Burmester 232
Geschichten über Vollverstärker erhöhen selten den Puls. Diese hier ist anders. Der Burmester 232 ist anders.
Was ist ein Vollverstärker? Vor- und Endstufe in einem Gerät. Was ist ein Burmester-Vollverstärker? Die Antwort wird dann doch wesentlich ausführlicher. Die Berliner Manufaktur ist eben einer der komplettesten und kompetentesten Vollsortimenter, nicht nur hierzulande, sondern weltweit. Und wer hat, der kann. Im Burmester-Katalog findet sich keine Leerstelle. Alle Gattungen von verstärkenden und signalliefernden Komponenten sind vorhanden, alle Ansprüche werden bedient. Wenn das Projekt eines zeitgemäßen Integrierten aufs Gleis gesetzt wird, ist im Katalog später zu lesen: „Der neue Burmester 232 erfüllt sämtliche Anforderungen an moderne Verstärkerprodukte.“ Übersetzten lässt sich das ganz einfach mit: Aus dem Vollen schöpfen!
Auf den ersten Blick wirkt der 232 seinen Geschwistern 032 und 082 wie aus dem Gesicht geschnitten. Dabei ist er durch und durch neu gedacht. Das neue Flaggschiff ist modular aufgebaut. Als Grundgerät ist er ein analoger Hochpegel-Vollverstärker, angereichert durch ein App-basiertes Kontroll-Interface. Eine optionale Phonoplatine erweitert, manche mögen auch sagen: vervollständigt das Gerät zum analogen Vollintegrierten, der im Grunde keine Wünsche mehr offen lässt. Da fallen 032 und 082 aus der Vergleichsmatrix: Sie bieten keine Erweiterungsmöglichkeit und kein Phono. Der 232 hat dagegen sogar noch eine zweite Option in petto: ein Digitalmodul mit D/A-Wandler und Streamer, mit allen kabellosen und kabelgebundenen Schnittstellen, die Stand der Dinge sind, kompatibel mit Roon und allen mir bekannten Connect-Standards der üblichen Anbieter. Eine Rundum-sorglos-Lösung, verwaltet von der schon genannten App. So wird der 232 endgültig zu einem echten All-in-one-Powerhouse.

Der Verstärkerpart des 232 wurde ganz im Sinne klassischer burmester’scher Tugenden entwickelt. Selbstverständlich kommt ausschließlich analoge Class-A/B-Schaltungstechnik mit gewichtigem Linearnetzteil zum Einsatz. Gegenkopplung ist das Mittel der Wahl bei der Verzerrungsminimierung. Die erzielte Signalreinheit soll rekordverdächtig sein. Mit etwas Nachbohren ist noch zu erfahren, dass bei Burmester kein Bauteil auf die Platine kommt, das nicht in Hörtests als geeignet ermittelt wurde. Tiefere Einblicke? Eisernes Schweigen. Tatsächlich gilt bei den Berlinern die Devise: Vertraut uns, denn wir haben alles probiert, alles gemessen und alles gehört. DAC-Chips, RIAA-Entzerrungstopologien, Endstufenschaltungen? Nebensächlich, denn allein das Ergebnis zählt. Okay, ich mag klare Standpunkte. Und ehrlich gesagt: Sie haben ja recht …

Verpackt ist das Technikfeuerwerk in ein Gehäuse, das zu 100 Prozent Burmester ist – „But with a twist“, wie der Engländer sagt. Was nach Druckknöpfen aussieht, sind berührungsempfindliche Taster. Was wie ein klassischer Drehknopf aussieht, ist „HaptiControl“, ein mit elektromechanischem, also programmier- und steuerbarem Haptik-Feedback versehener Dreh- und Drückgeber. Was wie das ikonische Burmester-Kühlkörperdesign aussieht, ist dessen sehr clever modernisierte Neuinterpretation, bei der die einzelnen Rippen filigran ausgeführt sind und sich mit variierenden Anstellwinkeln über die Geräteflanken ziehen, was eine schöne visuelle Lebendigkeit bewirkt. Die Bedienung kann sehr gut direkt am Gerät über den Drehgeber und das große, klar verständliche Display erfolgen. Oder über die mitgelieferte IR-Fernbedienung. Oder über die App mit dem schönen Namen „Burmester Conduct“.
