Zu Gast bei … Marten, Göteborg
Kalt und neblig war’s in Deutschland, als uns Marten zu einer exklusiven Hörsession einlud. Schweden schien nicht der naheliegendste Ort zu sein, um der Wetterlage zu entfliehen – und das war es auch nicht, das Wetter in Göteborg war kaum weniger trüb. Dennoch sahen wir im warmen Hörraum plötzlich vollkommen klar.
Das ein oder andere Mal haben wir die Coltrane Supreme Extreme schon zu Gesicht bekommen – auf der HIGH END in München etwa hatte Marten sie in prominenter Platzierung kalt in einem der Atrien ausgestellt. Das mächtige Vier-Säulen-Konstrukt dominierte mit seiner beeindruckenden Präsenz das gesamte Stockwerk. Zu hören gab’s allerdings „nur“ ein kleineres Modell aus der Coltrane-Topserie in einem aufwendig behandelten Raum in den angrenzenden Fluren. Die Vorstellung war wahrlich nicht von schlechten Eltern, aber dennoch stand die Frage im Raum, was die Großen wohl so können.

Bislang konnten diese Frage nur jene beantworten, die auf den HiFi-Shows in Hongkong oder Tokio waren, doch vor einiger Zeit klopfte Jan Sieveking, unter anderem zuständig für den deutschen Marten-Vertrieb, mit einem verlockenden Angebot bei uns an: Wir sollten die Ersten sein, die die Kolosse direkt in Göteborg erleben dürften, wo sie gebaut werden. Und wo wir schon mal da wären, könnten wir auch die Leute hinter der Marke kennenlernen.

Beim Namen „Marten“ spitzen sich seit einigen Jahren die Kennerohren. Dabei ist die Marke wesentlich älter, als man denkt: Gegründet wurde sie 1998 von Leif Mårten Olofsson (dreimal dürfen Sie raten, woher der Markenname kommt), der die Entwicklungsarbeit verantwortet, sowie seinen Brüdern Jörgen Olofsson (CEO) und Lars Olofsson (Marketingleiter). Lange Jahre war das Unternehmen eine von unzähligen winzigen HiFi-Boutiquen, von denen kaum jemand je etwas gehört hatte. Die Qualität der Lautsprecher und die Beharrlichkeit ihrer Macher sorgte aber immerhin dafür, dass die Marke zwei Jahrzehnte lang bestehen konnte – in einer Welt, in der es Lautsprecherhersteller wie Sand am Meer gibt, ist allein das schon eine Leistung.
Auch wenn der Geschäftserfolg zunächst eher moderat blieb, lief es gut genug, um Leif Olofsson die Arbeit an ambitionierteren Modellen zu ermöglichen, die schließlich 2019 und 2020 als die Oskar- und Parker-Serien auf den Markt kamen. Sein Timing hätte besser kaum sein können: Der Fluch namens Covid entpuppte sich als verkappter Segen, denn die brandneuen Modelle weckten die Neugier einer anspruchsvollen Hörerschaft, die plötzlich großes Interesse an distinguierten Indoor-Aktivitäten entwickelt hatte. Über Nacht gingen die Verkaufszahlen durch die Decke, und das Unternehmen wuchs in der Folge auf die etwa zwei Dutzend Mitarbeiter an, die es heute hat. Lockdownbedingte Absatzspitzen gab es freilich auch anderswo, doch die erwiesen sich vielfach als Strohfeuer – nicht so bei Marten. Ganz offensichtlich war die Qualität schon immer da und wartete nur darauf, bemerkt zu werden; es brauchte also nur diesen einen Stups, um die Marke fest am HiFi-Firmament zu verankern.

Nach der Pandemie sind die Verkäufe nicht nur stabil geblieben, sie wachsen bis heute stetig an. Längst ist der Hersteller aus seinem ursprünglichen Geschäftsgebäude herausgewachsen und musste in unmittelbarer Nähe ein weiteres hinzuziehen, das die Produktion beherbergt und so im Hauptquartier Platz für Verwaltung, Entwicklung und Showrooms schaffen konnte. Mittlerweile wurde es jedoch auch in den erweiterten Räumlichkeiten etwas eng, weshalb man jüngst erneut umgezogen ist, diesmal in ein Gebäude, das mit rund 2000 Quadratmetern wesentlich mehr Platz bietet als die bisherigen Firmenräume.
Der vergrößerte Raumbedarf ergibt sich nicht nur aus den immer weiter anschwellenden Auftragsbüchern, sondern vor allem auch aus dem Ziel, die Fertigungstiefe zu steigern. Die Montage der Lautsprecher erfolgt seit jeher im eigenen Haus. Die Holzbearbeitung wurde bislang ausgewählten Schreinereien überantwortet, soll nun jedoch ebenfalls am Standort abgehandelt werden. Daher ist ein Teil des neu gewonnenen Raums für einen Maschinenpark rund um eine beeindruckend dimensionierte CNC-Fräse reserviert. Sämtliche Produktionsschritte nicht nur selbst, sondern in der Tat unter einem einzigen Dach durchführen zu können, soll es Marten ermöglichen, den Herausforderungen des gegenwärtigen wie auch weiteren Wachstums (Stichwort: Qualitätskontrolle) entspannt entgegenzublicken.

