Willy Vlautin im FIDELITY Interview
Willy Vlautin ist Musiker und Schriftsteller. Seine Songs und Romane handeln von einsamen Existenzen, von gescheiterten Träumen, vom Leben ohne Happy End. Jetzt hat Vlautin mit seiner Band The Delines gleich zwei Alben innerhalb eines Jahres herausgebracht. Das eher romantische Mr. Luck & Ms. Doom und zuletzt den „schwermütigen Zwilling“ dazu, The Set Up. Im Interview mit FIDELITY erklärt der vom Feuilleton und von Hollywood gefeierte Künstler – Bücher wie The Motel Life oder The Night Always Comes wurden verfilmt – die Bedeutung eines eigenen Sounds: für den Musiker wie für den Romanautor.

FIDELITY: Willy, Sie sind Musiker und Autor von mittlerweile sieben Romanen. Schlüpfen Sie vor einem Interview in die jeweilige Rolle? Heute geht es um Musik, also darf sich der Schriftsteller zurücklehnen?
Willy Vlautin: Die beiden sind nicht zu trennen. Ich habe immer Songs geschrieben. Seit ich zehn oder elf war. Mit 17 oder 18 habe ich angefangen, Romane zu schreiben. Bis Mitte 30 waren das sicher ein Dutzend Bücher. Nur für mich – und für den Mülleimer. Schreiben bringt mich durch den Tag. Songs, Geschichten. Manchmal wird aus einem Song ein Roman. Manchmal aus einer Romanidee ein Song.
Ihr Werdegang ist ungewöhnlich. Der Autor Willy Vlautin wird als neuer John Steinbeck gefeiert, das Feuilleton überschlägt sich bei jedem Album Ihrer Band The Delines. Früher aber waren Sie Lkw-Fahrer, in Ihrer Heimat Reno in Nevada. In Ihrer Wahlheimat Oregon dann haben Sie auf dem Bau gearbeitet.

Viele Jahre, Mann, viele lange Jahre. Ich war ein „demolition man“. Mein Job war es, den Hammer zu schwingen und Häuser zu entkernen. Das mit John Steinbeck … Ich weiß nicht. Ich bin ein relativ einfacher Typ. Ich mach’, was ich machen muss.
Mein erster Kontakt zu Ihrer Musik war ein Album Ihrer früheren Band Richmond Fontaine mit dem Titel We Used To Think The Freeway Sounded Like A River …
Oha, das ist lange her. Ich mag das Album auch. Wir wohnten damals in einer klammen Bude direkt neben einem Freeway in Portland. Beton, wohin man schaute. Es war die Zeit, da ich auf dem Bau arbeitete. Wenn wir auf dem Sofa saßen, dann klang der Verkehr auf dem Freeway tatsächlich wie ein sanftes Rauschen von Wasser.
Sie haben ein neues Album veröffentlicht, mit den Delines. The Set Up kam nur ein Jahr nach Mr. Luck & Ms. Doom heraus. Es ist ein recht düsteres Album. Die Songs erzählen von besonders dramatisch gebrochenen Menschen.
Das stimmt. The Set Up ist der schwermütige, pessimistische Zwilling von Mr. Luck & Ms. Doom. Das war doch eher ein romantisches Album.

Romantisch? Im Song „Sitting On The Curb“ auf Mr. Luck & Ms. Doom sitzt eine Frau auf dem Bordstein und schaut zu, wie ihr Haus abbrennt. Nachdem sie es angezündet hatte.
Aus Liebe! Und aus Enttäuschung. „Sitting On The Curb“ ist ein Liebessong, nur nicht mit Happy End. Verzweiflung gehört zur Liebe. Es geht auf Mr. Luck & Ms. Doom um romantische Paare, die entweder wahnsinnig verliebt sind oder sich gegenseitig zerstören. Gegen Ende der Aufnahmen kam ich aber mit Songs ins Studio, die zu desillusioniert waren. Über wirklich fertige Typen. So entstand dann mit Ende des einen Albums bereits das neue, The Set Up.
„Walking With His Sleeves Down“ ist ein gutes Beispiel für den düsteren Touch. Er klingt musikalisch zwar recht sanft, der Text aber hat es in sich.
