Looking for the English FIDELITY Magazine? Just click here!
Ian Anderson - Der erneuerte Flötist

Ian Anderson

Der erneuerte Flötist

Ian Anderson – der erneuerte Flötist

Die Band Jethro Tull wurde bekannt durch sein Instrument: die Querflöte. Seit 1968 ist Ian Anderson der „Pied Piper“ der Rockwelt. Doch Mitte der 1990er Jahre hat er sich noch einmal neu erfunden.

Ursprünglich spielte er E-Gitarre – aber nicht gut genug für seine Ansprüche. „Als ich Eric Clapton hörte, wusste ich, dass ich mich nie mit ihm messen könnte“, erzählt Ian Anderson. „Und ich wollte kein drittklassiger Gitarrist sein. Lieber wollte ich etwas machen, das ein wenig eigenwillig war.“ Also schnappte er sich einfach ein anderes Instrument – eher zufällig eine Querflöte. Zuerst habe er gar keinen Ton darauf herausgebracht, so Anderson. Aber als er (nach Monaten) endlich das Anblasen kapiert hatte und die ersten fünf Töne gelangen, hat er die Flöte gleich im Konzert eingesetzt. Seine Band Jethro Tull war 1968 die einzige Blues- und Rockband weit und breit mit einem Flötisten dabei. Und jene Töne, die Anderson (noch) nicht spielen konnte, hat er einfach gesungen, gesabbert oder gebrummt – „das klang auch kräftiger und aggressiver“. So entstand sein ganz eigener Flötenstil: „Ich spielte die Flöte, als ob sie eine elektrische Gitarre wäre. Das funktionierte, weil ich nie Flötenunterricht hatte.“

Mehr als 20 Jahre später hat Andersons Tochter in der Schule das Flötenspiel gelernt. Sie machte ihren Vater darauf aufmerksam, dass er, der weltberühmte Rockflötist, keine korrekten Fingersätze benutze. Als Anderson einige Zeit später allein in einem Hotel in Mumbai saß, beschloss er, sich doch einmal die Grifftabelle einer Flöte anzusehen – er ließ sie sich aus London faxen. „Ich kapierte, dass die Hälfte der Griffe, die ich spielte, inkorrekt war. Ich hatte 25 Jahre lang die Flöte falsch gespielt.“ Anderson hatte Zeit in Indien und schaffte sich die korrekten Griffe drauf. Dann lernte er alle seine Songs (Hunderte!) mit den neuen Griffen zu spielen. Und weil ihn die indischen Bansuri-Spieler beeindruckt hatten, wechselte er danach noch auf eine Konzertflöte mit offenen Klappen (Ringklappen). „Die geben mir die Möglichkeit, die Töne zu beugen und zu verschleifen, wie es die indischen Flötisten tun.“

Mit 45 Jahren hat sich der Rockstar Ian Anderson als Flötist ganz neu erfunden. Als Erste kapierten das die Leute vom Klassik-Department bei EMI. Die nämlich gaben bei Anderson eine Flötenproduktion in Auftrag, die in ihr Klassikprogramm passen sollte. So entstand Divinities (EMI, 1995), Ian Andersons erstes Instrumentalalbum.

Ian Anderson - Der erneuerte Flötist

Er gibt zu, es habe ihn ein wenig nervös gemacht, die Flöte so sehr im Mittelpunkt zu haben und den klassischen Anspruch dazu … Zwölf Stücke hat er eingespielt, inspiriert von diversen Religionen und Musikkulturen. Es gibt klangliche Bezüge zu keltischen, nahöstlichen, indischen, afrikanischen, spanischen Traditionen. Andrew Giddings spielt alle Tasteninstrumente und ein synthetisches, digitales „Orchester“. Dazu kommen einige Solisten an Violine, Cello, Harfe, Oboe und so weiter. Das Ganze ist ein halbwegs geschmackvoller Mischmasch aus Weltmusik, New Age und Pseudoklassik. Aber diese strahlende, virtuose Flöte! Konnte das wirklich Ian Anderson sein?

Nur vier Monate später erschien das neue Album von Andersons Rockband Jethro Tull: Roots To Branches (Chrysalis, 1995). Und siehe da, auch hier sind sie zu hören: die indisch-exotischen Einflüsse und die dominante, brillierende Flöte!

Ian Anderson - Der erneuerte Flötist

Es gibt orientalisch inspirierte Gesangsmelodien und Rockriffs, auch „imitierte“ Bollywood-Streicher, dazu exotische Percussion und eben einen Ian Anderson an verschiedenen „offenen“ Flöten. Sein Spiel tönt hell und sauber wie nie, technisch elegant, mikrotonal verschnörkelt. Die Kritiker sprachen von seiner „neuen Vision“ und von einem „indischen Songs From The Wood“ (das war Jethro Tulls Folkrock-Platte von 1977). Ian Anderson nannte das neue Album lieber „die 90er-Jahre-Version von Stand Up“, dem frühen Tull-Klassiker. „Schon damals gab es östliche Einflüsse.“

Verglichen mit dem rockig durchsetzten Roots To Branches ist Ian Andersons Soloalbum The Secret Language Of Birds (Roadrunner, 2000) eine eher intim-akustische Sache. Doch diese Seite von Ian Anderson gehörte auch immer zur Stilistik von Jethro Tull: poetische Songs mit viel akustischer Gitarre, Bouzouki oder Mandoline – und der Flöte natürlich.

Ian Anderson - Der erneuerte Flötist

Die Besetzung hier ist praktisch Jethro Tull, nur ohne die rockenden Härten. Keltische und nahöstliche Anklänge gehen ineinander über. 15 melodisch reife Songs und ein triumphales Flötenspiel. Kein Wunder, dass sich Anderson auf diesem Album der Sprache der Vögel nahe fühlt.

www.jethrotull.com

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.