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Longtrack: Rush - Xanadu

Rush – Xanadu

Longtrack, 1977

Rush – Xanadu

Zum Progrock gehören Tempowechsel, Klassik- und Jazzanklänge, umfangreiche Instrumentalteile und überraschende Instrumente. Weil das alles zusammen kaum in einen Drei-Minuten-Song passt, gibt es den Longtrack.

Das Stück lässt sich Zeit. Fast zwei Minuten lang dauert die einleitende Klangcollage – mit Synthesizer, Vogelgezwitscher, Percussionsounds von Holzblöcken, Chimes, Orchesterglocke – und mit einer scheinbar ziellos wandernden Effektgitarre. In dieser Einleitung wird Atmosphäre beschworen. Kein Wunder, geht es im Song doch um Xanadu, den geheimnisvollen, zauberhaften Ort irgendwo in der Mongolei, ein Symbol der sich erfüllenden Träume. Das Zauberschloss Xanadu war einst ein beliebtes Sujet in der Popmusik. Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich hatten mit „The Legend Of Xanadu“ 1968 einen Top-1-Hit, ebenso Olivia Newton-John 1980 mit ihrem Disco-Song „Xanadu“. In beiden Liedern geht es natürlich um die Liebe. Nicht so bei Rush: Ihr „Xanadu“ ist eine philosophisch-mythische Fantasie.

Longtrack: Rush - Xanadu

Neil Peart, der Drummer und Texter der Band, ließ sich dabei von einem Gedicht von Coleridge inspirieren. Die meisten Wörter des Songtexts waren bei Coleridge schon vorgegeben: „the sacred river Alph“, „the caves of ice“, „the milk of Paradise“.

Fantasy- und Science-Fiction-Texte gehörten bei Rush einfach dazu. Die drei Musiker fanden, solche Texte seien ein wichtiger Teil der progressiven Rockmusik. Schon lustig: Das kanadische Trio beschloss, eine Progrock-Band zu sein, als der Progrock in England bereits im Sterben lag. Sie erweiterten ihre Musik um neue Instrumente, um Glockenspiel und Minimoog, Doppelhalsgitarren und Synthesizerpedale. Sie erklärten Yes und King Crimson zu ihren großen Vorbildern, reisten sogar nach Großbritannien, um dort ihr Album A Farewell To Kings aufzunehmen. Gemischt wurde in einem Londoner Studio, wo auch Yes und ELP schon gemischt hatten.

Große Melodien waren nie die Sache von Rush. Ihre Stärke hatten sie bei den kompakten Riffs, von denen sie eine ganze Reihe übergangslos aneinanderhängen konnten – gerne verquer, verzinkt, im Siebenvierteltakt. Daher dauert es dann auch volle fünf Minuten, ehe Geddy Lee zu singen beginnt: „To seek the sacred river Alph…“. Seine hohe Stimme (höher als Jon Anderson) kann man mögen oder auch nicht – auf jeden Fall kommt er bei dieser Tonlage nie den Instrumenten in die Quere. Schon nach wenigen Takten folgt der nächste Tempowechsel, der nächste Stilwechsel. Das Drei-Ton-Motiv „Xa-na-du“ beendet die erste Strophe (5:50). Synthesizer, Orchesterglocke, Glockenspiel leiten dann über zum ersten vollen Refrain (ab 6:15). Und vor der zweiten Strophe gibt es noch einen Instrumentaleinschub mit neuem Tempo und neuem Motiv (7:00–7:40). Wie gesagt: Um Riffs und Rhythmen war diese Band nie verlegen. Nach dem erneuten Refrain wechselt noch einmal die Harmonie (9:12), und Alex Lifeson spielt ein schönes, entspanntes Gitarrensolo. Ein letzter Tempowechsel (10:15), dann ein kleines Schlussmotiv mit Gitarre und Glockenspiel.

„Xanadu“ war „das komplexeste und vielschichtigste Stück“, das Rush bis dahin aufgenommen hatten (so Neil Peart). Nachdem die Band es nur ein einziges Mal im Studio angespielt hatte, um die Mikrofone und Regler zu justieren, gelang die Aufnahme der Elf-Minuten-Nummer gleich im ersten Versuch, ganz ohne Bandschnitt. Der Song war viele Jahre lang im Liveprogramm und wurde ein Lieblingsstück der Rush-Fans. Der Rolling Stone sieht es auf Platz sechs der besten Songs der Band. Mit „Xanadu“ eröffneten Rush auch am 7. Juni 2026 in Los Angeles ihre Comeback-Tournee.

www.rush.com

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