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Diskografischer Nachruf auf Michel Portal

Michel Portal

Repose en paix, Monsieur Portal

Michel Portal

Ein discografischer Nachruf auf den großen französischen Universalisten.

Diskografischer Nachruf auf Michel Portal

Als Mitte Februar 2026 der Tod Michel Portals in der Musikszene bekannt wurde, starrten nicht wenige ungläubig auf das Alter des französischen Multiinstrumentalisten: 90 Jahre! Man hatte sich daran gewöhnt, dass Portal ein beständiger Begleiter der letzten Jahrzehnte war, ein sprudelnder Jungbrunnen, der bis zuletzt noch regelmäßig Alben veröffentlich hatte. So das treibende MP85, ein selbstgemachtes Geschenk zum 85. Geburtstag 2021 oder kurze Zeit später ein wunderbar geschmeidiges Klassikalbum mit Preziosen aus Romantik und früher Moderne. Wehmütig denkt man an einen Musiker zurück, dessen Spielpartner ein musikalisches Who’s who der letzten 55 Jahre sind: Jack DeJohnette, Joachim Kühn, Martial Solal, Miroslav Vituos, Nils Wogram, Gidon Kremer, Mikhail Rudy, Karlheinz Stockhausen oder das Cherubini-Quartett.

Diskografischer Nachruf auf Michel Portal

Wir verneigen uns mit einem discografischen Rückblick vor dem 1935 in Bayonne geborenen Musiker, dessen Leib- und Mageninstrument sicherlich die Bassklarinette gewesen ist, der aber auch gekonnt zur normalen Klarinette und zum Saxofon griff und nicht minder virtuos mit dem Bandoneon überzeugen konnte. Bereits Portals erste Veröffentlichungen 1969 offenbaren die gewagte Bandbreite seines Schaffens. Da ist zum einen die improvisierte Free-Jazz-Orgie Our Meanings And Our Feelings, ein wildes Schlachtfeld mit Einsprengseln nordafrikanischer Folklore und zum anderen eine geradezu introvertierte Interpretation der beiden Brahms’schen Klarinettensonaten.

Diskografischer Nachruf auf Michel Portal

Und Brahms begleitet Portal auch auf seiner letzten discografischen Veröffentlichung 2024. In den 55 Jahren dazwischen dominiert zweifellos der Jazz, aber auch hier in den unterschiedlichsten Spielarten. Überhaupt wäre es zu kurz gefasst, würde man Portal ausschließlich als Wanderer zwischen musikalischen Stilen und Genres bezeichnen. Portal ist Zeit seines Lebens vielmehr ein Suchender zwischen den Kulturen gewesen. Sei es die Beschäftigung mit der französischen Musette- und Chanson-Kultur, die immer wiederkehrenden Verknüpfungen mit der Musik des Maghreb oder das Eintauchen in die frühe Klarinettenwelt des deutschen Spätbarocks und dazu diametral die Avantgarde Stockhausens oder Boulez’, für die sich Portal stets eingesetzt hat.

Bleiben wir deshalb bei unserem Detailblick auch zunächst bei seinen klassischen und avantgardistischen Veröffentlichungen. 1971 wendet sich Portal nach der Aufnahme der Brahmssonaten dem komplexen „Klarinettenkonzert“ Domaines von Pierre Boulez zu und nimmt es in einer bis heute klanglich wie interpretatorisch gültigen Referenz auf (CD, Harmonia Mundi).

Diskografischer Nachruf auf Michel Portal

Bis zu seiner letzten Aufnahme 2021 ist Portal ein konsequenter Vertreter des französischen Klarinettentons geblieben, was besonders bei Schumann und Brahms auffällt, denn Portal verkörpert exemplarisch die klangliche Ästhetik der Böhm-Klarinette: ein flexibler, beweglicher Ton mit feiner Vibratokultur und großer dynamischer Bandbreite. Im Unterschied zur deutschen Bauart, die stärker auf klangliche Verdichtung und tonale Stabilität zielt, erlaubt das französische System eine offenere Obertonstruktur und expressive Formbarkeit. Und so ist die Kooperation mit dem Pianisten Michel Dalberto mit einer wunderbar leichtfüßigen Interpretation deutsch-französischer Kammermusik der beginnenden Moderne von Brahms über Berg bis hin zu Poulenc ein kammermusikalisches Vermächtnis französischer Klarinettenkultur. Wer die Klangästhetik Portals in Summe erfahren will, bekommt hier die musikalische Essenz geliefert. (CD, La Dolce Volta)

