AVS 2026
Wenn wir die Audio Video Show als Consumermesse bezeichnen, dann meinen wir das so: Männlein, Weiblein, alt, mittel, Kind: die ganze demografische Bandbreite wuselt munter durch die Hotelräume und Stadiongänge – und alle haben genauso viel Spaß.
Wir wussten, wir würden alle Hände voll zu tun haben: Mit mittlerweile 196 Räumen ist die AVS 2026 einmal mehr größer als je zuvor – die von Adam Mokrzycki ursprünglich als Hobbyprojekt zu Studizeiten ins Leben gerufene Messe zählt heute zu den größten Shows ihrer Art weltweit. Wir reisten denn auch zu viert an, um das Spektakel so vollständig wie möglich abzugrasen.
Abzugrasen gab es einiges: Wie gewohnt verteilt sich die Audio Video Show auf zwei Hotels und ein Fußballstadion: Hauptschauplatz ist das Radisson Blu Sobieski in unmittelbarer Nähe des Warschauer Hauptbahnhofs. Wie bei jeder Hotelmesse waren vor allem die Hotelräume eine akustische Herausforderung, die einige Aussteller eher leidlich, viele andere allerdings erfreulich gut im Griff hatten.

Nominell diagonal gegenüber, tatsächlich einen ampelreichen, 15-minütigen Fußmarsch um den Platz Artura Zawiszy herum, bildete das Golden Tulip einen kleinen, feinen Nebenschauplatz mit seinen wenigen, großen Konferenzräumen. Der dritte und wohl spannendste Austragungsort, das Stadion PGE Narodowy, ist über einen halbstündlich fahrenden Shuttlebus erreichbar – oder aber schlicht zu Fuß: Ein Stündchen dauert der Marsch, aber da man einfach stur die Aleje Jerozolimskie entlanglaufen muss, ist das Ziel im Grunde nicht zu verfehlen. Wer zwischendurch eine Wegerast einlegen möchte, dem steht eine Unzahl an Cafés und Restaurants zur Verfügung.

Die Schauplätze waren gewissermaßen thematisch sortiert: Gerade im Radisson waren die meisten Räume nicht mit Industriegrößen, sondern mit mäßig bis gänzlich unbekannten Herstellern belegt. Große Marken wie Audio Note, Esoteric oder Marantz waren sehr wohl vertreten, doch der Löwenanteil entfiel auf Klein- und Kleinsthersteller, unter denen eher in Kennerkreisen bekannte Namen wie Aretai oder Kuzma tendenziell wie HiFi-Mainstream wirkten. Unterfüttert wurde die Auswahl mit einer reichen Anzahl an heimischen Gewächsen: Lampizator etwa stellte in zahlreichen Räumen den Antrieb, aber auch andere, in Polen durchaus bekannte Namen wie Ancient Audio oder Tentogra waren reichlich vertreten.

Insgesamt traf uns der Schock der Andersartigkeit heuer nicht ganz so heftig wie die Jahre zuvor; zum einen wussten wir mittlerweile, was uns erwartet, zum anderen mussten wir zugegebenermaßen doch leicht betrübt feststellen, dass es zwar nach wie vor eine Menge Marken zu entdecken gab, von denen niemand von uns je zuvor etwas gehört hatte, aber die wilde und bisweilen charmant unprofessionelle Experimentierfreude ein Stück weit nachgelassen hat. Immerhin gab es im Raum des DIYaudio.pl wie gewohnt beeindruckendes Entwickler-Know-how zu bestaunen, das ebenso wie gewohnt offen und humorvoll mit dem eigenen Prototypenstatus kokettiert.