Das war tatsächlich der erste Song für das neue Album. Es geht um einen armen Tropf, der selbst im Sommer seine Ärmel nicht hochkrempelt, weil seine Arme voller Löcher sind. Er spritzt Heroin. Ich schreibe über das, was mich umgibt. Die Opioid-Epidemie, die von den Pharmaunternehmen verursacht wurde, schuf eine riesige Gruppe von drogenabhängigen Menschen. Plötzlich gibt es in einer großartigen Stadt wie Portland Menschen, die in Zelten leben. Die in alten Autos leben. Es gibt Menschen, die leben, wo man sich nicht vorstellen kann, dass ein Mensch dort leben könnte.
„The Meter Keeps Ticking“ ist auch so ein Song. Eine Frau sitzt im Taxi vor einer psychiatrischen Klinik.
Sie will ihren Mann, der sie betrogen hat, in einer psychiatrischen Klinik besuchen. Er hat sie aber gar nicht betrogen. Er hat seinen Verstand verloren. Und sie sitzt im Taxi, während das Taxameter läuft. Sie will nicht aussteigen, weil er nicht mehr derselbe Mann ist, der er einmal war. Es sind übrigens die beiden Charaktere aus dem Song „JP and Me“ auf Mr. Luck & Ms. Doom.
Tatsächlich?
Ja. Ich musste ihre Geschichte weitererzählen. Die dunkle Seite davon.
Die Geschichten sind düster, aber der Sound des Albums ist sehr weich und zugänglich, finde ich. Als wollten Sie Ihren gebeutelten Protagonisten ein wenig Wärme spenden.
Das berührt mich, Philip. Ja, das stimmt. Die Menschen in den Songs haben es verdient, auch wenn das Schicksal es nicht gut mit ihnen meint. Die Platte soll sich ein wenig so anfühlen, als sei sie in den Siebzigerjahren aufgenommen worden. Mit einem warmen Sound. Weich, wie Sie es sagen. Das ist auch ein Verdienst von Cory, unserem Pianisten. Ich bat ihn, den dreiteiligen Titelsong zu schreiben.
Ein Instrumental. Mit einem besonders traurigen Piano.
Ja. Ich wollte, dass das Album einen cineastischen Charakter bekommt. Dass es Raum hat und Fülle.
Das kommt Amy Boone zupass, Ihrer Sängerin. Sie kann einen Raum mit einem Ton erfüllen.
Oh, ja. Es ist für mich ein großes Glück, Songs für Amy Boone schreiben zu dürfen. Sie ist der Grund, warum ich diese Band gegründet habe. Die Stimme von Amy hat mich vom ersten Ton an, den ich je von ihr gehört habe, getroffen.
Sie selbst singen bei The Delines kaum mehr. Sie spielen Gitarre. Bei Richmond Fontaine waren Sie noch Bandleader.
Ich bin sehr froh, nicht mehr ganz vorne zu stehen. Ich bin gerne Teil eines Teams. Ich muss nicht der Anführer sein. Unser Schlagzeuger leitet die Band, er ist der Bandleader. Ich schreibe einfach Songs. Das ist es, was ich mag.
Wir beide sprechen uns heute nicht zum ersten Mal. Ich glaube, ich habe noch nie einen so bescheidenen Musiker getroffen wie Sie. Es scheint Ihnen fast unangenehm zu sein, über Ihren Erfolg zu reden.
Bescheiden … Ja, das mag sein. Ich weiß, wie viel Glück ich habe. Ich weiß auch, dass ich kein großartiger Musiker bin, von der Fingerfertigkeit her. Seit meinem 14. Lebensjahr bin ich in Bands gewesen, die sich schwertun. Ich hatte mit Songwritern zu tun, die dachten, sie seien Gott, und dann packten sie zwei Jahre später immer noch die Tüten im Supermarkt. Ich kenne die Höhen und Tiefen. Ich werde nicht übermütig. Ich habe noch mit 35 Jahren in schlechten Bars gespielt, als alle anderen um mich herum anfingen, ein normales Leben zu führen. Ich aber habe weitergemacht. Mein Job ist es, die Band zusammenzuhalten, sodass wir alle über die Runden kommen. Es ist hart, so seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
Sie haben Ihren ganz eigenen Sound entwickelt. Man hört ihn zwischen den Seiten Ihrer Bücher, man hört ihn auf Ihren Platten. Als ich The Horse las, Ihr aktuelles Buch, da klang etwas nach in mir. Wie nach einem schönen Song.