Wenn Sie aus den bisherigen Ausführungen eine gewisse Qualitätsversessenheit herauslesen, liegen Sie vollkommen richtig: Als wir die Marten Parker Quintet im Hörtest hatten (den Sie in FIDELITY Nr. 77 finden können), haben wir nicht schlecht darüber gestaunt, wie viel Aufwand man in eine Zweieinhalbwege-Weiche stecken kann. Jeder der vier Woofer hat hier seine eigene Trennfrequenz, die einen eigenen Filterzweig erfordert und die Bauteilanzahl in Regionen schiebt, die man eher bei einer Vierwege-Konstruktion erwarten würde. Da die Trennfrequenzen nach unten kaskadieren, müsste man streng genommen auch eher von einem 2¾-Wege-Design sprechen. Dass die Konstruktion der Weiche für die noch höher angesiedelte Coltrane Quintet sage und schreibe anderthalb Wochen in Anspruch nimmt, glauben wir dementsprechend unbesehen. Auch beim Matching überlässt man nichts dem Zufall: Vor dem Durchmessen werden alle Treiber 100 Stunden lang bei 60 Prozent ihrer Nennbelastbarkeit eingebrannt – auch die Passivmembranen. Sollte ein Treiber mal das Zeitliche segnen, wird auch der stets paarweise mit einem perfekt eingespielten Partner getauscht.

Wie schon erwähnt werden alle Holzgehäuse in Europa hergestellt, während die Carbonelemente von einem Spezialisten in Malmö gefertigt werden. Die Holzpaneele werden mit 15 bis 17 Lackschichten versiegelt, wobei die einzelnen Streifen erst nach dem Auftrag der ersten Lackschicht zusammengefügt werden, weil dann die Maserung besser erkennbar ist. Wie in allen Arbeitsschritten nimmt sich Marten auch hierbei die erforderliche Zeit: Von der Anlieferung des Rohmaterials bis zum montagefertigen Holzteil vergehen selten weniger als sechs Monate. Bei dem Anspruch, den die Schweden haben, nimmt es also kaum Wunder, dass man auch die Holzbearbeitung ins eigene Haus holen will, um jeden einzelnen Prozessschritt kontrollieren zu können. An nichts zu sparen ist zentraler Bestandteil der Firmenphilosophie, deren extremste Manifestation, die Coltrane Supreme Extreme, pro Paar 800 Arbeitsstunden und unter anderem 400 Quadratmeter Kohlefasermatten beansprucht.

