Jon Lord – Sarabande
Jon Lord (1941–2012) war der Senior bei Deep Purple – vier Jahre älter als Ritchie Blackmore, sieben Jahre älter als Ian Paice.
Als klassisch geschulter Keyboarder kümmerte er sich um die „seriösen“ Elemente bei Deep Purple, die Bach- und Beethoven-Zitate und die „klassischen“ Sounds: ein Streichquartett, ein Cembalo, ein Kammerorchester. Bereits 1969 mündeten Lords Ambitionen in einem „Concerto for Rock Group and Orchestra“, aufgeführt von Deep Purple und dem Royal Philharmonic Orchestra in der Royal Albert Hall. Der britische Komponist Sir Malcolm Arnold unterstützte Lord damals, sonst hätte er diese Crossover-Sachen vielleicht nicht fortgeführt. Die Hardrock-Fraktion von Deep Purple dagegen machte klar, dass sie diesen Weg nicht gehen wollte. Daraufhin startete Lord neben Deep Purple eine Solo-Laufbahn als „Klassik-Rocker“.
1975 hat er offenbar eingesehen, dass seine Orchester-Ausflüge (Gemini Suite, Windows) zu schwierig waren für den populären Geschmack. So kam er auf die Idee, sein nächstes Album an einem etwas handlicheren Modell auszurichten: einer barocken Tanzsuite. „Ich habe versucht, das gleiche Tempo und Feeling zu verwenden wie in einer originalen Sarabande, Gigue und so weiter.“ Tempo und Feeling – ja. Stilistisch aber hat das Album Sarabande wenig Barockes an sich. Es ist vielmehr ein bunter, scheinbar willkürlich zusammengemixter Strauß von Stil-Einflüssen aus Rock, Jazz, Klassik und Folklore. Da gibt es Anklänge an Dave Brubecks Cool Jazz und Ravels Pavane, an ungarische Tanzfolklore und romantische Klaviermusik. Wir hören auch diverse Synthesizer, eine klassische Gitarre, viel Schlagzeug und Percussion, ein komplettes Sinfonieorchester. Ganz selten klingt der Stil früherer Lord-Orchesterwerke an. Und der Rock? Die rockigsten Elemente sind die Soli auf E-Gitarre und Hammondorgel.
Wäre es nicht Jon Lord, könnte man denken, all das sei unbekümmert zusammengestellt und leichthin ausgebreitet. Tatsächlich aber ist das Album Sarabande eine sehr delikate, reflektierte Gratwanderung. Einer wie Jon Lord überlegt lange, wie viel an Zitaten und Plagiaten, wie viel an Anleihen und Klischees, wie viel Eigenes und wie viel Triviales er in so ein Projekt packen kann. Am Ende wurde die Mischung einzigartig.
Aufnahme: September 1975
Veröffentlichung: Oktober 1976
Label: Purple Records
Produktion: Jon Lord & Martin Birch
Titel
Seite A
- Fantasia 3:30
- Sarabande 7:20
- Aria 3:42
- Gigue 11:06
Seite B
- Bourrée 11:00
- Pavane 7:35
- Caprice 3:12
- Finale 2:03
Musiker
Jon Lord – Hammondorgel, Pianos, Clavinet, ARP Synthesizer
Andy Summers – Gitarren
Paul Karass – Bass
Pete York – Schlagzeug
Mark Nauseef – Percussion
&
Philharmonia Hungarica, Ltg. Eberhard Schoener
- Der deutsche Dirigent Eberhard Schoener organisiert das fast 90-köpfige Orchester, ein Ensemble aus ungarischen Exilmusikern in Nordrhein-Westfalen. Die Aufnahmen entstehen daher kurioserweise in der Stadthalle von Oer-Erkenschwick.
- Die kleine Ouvertüre „Fantasia“ eröffnet mit Pauken und Trompeten. Der Mittelteil – mit Englischhorn, Streichern, Harfe, Flöte – wirkt dagegen lyrisch-ländlich, eine englische Idylle. „Die perfekte Art, den Vorhang zu heben“ (Paul Mann).
- Zwischen Aufnahme und Veröffentlichung des Albums Sarabande löst sich die Band Deep Purple auf (Juli 1976). Es ist das erste, aber nicht das letzte Mal.
- Im Rhythmus des Titelstücks steckt ein wenig Dave Brubeck, in der Melodie etwas Thomas Tallis. Es gibt in Sarabande auch schöne, melodische Soli auf Synthesizer und E-Gitarre. Am Ende kommen noch eine barockale Episode, ein kurzer Abschnitt à la „April“ und ein Streicher-Nachspiel. „Ein unterschätztes Meisterstück“ (Music Street Journal).
- „Aria“ ist nur ein kleines Klaviermotiv – Jon Lord unterlegt es mit Synthesizern. Ein raffinierter Balanceakt zwischen Barock, Romantik und Kitsch.
- Der Deep-Purple-Keyboarder ist unverkennbar. Seine besten Soli auf dem Album spielt Lord in „Gigue“ (Orgel, 4:34–5:40), „Bourrée“ (Clavinet, 4:28–6:15) und „Caprice“ (Orgel, 1:30–2:38).
- Andy Summers liefert zwei elektrische Killer-Soli („Gigue“, „Bourrée“) und glänzt zudem an der klassischen Gitarre („Pavane“). Wenige Monate nach Erscheinen von Sarabande wird er Mitglied bei The Police.
- In der galoppierenden „Gigue“ sorgen die beiden Trommler für das besondere Feeling. Auch die B-Seite beginnt mit einem Drums-&-Percussion-Duo („Bourrée“).
- Als Jon Lord erfährt, dass das Orchester aus Ungarn stammt, schreibt er noch ein Stück mit ungarischem Folklore-Anklang: „Bourrée“. Der Sound im Thema ahmt ein Cimbalom nach.
- „Pavane“ ist zwar das Kitsch-Highlight des Albums, steckt aber voller Überraschungen. Die Palette reicht von klassischer Sologitarre bis Cocktail-Pianojazz.
- „Aria“ und „Caprice“ kommen ohne Orchester aus. Erst für die Liveaufführungen (ab 2010) werden zusätzliche Orchesterparts entstehen.
- Das „Finale“ ist eine Collage der besten Albumstellen (per Tonbandschnitt). Der Schluss wiederholt den Schluss von „Fantasia“ – nun mit zusätzlichem Synthesizer-Part.
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