Während des Testzeitraums ergab sich ein Vor-Ort-Termin bei Burmester am äußersten östlichen Rand von Schöneberg, fast schon Kreuzberg. Die frisch umgebauten Büros, Entwicklungs- und Produktionsräume strahlen eine Organisiertheit und Sicherheit aus, als stünde jeden Moment der Drehbeginn eines Lehrvideos der zuständigen Berufsgenossenschaft an. Ich konnte penibel aufgereihte Platinen des 232 am Messplatz sehen, direkt neben den Regalen, in denen jedes einzelne fertig aufgebaute Gerät eine ausgiebige Einspiel- und Testprozedur durchläuft, ehe es verpackt und mit vermutlich mikroskopischer Wahrscheinlichkeit eines herstellerseitigen Defekts in die Welt versandt wird, um jemanden sehr glücklich zu machen.

Der Burmester 232 ist ein Phänomen. Er ist kein neutraler Musik-Durchreicher. Dafür offenbart er zu eindeutig seine unbändige Lust, den Hörer hautnah ins Geschehen zu versetzen und ihm, wenn’s nötig ist, unverblümt und kristallklar die Transienten um die Ohren und die Kickbässe in die Magengrube zu hauen. Gleichzeitig hatte ich nicht selten den Eindruck, von diesem Super-Integrierten in einer veritablen Abhörsituation platziert worden zu sein. Die Präzision, mit der er fast wie auf akustischem Millimeterpapier Räume dreidimensional definiert, gepaart mit höchster Souveränität beim Formen feinster akustischer Details – da demonstriert der Berliner echte High-End-Kunst. Ich musste dabei immer wieder an den Besten aller Integrierten denken, den ich im vorvergangenen Jahr ausgiebig genießen durfte: den Gryphon Diablo 333. Nicht dass der Burmester das fast magische, schwerelose Musizieren des gewaltigen Dänen replizieren könnte. Aber er beherrscht eine sehr ähnliche Offenheit und löst den Klang fast genauso hervorragend von den Lautsprechern.
Trotz seines unverhohlen zupackend-lustvollen Charakters ist der 232 ein hochsensibler Durchreicher und damit ein gnadenloser Aufdecker aller Eigenheiten der Signalquellen. Geleitet vom vorzüglichen Bedienkonzept der Burmester-App, nutzte ich die Gelegenheit und verglich drei Streamingmethoden: Qobuz Connect, Roon-gesteuertes Qobuz-Streaming und schließlich die Einbeziehung meines Innuos-Servers im Roon-Modus. Die Steuerung per App gab sich in keinem Augenblick und bei keinem Umschaltvorgang eine Blöße. Qobuz Connect zeigte sich im Klang als offener und direkter, man kann fast sagen: burmesterlicher als die einen Tick samtiger und wärmer tönenden Roon-Versionen.

Ich hege und pflege und tweake den Streamingzweig meiner Kette seit Jahren hingebungsvoll – meinen CD-Player, ein gut gereiftes norwegisches Monument namens Electrocompaniet EMC 1 UP, beeindruckt das nicht. Symmetrisch an einen der beiden Line-Eingänge des Burmester 232 angeschlossen, stellt er das pure analoge Herz des Berliners auf die Probe. Der entfaltet die maximal 150 Watt der ihm an 4 Ohm zur Verfügung stehenden Leistung blitzschnell und ohne Anzeichen von Stress. Ich höre mich durch viele Silberscheiben und genieße immer wieder das schöne Gefühl, Titel neu zu entdecken. Ich höre gerne laut, und mit dem Burmester geht das hervorragend. Sich lang aufbauende Spannungsbögen kippen nie in Stress, auch wenn ich anfangs die Lautstärke versehentlich etwas zu hoch eingestellt habe.