Als es schließlich ans Hören ging, waren wir kein Stück weit überrascht, dass die Ausstaffierung der Hörräume und die Zusammenstellung der Setups denselben Perfektionismus offenbart. Dass die Säle bis auf den letzten Quadratzentimeter mit einem speziell auf den Raum optimierten Konzept von SMT Acoustics behandelt sind, kennen wir bereits von den Messeauftritten der Schweden. Musik kommt von TechDAS-Drehern und D/A-Wandlern aus dem Hause MSB und wird von Goldmund-Vor-/Endstufen-Kombis verstärkt, ehe sie den Lautsprechern zu nahe kommen darf – ganz offensichtlich ist das Beste gerade gut genug.
Wir beginnen mit der wohl ambitioniertesten Aufwärmübung des Jahres und hören uns zunächst die noch einigermaßen handhabbare Coltrane Quintet Extreme an. Schon hier kriegen wir eine Performance geboten, die uns Fragen wie „Was könnte daran noch besser sein?“ glatt aus dem Hirn bläst. Schier unglaubliche Detailauflösung ist bei der Treiberzusammenstellung keine große Überraschung – verbaut sind hier Diamantmembranen nicht nur im Hoch- sondern auch im Mittelton, der 18er-Tiefmitteltöner trägt Beryllium und wird untenrum von zwei 25er-Bässen mit Aluminium-Honeycomb-Membranen ergänzt. Was uns beeindruckt ist vielmehr, dass es bei allem Informationsgehalt nie auch nur ansatzweile artifiziell klingt, sondern uns die Coltranes vom ersten Takt weg mit absolut natürlicher Lebendigkeit in die Musik hineinziehen. Auf einer Bühne, die deutlich über die Basisbreite hinausgreift, erfährt alles, was auf der Aufnahme passiert, genau das gleiche Maß an Aufmerksamkeit. Die Coltrane Quintet Extreme leuchtet jedes noch so subtile Detail aus, ohne je irgendetwas nennenswert zu betonen; mit einer bemerkenswerten Selbstverständlichkeit passiert alles auf einmal. Es wirkt ein wenig so, als würde man durch ein Vergrößerungsglas nicht einzelne Details, sondern die Aufnahme im Ganzen sehen. Faszinierend auch, wie unterschiedlich verschiedene Aufnahmen klingen, völlig unabhängig vom Genre oder auch von der Lautstärke. Die Vorstellung bewegt sich auf einem Niveau, das bei einem Lautsprecher dieser Größe rein physikalisch kaum zu überbieten sein dürfte.
Schon reichlich beeindruckt, werden wir daraufhin in einen noch größeren, noch spektakuläreren Hörraum geführt. Auf etwa 70 Quadratmetern macht sich der eigentliche Grund unseres Besuchs breit: die Coltrane Supreme Extreme. Beim Anblick der vier Türme fragt man sich unweigerlich, wie in aller Welt man aus derart vielen Treibern, die sich über so viel Fläche verteilen, ein zusammenhängendes Klangbild rausholen kann. Tatsächlich ist Leif Olofsson geradezu besessen von den Konzepten der Zeit- und Phasenrichtigkeit, weshalb er in seinen Top-Serien auch ausschließlich Filter erster Ordnung verwendet. Diese Filter sind für ihr ideales Phasenverhalten bekannt – allerdings gehen sie auch mit extrem flachen Filterflanken von nur sechs Dezibel pro Oktave einher und erfordern deshalb Treiber, die sich über ein enorm breites Frequenzband hinweg zu benehmen wissen. Das erklärt auch die Wahl der Treiber, die mit ihren extrem steifen Membranen jegliches Aufbrechen in Regionen weit außerhalb des Übertragungsbereiches schieben.
Und tatsächlich präsentiert die Supreme Extreme die Musik mit einer Leichtigkeit und Mühelosigkeit, bei der wir uns kaum vorstellen können, wie der aktuelle Stand der Technik noch bessere Ergebnisse liefern könnte. Die Abbildung ist schlicht atemberaubend: Die Bühnendimensionen und die Platzierung einzelner Instrumente vermittelten eine Realität, die in eklatantem Widerspruch zu den tatsächlichen Raumabmessungen steht. Bei „You Look Good To Me“ vom Oscar Peterson Trio etwa habe ich noch nie erlebt, dass eine Anlage den Hörraum derart vollständig auflöst. Gleichzeitig transportieren die massiven Türme die Musik mit einer derartigen Feinfühligkeit, dass wir zeitweise den Eindruck hatten, die Stimmung der Musiker erkennen zu können – frisch und gut gelaunt oder vom 28. Take derselben Passage vielleicht schon etwas emotional abgewetzt. Sie offenbarten alles, was wir für auf einer Aufnahme festhaltbar hielten – und noch mehr –, beschönigten aber zu keinem Zeitpunkt die Aufnahmequalität. Gleichzeitig urteilten sie aber auch nie: Ob Mahlers „Sinfonie der Tausend“ oder „Bitter Blood“ von den Revolutionaires, den Coltrane Supreme Extreme war es einerlei. Sie holten uns bei der Aufnahme ab und führten uns dann direkt in die Musik, an einen Ort, an dem wir nicht nur hörten, sondern wirklich berührt wurden.
Wie alles, was Spaß macht, musste aber auch dies irgendwann enden. Angesichts der schwindelerregenden Kosten eines solchen Ultra-High-End-Setups ist klar, dass Normalsterbliche wie wir solche Erlebnisse bestenfalls gelegentlich als Gäste genießen können – umso mehr freut es uns, dass wir diese Gelegenheit hatten. Einen Silberstreif am Horizont gibt es immerhin: Die kleineren Parker- und Oskar-Linien entstehen mit derselben Detailversessenheit und bieten weit mehr als nur eine Ahnung dessen, was wir in Göteborg erleben durften.
Info
Lautsprecher Marten Coltrane Supreme Extreme
Konzept: passiver Ultra-High-End-Standlautsprecher mit passiven Zeilenwoofertürmen
Bestückung Hauptlautsprecher: 1 x 25-mm-Diamantkalotten-Hochtöner, 1 x 76-mm-Diamantkalotten-Mittelhochtöner, 1 x 18-cm-Beryllium-Mitteltöner, 4 x 20-cm-Aluminium-Keramik-Tiefmitteltöner
Bestückung Subwoofer: 5 x 25-cm-Aluminium-Sandwich-Tieftöner, 10 x 25-cm-Aluminium-Sandwich-Passivmembranen
Belastbarkeit: Hauptlautsprecher 600 W/Kanal, Subwoofer 1000 W/Kanal
Trennfrequenzen: 120 Hz, 370 Hz, 1000 Hz, 4000 Hz, durchgehend erste Ordnung
Anschlüsse: Marten/Furutech; Hauptlautsprecher Bi-Wire, Subwoofer Single-Wire
Innenverkabelung: Jorma Paragon
Gehäusematerial: Kohlefasermonocoque und Aluminium/Massivholz-Sandwichkonstruktion
Gewicht: Lautsprecher 140 kg, Subwoofer 270 kg
Ausführungen: Walnuss, Kirsche, Ahorn, Eiche
Maße (B/H/T): Hauptlautsprecher 30/182/64 cm, Subwoofer 70/182/64 cm
Garantiezeit: 5 Jahre
Paarpreis: um 950 000 €
Kontakt
Sieveking Sound
Plantage 20
28215 Bremen
Telefon +49 421 6848930
kontakt@sieveking-sound.de





























































