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Archivperlen aus der Decca Pure Analog Series und DG

Emil Berliner die Zweite

Archivperlen von Decca und der Deutsche Grammophon

Archivperlen von Decca und der Deutsche Grammophon

Mit der Reihe „Decca Pure“ erweitert Universal Music die Zusammenarbeit mit den Emil Berliner Studios um klangliche Perlen aus dem analogen Back-Katalog.

Wer sich in den vergangenen Jahren mit hochwertigen Klassik-Reissues auf Vinyl beschäftigt hat, wird unweigerlich bei der Deutsche-Grammophon-Serie „The Original Source“ gelandet sein. Nun aber öffnet Universal Music sein gesamtes Archiv und sucht auch bei Decca und Philips nach aufnahmetechnischen Besonderheiten wie Quadro-Aufnahmen oder anderen aufnahmetechnischen Schmankerln. Dabei ergänzen sich die beiden Serien eher, als dass sie konkurrieren. Bei der DG greift man ausschließlich auf die seltenen Quadro-Bänder zurück, während die Decca Pure den gesamten Universal-Katalog „abgrast“ und nach klanglichen Perlen Ausschau hält. Gemein ist beiden Serien aber, dass man in den Emil Berliner Studios vor allem um das Freimachen von Dynamikreserven bemüht ist. Und bei den aktuellen Neuerscheinungen greift man dabei auch in die Trickkiste der Seitenlänge und Umdrehungszahl. Statt das komplette Werk auf zwei LP-Seiten zu pressen, wird Platz auf drei Seiten geschaffen, auch wenn die vierte Seite dann als Leerseite erscheint. Dies geschieht natürlich, um Verzerrungen zu reduzieren, Pegel entspannter zu fahren und komplexe Passagen atmen zu lassen. Das Resultat ist kein „neuer“ Klang, sondern mehr von dem, was ohnehin im Band steckt.

Werfen wir doch zunächst ein Ohr in die ersten Veröffentlichungen der neuen Serie Decca Pure: Das Neujahrskonzert 1979 der Wiener Philharmoniker steht – was nur wenigen High-End-Insidern bekannt ist – an einer historischen Wegmarke. Es ist einerseits der Abschied von Willi Boskovsky, dessen Stil diese Konzerte über Jahrzehnte geprägt hat, und zugleich ein technischer Sonderfall.

Archivperlen aus der Decca Pure Analog Series und DG

Lange Zeit als frühe Digitalaufnahme von Decca gehandelt, entpuppte sich das Material dank wiederentdeckter analoger Sicherheitsbänder als ein seltener Fall von digitaler und analoger Aufzeichnung. Die Interpretation klingt gelassen, elegant, nie angestrengt und gar nicht hausbacken, ein Vorwurf, der Boskovsky gegenüber immer gern mal erhoben wurde. Das vorliegende Reissue unterstreicht genau diese Qualitäten und lässt nun in der analogen Variante sogar einen gewissen Wiener Schmäh erahnen. Und wenn in den Schlagzeugpassagen der diversen Polkas voller Lust auf Pauke und große Trommel gehauen wird, dann muss der Tieftöner schon mal zeigen, was er so draufhat. Selten hat man eine wirklich highendig produzierte Aufnahme auf dem Plattenteller gehabt, die dermaßen viel Spaß und gute Laune verbreitet.

Ganz anders, aber nach demselben Prinzip funktioniert Strawinskys Le Sacre du printemps unter Sir Georg Solti. Hier geht es nicht um Lässigkeit und Schmäh, sondern um Kontrolle von Energie.

Archivperlen aus der Decca Pure Analog Series und DG

Der 45-rpm-Schnitt hilft, die enorme dynamische Spannweite dieser Aufnahme besser zu verteilen. Rhythmische Schärfe und orchestrale Wucht wirken weniger komprimiert, die Musik bleibt unmittelbar und extrem klar strukturiert. Man mache sich mal den Spaß, die Aufnahme auf 33 rpm laufen zu lassen, um den verschachtelten Holzbläserpassagen des Beginns quasi in Zeitlupe nachzulauschen – und ist sofort fasziniert. Näher ist man Strawinsky selten gekommen

Ähnlich verhält es sich bei Sibelius unter Sir Colin Davis mit dem Boston Symphony Orchestra. Die Entscheidung, die Fünfte und Siebte Sinfonie zusammen mit Tapiola auf eine Doppel-LP zu verteilen, ist eine eindeutige funktionale Verbesserung.