Diskografischer Nachruf auf Michel Portal

Our Meanings And Our Feelings (LP, Pathé) steht 1969 im Kontext der europäischen Free-Jazz-Bewegung, die sich damals zunehmend von amerikanischen Modellen löste. Portal arbeitet hier mit erweiterten Spieltechniken, die man auch gern mal als Lärm und Geräusch im positiven Sinne bezeichnen darf. Das Album markiert eine frühe Phase, in der Portal Klarinette und Saxofon als klangliche Materialien begreift, nicht als Träger geschlossener Themen oder gar Melodien.

In den 1980er Jahren, als europäischer Jazz verstärkt globale Einflüsse integrierte, entsteht Turbulence (CD/LP, Harmonia Mundi), ein Album, das sich aufgrund seiner expressiven Dynamik auch unter High-End-Fans großer Beliebtheit erfreut.

Diskografischer Nachruf auf Michel Portal

Portal bindet seine individuelle Klangsprache hier in komplexere Ensemblekontexte ein. Rhythmische Überlagerungen und stilistische Öffnungen prägen das Album, das bisweilen durch das Einbeziehen analoger Synthesizer und E-Gitarren geradezu „krautrockige“ Züge entwickelt.

Blow Up (CD, Dreyfus Jazz) verweist auf eine neue Phase, in der kammermusikalische Formate neue Bedeutung gewinnen. Im Zusammenspiel mit dem Akkordeonisten Richard Galliano entsteht eine dialogische und vor allem zugängliche Klangsprache. Portal passt Ansatz, Artikulation und Vibrato kontinuierlich an die harmonische Struktur des Akkordeons an. Längere gebundene Linien stehen neben kurzen, präzisen Figuren. Mikrotonale Nuancierungen und subtile Dynamikabstufungen dienen der klanglichen Verzahnung beider Instrumente – das ist alles andere als artifiziell, sondern knüpft mühelos an Artikulationstechniken folkloristischer Musikpraktiken an. Es entstehen insgesamt drei Alben mit Galliano, die vielleicht die Alben sind, mit denen Portal quantitativ sein größtes Publikum erreicht hat.

Anfang der 2000er suchte Michel Portal gezielt den Austausch mit Musikern aus dem Umfeld von Prince und arbeitete in Minneapolis unter anderem mit Michael Bland und Sonny Thompson, beide prägende Mitglieder der New Power Generation. Diese Szene war stark von Princes Produktionsästhetik beeinflusst: präzise Grooves, körperliche Rhythmik und eine selbstverständliche Verbindung von Funk, Rap und Improvisation. Die daraus entstandenen Aufnahmen zeigen Portal in enger Verzahnung mit dieser Rhythmuskultur. Seine Klarinette orientiert sich stärker am Beat, die Phrasierung wird direkter, die Klangsprache gewinnt an Erdung. Die Minneapolis-Phase lässt sich als bewusste Annäherung an eine afroamerikanisch geprägte Pop- und Funktradition lesen. Wer den wahren Spirit dieser Aufnahmen erleben möchte, greift zu den Livemitschnitten dieser Ära, zusammengefasst in der Box Dipping In Minneapolis (3 CDs, Universal France).

Diskografischer Nachruf auf Michel Portal

Zeit seines Lebens ist Portal sowohl im Jazz als auch in der Klassik französichen Labels treu geblieben. Und so verwundert es nicht, dass sein Jubiläumsalbum MP85 (CD/LP, Label Bleu) – nach einer Zwischenepisode bei Universal France – wieder bei Label Bleu, dem vermutlich innovativsten europäischen Jazz-Label der letzten 40 Jahre, erschienen ist. Eine changierende Klangfarbigkeit mit abrupten Bläsereinsätzen kennzeichnet das permanente Zusammenspiel dieses Albums. Rhythmische Impulse und subtile klangliche Verschiebungen strukturieren die Musik, und es scheint, als habe Portal mit einer zugänglichen Melodik zu einer Art Altersleichtigkeit gefunden. Wer Michel Portal für sich entdecken will, sollte tatsächlich mit diesem Spätwerk beginnen und sich bis zu seiner Boulez-Interpretation zurückarbeiten.

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