Jeder Schriftsteller, der es ernst meint, hat seinen Sound. Einen eigenen Rhythmus. Meine Sätze haben einen bestimmten Rhythmus, darauf achte ich sehr. Ich bin ein sehr nüchterner, einfacher Schriftsteller. Ich möchte Dinge in wenigen Worten ausdrücken. Vielleicht fühlen sich meine Romane deswegen wie ein Lied an. The Horse ist für mich eine Ballade. Eine traurige, herzzerreißende Ballade.
Sie haben schon Soundtracks zu Ihren eigenen Büchern eingespielt. Etwa für Ihren Roman Don’t Skip Out On Me, der zu Deutsch Ein Feiner Typ heißt, die Geschichte eines jungen, indigenen Ranch-Arbeiters, der in Las Vegas Boxer werden will. Zu jedem Kapitel gibt es jetzt ein Stück Musik.
Das Schreiben eines Romans ist Arbeit. Harte Arbeit. Es ist, als würde man den ganzen Tag einen Graben ausheben. Ich mag das. Ich sage nicht, dass ich das gut kann, aber ich kann es. Während dieser Zeit entstehen viele Songs. Ich sitze, ich schreibe, es entstehen Worte, eine Melodie, ein Song. Diese Songs gehören zur Welt des Romans.
Sie hören einen Soundtrack im Kopf, während Sie schreiben?
So in etwa. Der Soundtrack Don’t Skip Out On Me ist wahrscheinlich die Platte, die ich am liebsten mag von allen Sachen, die ich je aufgenommen habe. Mir ist die Geschichte des Romans sehr ans Herz gewachsen. Die Hauptfigur darin, Horace Hopper … dieser Junge … (Vlautins Stimme bricht)
Sie sind von Ihrem eigenen Roman noch immer so berührt?
Dieser Roman hat mich gebrochen.
Inwiefern?
Er hat mich wirklich gebrochen. Ich kann’s nicht richtig erklären. Das Ende der Geschichte … Viele Menschen sind damit nicht klargekommen. Ich selbst auch nicht. Aber es musste sein.
Ich habe geweint.
Während ich den Roman seinerzeit überarbeitete, schrieb ich parallel dazu sehr viele Songs. Instrumentale Musik. Zur gleichen Zeit ging Richmond Fontaine in den Ruhestand, meine damalige Band, nach 20 Jahren. Ich rief dann noch einmal alle zusammen und bat: Können wir noch ein Instrumentalalbum machen, ein letztes Album, mit ganz viel Pedal-Steelguitar? Ein Überlebenstrick. Für mich, um die Geschichte zu verarbeiten. Vor allem aber für Horace, für den Jungen.
Wie meinen Sie das?
Die meisten Menschen lesen ein Buch kein zweites Mal. Musik aber hört man immer wieder. Vielleicht bleibt Horace Hopper dadurch länger am Leben, durch die Musik. Hoffentlich. Hoffentlich bleibt er dadurch länger in der Welt.
Willy Vlautin, 59, ist Gründer, Gitarrist und Songschreiber der US-amerikanischen Band The Delines. Gerade wurde ihr siebtes Album veröffentlicht: The Set Up. Zuvor hatte Vlautin bereits in 20 Jahren Bandgeschichte mit Richmond Fontaine ein gutes Dutzend gefühlvoller Americana-Alben eingespielt. Daneben ist Willy Vlautin ein gefeierter Schriftsteller, dessen mittlerweile sieben Romane mit John Steinbeck verglichen werden. Fast alle wurden in Hollywood verfilmt. Sein Romandebüt The Motel Life etwa mit Emile Hirsch und Dakota Fanning in den Hauptrollen, vergangenes Jahr Night Always Comes mit Vanessa Kirby und Jennifer Jason Leigh. Vlautin, in Reno, Nevada, geboren, hat viele Jahre als Truckfahrer und auf dem Bau gearbeitet, bevor sich erste Erfolge einstellten.