Zwischendurch tausche ich die Lautsprecher. Meine zuverlässigen Ayons zeigen am Burmester stärker ihren Charakter als an meiner Silvercore/Rowland-Kombi. Am 232 spielen sie betont offen und klar, im Tiefton leichtgewichtig-durchsichtig und im Diskant einen Tick direkter, als ich es gewohnt bin. Ich empfinde das Resultat als neutral und genieße die fantastische Auflösung und Geschwindigkeit der Kette. Dann grabe ich ein Vintage-Juwel mit gewaltigem Potenzial aus: meine ersten „richtigen“ Lautsprecher, die seinerzeit besten Kompaktboxen, die Dynaudio im Programm hatte, die Urversion der heute noch fortgeführten Reihe Special One. Es zeigt sich: Burmester und Dynaudio sind ein Traumpaar. Die Special One schütteln sich kurz und sind wieder ganz die Alten: bruchlos homogen, mit tollem Körper, frei und natürlich mit den schönsten Klangfarben, die sich ein Liebhaber von klassischer Musik und akustischem Jazz wünschen kann.
Ich könnte gerade alles verkaufen und mit genau dieser Kombi glücklich alt werden.
Bliebe noch der Phonozweig. Ausschließlich MC-Systeme haben hier Zugang. Per App wähle ich die zu meinem Lyra Kleos passende Impedanz. Dann lässt mich die direkt von den hauseigenen Referenz-Entzerrern abstammende Phonoplatine unmissverständlich wissen, dass sie keine Mühe hat, auf Augenhöhe mit meinem exotischen Setup, bestehend aus einem Silberübertrager von Consolidated Audio und einem mit selektierten NOS-Röhren bestückten Hagerman-MM-Entzerrer, mitzuhalten. Das ist störgeräuschfrei, ansatzlos dynamisch, räumlich großformatig in alle Dimensionen abbildend und voll innerer Spannung. Ich lege für meine Frau die jüngste Platte des Duos Rachael & Vilray auf, West Of Broadway. Sie hört gebannt die ganze Seite durch und genießt die stilsicher US-amerikanischem Swing der 1920er Jahre nachempfundenen Eigenkompositionen der beiden Ausnahmekünstler. Wir sind uns einig: Das war gerade sehr, sehr gut.
Info
Vollverstärker Burmester 232
Konzept: modularer Streaming-Vollverstärker mit App-Steuerung für analoges und digitales Zuspiel aller Formate
Eingänge analog: 2 x symmetrisch (XLR), optional 1 x Phono MC symmetrisch (XLR)
Eingänge digital: 2 x USB A, 1 x USB C, 1 x microSD, 1 x HDMI ARC, 1 x RCA, 1 x Toslink, 1 x XLR (AES EBU)
Ausgänge analog: 2 x XLR Pre-Out (fixed/variable), 1 x Sub-Out (mono), 1 x Klinke 6,3 mm (Kopfhörer), 2 x Lautsprecher
Ausgänge digital: 1 x RCA, 1 x Toslink
Weitere Schnittstellen: WiFi 6E, Bluetooth, RJ45, Remote In/Out, BurLink (RS232)
Streaming: AirPlay, Spotify Connect, Tidal Connect, Qobuz Connect, UPnP, Roon Ready, Internetradio
Ausgangsleistung (4 Ω): 150 W
Besonderheiten: IR-Fernbedienung; Bedienung per App; HaptiControl
Besonderheiten Phonomodul: MC-Impedanz variabel (33, 47, 91, 120, 390 Ω, 47 kΩ), variable Eingangsverstärkung, Subsonic schaltbar
Ausführung: Silber/Chrom oder Schwarz
Maße (B/H/T): 45/18/48 cm
Gewicht: 29 kg
Garantiezeit: 2 Jahre, 3 Jahre mit Registrierung
Preis: ab 17 900 €, Option Phono um 3000 €, Option DAC/Streaming um 5900 €
Kontakt
Burmester Audiosysteme
Wilhelm-Kabus-Straße 47
10829 Berlin
Telefon +49 30 7879680

















