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Trentemöller - The Last Resort

Trentemøller – The Last Resort

Nordisch by Nature

Trentemøller – The Last Resort

Warum The Last Resort auch nach 20 Jahren noch wirkt.

Es gibt Alben, die man einfach hört, und solche, in die man – fast widerstandslos – hineingezogen wird, weil sie eine eigene Klangwelt entwerfen. Und mitunter – und dies muss der Autor dieser Zeilen gestehen – geschieht das erst mit jahrelanger Verspätung. The Last Resort, 2006 auf Poker Flat erschienen, gehört zu dieser zweiten Kategorie, zumal Trentemøller hier ein bewusst düsteres Tableau entwickelt, das mit dem Klischee nordischer Schwärze so kalkuliert spielt, dass es zugleich zu dessen Bestätigung und leiser Brechung wird. In einer Zeit, in der Minimal-Techno die Clubs dominierte, war da auf einmal ein Sound, der jene Hörer anzog, die zwischen Depeche Mode, Dark Wave, Ambient und einem fast bildhaften Elektroniksound pendeln. Und erstaunlicherweise auch Hörer, die, nicht selten mit hochwertigen Kopfhörern oder präzisen Nahfeldmonitoren ausgestattet, die feinen Schattierungen eines akustischen Raums suchen. Und der Umkehreffekt war, dass Trentemøller damit für den Hardcore-Clubgänger eigentlich gestorben war.

Trentemöller - The Last Resort

Wenn man den späteren Weg Trentemøllers betrachtet, wird deutlicher, wie stark The Last Resort als Wendepunkt wirkte. Nach seinen frühen Jahren in der dänischen Indie- und Post-Punk-Szene, in der er vor allem als Gitarrist und Keyboarder aktiv war, wandte er sich Anfang der 2000er zunehmend der Elektronik zu und veröffentlichte zunächst eine Reihe von Maxis, die in DJ-Kreisen durch ihre Mischung aus fein ziseliertem Minimal, Dub-Elementen und einem unterschwelligen Popgespür auffielen. Dass The Last Resort bis heute nachwirkt, liegt nicht zuletzt daran, dass Trentemøller den Mut zur Langsamkeit mit einer strukturellen Aufmerksamkeit für Texturen verband. Die Stücke entfalten sich als Szenarien, deren Detailtiefe vor allem dann spürbar wird, wenn man sie über hochwertiges analoges Equipment hört, das die feinen Störungen, leichten Verstimmungen und das fast körnige Knistern alter Synthesizer nicht glättet, sondern im Gegenteil deutlich macht, wie bewusst hier in speziellen Momenten ein Old-School-Klangcharakter gepflegt wird.

Diese Haltung zur klanglichen Materialität zeigt sich besonders, wenn Trentemøller mit Reduktion arbeitet. Minimalismus dient ihm nicht als Endpunkt, sondern als Ausgangslage für eine Verdichtung, die sich weniger auf Horizonte der Clubmusik bezieht als auf ein Verhältnis von Raum und Zeit, das man eher aus experimenteller Elektronik oder auch von Klaus Schulze oder Tangerine Dream kennt. So wird die Kickbass in „Nightwalker“, gedämpft und tief, zu einem Herzschlag, der elektronische Musik plötzlich zutiefst menschlich wirken lässt. Wer das Stück auf einer präzise eingerichteten Anlage hört – etwa auf Messen, bei denen High-End-Hersteller gerne vereinzelte Tracks aus dem Album als Hörmaterial nutzen, um die Fähigkeit ihrer Systeme zur Darstellung dunkler basstiefer Räume zu demonstrieren –, erkennt die innere Logik dieses Ansatzes: Die Musik lebt von winzigen Verschiebungen im Klangbild, die nur dann wirken, wenn das Wiedergabesystem ausreichend feine Dynamik abbildet. Gleichzeitig darf man aber nicht vergessen, dass The Last Resort immer noch eine Club-Credibilty und Roughness in sich trägt, die den aktuellen elektronischen High-End-Liedchen wie „Liberty“ vollständig feht.

Während viele Produktionen der 2000er heute klar zeitgebunden wirken, bleibt The Last Resort erstaunlich stabil. Der Verzicht auf überproduzierte digitale Glätte verleiht dem Album eine Form der Zeitlosigkeit. Die Struktur des Albums – ein Schweben zwischen Clubästhetik und Ambient-Nähe – verstärkt diesen Eindruck. „Miss You“ könnte ebenso gut Teil eines Independent-Soundtracks sein, während „Chameleon“ einen nervösen Energieschub liefert, der den Übergang zwischen meditativer Innenschau und tänzerischer Spannung markiert. Dass das Album bis heute keine Patina trägt, hängt eng mit dieser bewussten Analogität zusammen. Während andere Produktionen altern, weil sie an Produktionsmoden gebunden sind, altert The Last Resort wie ein Instrument, das mit den Jahren Charakter gewinnt. Man hört es nicht aus nostalgischer Geste, sondern weil es einen offenen Raum schafft: zwischen Einsamkeit und einer Wärme, die eher gefühlt wird, wenn man sich – vielleicht spät in der Nacht – mit guten Kopfhörern in die vielschichtige Klangarchitektur versenkt. Auch Trentemøllers spätere Entwicklung unterstreicht die Bedeutung des Debüts. Dass er später Indie, Post-Punk und cineastische Pop-Elemente integrierte, lässt The Last Resort als klangliches Fundament erscheinen, als Manifest einer melancholischen Ästhetik, die nie ganz verschwand. Man könnte sagen, The Last Resort ist ein Album für Menschen, die nachts wach liegen, weil sie jene Zwischenräume kennen, in denen äußere Ruhe und innere Bewegung ineinandergreifen. Es richtet sich an Hörer, die verstehen, dass Clubs und Melancholie keine Gegensätze sind, und dass Musik nicht immer Antworten geben muss, um tröstend und zugleich vorantreibend zu sein. 20 Jahre später steht das Album immer noch wie ein dunkler Leuchtturm in der Geschichte elektronischer Musik. Man kehrt zu ihm zurück wie zu einem Ort, der gleichzeitig fremd und vertraut wirkt. Ein Ort, der bewusst düster und doch offen genug ist, um darin Halt zu finden, wenn draußen alles zu hell geworden ist und die Zumutungen des Alltags jedes Gefühl narkotisieren.

Trentemøller – The Last Resort (Erstveröffentlichung 2006)

Label: Poker Flat Recordings
Format: 3 LPs, DL

www.trentemoller.com

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