Archivperlen aus der Decca Pure Analog Series und DG

Lange Spannungsbögen gewinnen an Stabilität, Übergänge wirken organischer, gerade in den leisen Passagen dieser Musik. Aber auch die grandiosen dynamischen Blocksteigerungen in der Fünften Sinfonie gewinnen an Dynamik und Kontur. Dass Davis’ Sibelius-Interpretationen bis heute vielfach den Maßstab darstellen, muss man bei Sibelius-Freunden nicht erwähnen.

Werfen wir aber auch schnell einen Blick auf ein paar Neuerscheinungen aus der DG-Reihe The Original Source: Petruschka ist eines der drei großen Ballette aus Strawinskys sogenannter russischer Phase und zeigt seine ausgeprägt neo-folkloristische Seite: Jahrmarktszenen, Gaukler, Puppen und eine grelle, bewusst urbane Klangwelt, die schon früh demonstrierte, dass populäre Motive und avancierte Orchestersprache sich nicht ausschließen. Mit Claudio Abbado am Pult des London Symphony Orchestra gehört diese Aufnahme zu den klanglich und interpretatorisch interessantesten Titeln der Serie. Besonders reizvoll ist hier der technische Hintergrund. Die Aufnahme entstand parallel digital in Zweispurtechnik und analog auf acht Spuren. Für diese Ausgabe wurde erstmals das analoge Achtspur-Master verwendet, wodurch Petruschka nun tatsächlich rein analog vorliegt. Der 45-rpm-Schnitt zahlt sich hörbar aus: Farben, rhythmische Schärfe und Transparenz profitieren deutlich, ohne dass der Charakter der Aufnahme geglättet würde.

Beethovens „Eroica“ mit Carlo Maria Giulini und dem Los Angeles Philharmonic Orchestra zeigt, wie sehr auch monumentale Interpretationen von zusätzlichem Raum profitieren. Die Aufteilung auf drei LP-Seiten nimmt dem Klang nichts von seiner Schwere, im Gegenteil: Das Fundament wirkt stabiler, dynamische Steigerungen bauen sich natürlicher auf, ohne an Wucht einzubüßen. Zweifellos ist dies eine sehr eigene, extrem schwere und langsame Interpretation Giulinis, deren spezifische Qualität man eigentlich erst in dieser Aufnahme erfährt.

Archivperlen aus der Decca Pure Analog Series und DG

In der Zusammenschau wird klar, dass Decca Pure Analogue und The Original Source weniger unterschiedliche Lager bedienen als vielmehr zwei Perspektiven auf dasselbe Ziel eröffnen. Beide Reihen zeigen, wie viel klangliches Potenzial in bekannten Aufnahmen steckt, wenn man ihnen auf Vinyl mehr Platz, mehr Ruhe und mehr dynamische Reserve zugesteht, als es die Originalausgaben womöglich erlauben.

Igor Strawinsky – Le sacre du printemps

Chicago Symphony Orchestra, Sir George Solti

Label: Decca Pure Analogue
Format: LP (45 rpm)

Jean Sibelius – Sinfonien Nr. 5 & 7, Tapiola

Boston Symphony Orchestra, Sir Colin Davis

Label: Decca Pure Analogue
Format: Doppel-LP

Strauß, von Suppé u. a. – Neujahrskonzert in Wien 1979

Wiener Philharmoniker, Willi Boskovsky

Label: Decca Pure Analogue
Format: Doppel-LP

Igor Strawinsky – Petruschka

London Symphony Orchestra, Claudio Abbado

Label: DG The Original Source
Format: LP (45 rpm)

Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr. 3 „Eroica“

Los Angeles Philharmonic Orchestra, Carlo Maria Giulini

Label: DG The Original Source
Format: Doppel-LP (drei Seiten bespielt)

Hier geht’s zur The Original Source Collection der Deutsche Grammophon

und hier zu den Decca Pure Analogue-Aufnahmen.

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.