Anders als die oberen Stockwerke des Radisson zeigte sich das Erdgeschoss, wo neben den etablierten Lokalmatadoren wie Pylon und Fezz auch High-End-Größen wie die Audio Group Denmark und Raidho mit großen Räumen prominent vertreten waren. Die meisten der richtig großen Namen versammelten sich jedoch fast allesamt im PGE Narodowy, wo die geräumigen Logen den passenden Rahmen für die Boliden von McIntosh, Bowers&Wilkins, JBL und allerlei anderen, teils wenig bekannten, jedoch nicht weniger exklusiven Herstellern boten.
Zu den High-End-Legenden gesellten sich wie selbstverständlich Consumer- und Lifestylemarken wie Denon, Onkyo, Kanto, Sonoro, Sonos, Devialet, Bang&Olufsen und viele andere mehr; ebenso reichlich vertreten waren freilich die großen Namen, die das HiFi-Mittelfeld bedienen – von den Landeseigenen Herstellern wie Taga Harmony oder Unitra über Triangle, DALI oder PMC bis hin zu Innuos war fast alles vertreten, was Rang und Namen hat.

Obwohl man auch im Radisson gelegentlich von Kindern umwuselt wurde und in den Gängen gemischtgeschlechtliche Grüppchen in den 20ern und 30ern passierte, war die bunte Durchmischung des Publikums im Stadion am stärksten spürbar: Familien mit Kind und Kegel, kleine Teenie-Pulke, arrivierte Damen und Herren – alles war mit der größten Selbstverständlichkeit nebeneinander vertreten, und das eben keineswegs nur in der riesigen Kopfhörersektion. Gewaltige High-End-Altäre wurden auch und gerade vom Jungvolk mit regem Interesse bestaunt.

Die neugewonnenen Räume fanden sich allesamt im zweiten Stockwerk des Stadions, das damit zur Ultra-High-End-Zentrale wurde: Hier fanden sich mitunter die mächtigsten Systeme, die je in Polen vorgeführt wurden: Ubiq Audio befeuerte mit seinen Monoblöcken etwa die Wilson Audio Autobiography in einem Setup, das sich auf etwa zehn Millionen Zloty (um 2,5 Millionen Euro) summierte, während eine Acapella-Anlage um die mächtige Sphäron Excalibur in ähnliche preisliche Sphären vordrang.

Solche Extrem-Vorführungen änderten jedoch nichts daran, dass die AVS nach wie vor „Die HiFi-Messe für normale Menschen“ ist, was sich mitunter an der Musikauswahl bemerkbar macht: neben den üblichen abgedroschenen Messe-Gassenhauern, die uns leider nicht einmal hier erspart bleiben, konnten wir in erfreulicher Häufigkeit die Red Hot Chili Peppers und Rammstein, Elvis und französische Chansons und Klassik, die wir noch nicht auf dutzenden Messen zuvor schon gehört haben aus den Räumen hallen hören, dazu eine ganze Menge polnischen Pop und Hip-Hop.
Apropos Hip-Hop: Selbstverständlich durfte auch diesmal der traditionelle DJ im Eingangsbereich im 1. Stock des Stadiums nicht fehlen – tatsächlich haben wir gleich zwei verschiedene gesichtet. Daneben waren freilich Spaß und Spiele wie etwa das alljährliche JBL-Glücksrad vertreten, während sich vor allem die jüngere Fraktion zwischen den Hörsessions and den diversen Spielekonsolen oder Simrigs die Ohren freispielte.



Wer vom Stadiontrubel irgendwann genug hatte, konnte sich für die ein oder andere gediegene Hörsession im Golden Tulip einfinden. Hier ging es generell wesentlich weniger hektisch zu als im Radisson oder dem PGE Narodowy, die vor allem am Freitag und Samstag teils brechend voll waren: Die wenigen, großen Konferenzsäle waren klanglich allesamt hervorragend behandelt, teils spektakuläre Anlagen spielten hier einem meist sehr überschaubaren Publikum zu. Auch wenn es hier mengenmäßig nicht allzu viel zu sehen und hören gab, war doch alles sehr sehens- und hörenswert – und in der ruhigen Atmosphäre der perfekte Absacker zum Messeausklang.

















































































