielte Schlagzeug in der Band von Stevie Ray Vaughan.
Genau. Deshalb wohl wollte Doyle unbedingt vor allem bei meinem Song „Daddy Was Born With The Blues“ mitwirken. Das hat wiederum mich bewegt. Eine tolle Erfahrung.
„Daddy Was Born With The Blues“ ist ein schöner Song. Er klingt nach Blues, aber irgendwie ist darin noch etwas … etwas, das nicht zum Soul des Südens gehört, meine ich. Eine Nuance von Chanson vielleicht?
Vielleicht gibt es da etwas Europäisches in meinem Songwriting, ja, das kann sein. Ich schreibe zum Beispiel zunächst immer den Text, dann kommt die Melodie. Aber Chanson? Ich habe etwas Französisches in mir, vielleicht macht sich das subtil bemerkbar? Ich weiß es nicht. Dieser Moll-Aspekt, den würde ich eher den spanischen Wurzeln zuordnen. Da ist so eine gewisse Klangfarbe gerade auch bei lateinamerikanischer Musik.
Ich meinte auch nicht, dass Outsider nach Charles Aznavour klingt. Da klingen andere Bluesmusiker deutlich französischer, man muss nur mal auf ein Cajun-Festival in Louisiana gehen …
(Lacht) Das ist wahr!
Sie haben es gut umschrieben: Es ist vielleicht eher so ein europäischer Touch. Was mich aber wirklich erstaunt: Sie haben einen deutlichen französischen Akzent, wenn Sie sprechen, aber gar nicht, wenn Sie singen. Wie geht das?
Übung. Ich versuche zwar nie, mich in meiner Musik zu verstellen. Ich wollte aber auch nicht mit einem heftigen französischen Akzent singen. Es gibt schon genug Akzente in Amerika. Südstaaten-, Texas-, Cajun-Akzente …
Wir hatten hier in FIDELITY eines der letzten Interviews mit Steve Cropper, dem Gitarristen von Booker T. & the M.G.’s und Begründer des Memphis Sounds. Das war schwerster Nashville-Akzent kombiniert mit Southern Drawl. Nahezu unverständlich.
Aber Cropper hat ja auch nicht gesungen.
Das stimmt.
Ich wollte einfach nicht, dass mein Akzent vom Sound meiner Musik ablenkt. Deswegen habe ich die englische Aussprache geübt.
Der französische Musiker Tiwayo ist ein Singer-Songwriter aus der Pariser Vorstadt, der einen Mix aus Soul, Blues und Folk spielt. Bürgerlich heißt der 39-Jährige Rémi Tyo. Sein Künstlername steht für „The Young Old“ (die phonetische Reihe der englischen Buchstaben „T“, „Y“ und „O“), den er von einem Bluesmusiker wegen seiner „tiefen, alten“ Seele verliehen bekommen hatte. Im Jahr 2019 veröffentlichte der ehemalige Straßenmusiker sein gefeiertes Debütalbum The Gypsy Soul Of Tiwayo. Nach Desert Dream (2023) erschien jetzt sein aktuelles Album Outsider, das vom Gründer der Neo-Soul-Band Black Pumas, Aidan Quesada, produziert wurde.












