Thales Simplicity II
„Konstruiert man ein Dreieck aus den beiden Endpunkten des Durchmessers eines Halbkreises und einem weiteren Punkt dieses Halbkreises, so erhält man immer ein rechtwinkliges Dreieck.“
(Thales von Milet, ca. 624–544 v. Chr.)
Es kommt heutzutage eher selten vor, dass ein HiFi-Produkt ein Alleinstellungsmerkmal für sich in Anspruch nehmen kann. Bei den Tonarmen von Micha Huber ist genau das der Fall. Seit 2008 konstruiert er Drehtonarme, deren Kröpfungswinkel sich während des Abspielens einer Schallplatte derart ändern, dass der Tonabnehmer stets senkrecht auf den Radius der LP weist, die somit immer tangential abgetastet wird. Der Ur-Thales und der Thales AV bewerkstelligten dies mit einem ausgreifenden und komplexen Ausleger. Der war für viele Anwender zu anspruchsvoll bei Aufbau und Justage, sodass recht schnell der Ruf nach einer vereinfachten, „simpleren“ Umsetzung dieser an und für sich genialen Idee laut wurde. So entstand 2010 der Thales Simplicity, der gleichwohl nicht hundertprozentig exakt tangential wie sein großer Bruder arbeitete. Über die kaum vorstellbaren 0,008 Grad maximalen Spurfehlwinkels des ersten Simplicity werden sich aber nur absolute Pedanten mokiert haben.

Aktuell hat Micha Huber neben zwei Laufwerken und zwei Tonabnehmerserien drei Tonarme im Programm, die alle dem Prinzip des ersten Simplicity folgen, aber deren Details unterschiedlich ausgeführt sind. Der Thales Easy ist die preiswerteste Version und ähnelt optisch am ehesten einem „normalen“ Drehtonarm. Freilich lässt sich mit der vereinfachten Mechanik der maximale Spurfehlwinkel auf „nur“ 0,4 Grad reduzieren, was einem Fünftel bis einem Sechstel von gängigen neunzölligen Drehtonarmen entspricht. Der Thales Statement dagegen ist das Flaggschiff aus dem schweizerischen Turbenthal (Kanton Zürich); im Vergleich zum Simplicity kann er sowohl mit einer komfortableren Justage als auch mit einer noch besseren Verarbeitung und hochwertigerem Finish aufwarten. Letzteres wird man kaum für möglich halten, wenn man sich den aktuellen Simplicity II näher ansieht. Der ist nämlich bis ins kleinste Detail ausgefeilt und schlichtweg makellos verarbeitet. Wir reden hier also von einem Unterschied zwischen „1“ beim Simplicity II und „1+“ beim Statement, um den Unterschied mit Schulnoten zu verdeutlichen.
Bleiben wir beim Simplicity. Der wurde um das Jahr 2015 noch einmal überarbeitet und durfte von nun an eine römische Zwei im Nachnamen führen. Geändert wurden vor allem die Lager, die jetzt auf der hauseigenen TTF (Thales Tension Free)-Technologie beruhen und die Vorteile der vormals verwendeten Saphirkörnerlager mit denen von Kugellagern verbinden – und somit leichtgängiger und robuster sein sollen. Eine geringfügige Änderung der Geometrie bewirkt eine weitere Reduzierung des maximalen Spurfehlwinkels auf 0,006 Grad. Ebenfalls kann man erstmalig zwischen einem Mini-DIN-Anschluss im Tonarmschaft und einer Durchverkabelung wählen. Micha Huber weist ausdrücklich darauf hin, dass die Durchverkabelung ausschließlich für den Betrieb mit Moving-Coil-Systemen gedacht ist. Bei der Verwendung von Moving Magnet (MM) kann es zu Brummproblemen kommen.

An der Mechanik des Simplicity wurde also nichts Wesentliches verändert. Sie folgt nach wie vor der hauseigenen „Thales-Tetragon-Geometrie“. Das bedeutet, dass sich der horizontale Drehpunkt des gesamten Tonarms im Mittelpunkt einer Kreisbahn befindet, auf deren Ausschnitt sich die Diamantspitze des Tonabnehmers bewegt. Das von Thales vor 2500 Jahren beschriebene rechtwinklige Dreieck wird von der Nadelspitze, dem Mittelpunkt der Schallplatte und einem imaginären Punkt hinter dem Tonarm gebildet, der denselben Abstand wie der Plattenmittelpunkt vom Tonarm hat. Beim Abspielen einer LP wird der Kröpfungswinkel des Tonabnehmers immer flacher und in der Art angepasst, dass der Diamant weitestgehend im rechten Winkel auf dem Radius der LP verbleibt. Somit wird die Schallplatte nahezu perfekt tangential abgetastet. Die Anpassung des Kröpfungswinkels geschieht durch Verwendung zweier nicht ganz paralleler Tonarmrohre, die jeweils ihre eigenen Horizontallager haben und sich gegeneinander verschieben können. An deren Spitzen befindet sich wiederum, mit einem „Kopfstück“ genannten Bauteil verbunden, jeweils ein weiteres Kugellager. Diese Lager ermöglichen es, den Winkel genau dieses Bauteils zu verändern. Am Kopfstück wird bei der Tonabnehmerjustage später die Headshell befestigt. Wem jetzt schon ob der technischen Raffinesse dieses Tonarms schwindelig geworden ist, dem sei dringend geraten, sich keine Bilder von den verwendeten winzigen Lagern anzusehen. Sie sind in etwa so groß wie der Kopf eines Streichholzes.

Freilich nützt die Perfektion bei der Herstellung nichts, wenn der Besitzer sich nicht in der Lage sieht, diese auch bei Aufbau und Justage umzusetzen. Keine Sorge: Micha Huber lässt den Kunden hier nicht ratlos zurück. Im Gegenteil. Die deutschsprachige, reich bebilderte Bedienungsanleitung, die Schablonen und das mitgelieferte Werkzeug sind wirklich vorbildlich. Besonders hervorzuheben ist das „Visier“ genannte Werkzeug, mit dem man den Tonabnehmer in der Headshell justiert. Es ermöglicht, das System ganz in Ruhe am Schreibtisch zu justieren. Die damit erzielbare Genauigkeit ist frappierend, sodass ich geneigt bin zu glauben, dass ich noch nie so exakt wie mit diesem Werkzeug einen Tonabnehmer justiert habe. Ähnliches gilt für die Schablone, mit der der richtige Abstand und Winkel des Tonarms eingestellt wird. Man braucht also nur von seinem Laufwerkshersteller eine für den Thales Simplicity II passende Tonarmbasis zu ordern, und dann kann der Aufbau losgehen. Glücklicherweise hatte Dr. Christian Feickert so eine Basis für den mir zur Verfügung gestellten Woodpecker bereits vorrätig, die innerhalb von achtundvierzig Stunden bei mir angekommen ist. Vielen Dank an dieser Stelle für diesen exzellenten Service.

Da die Bedienungsanleitung keine Fragen offenlässt, möchte ich nur auf ein paar Besonderheiten des Thales eingehen und darauf hinweisen, dass man sich mit Ruhe und Geduld mit dieser feinmechanischen Preziose auseinandersetzen sollte. Da der Simplicity über zwei Tonarmrohre verfügt, ist jedes von ihnen mit einem eigenen Gegengewicht ausgestattet. In das von vorne gesehen linke schiebt man mittels zweier Führungsstangen die sogenannten Ausgleichsgewichte ein, von denen es drei verschieden schwere Ausführungen gibt. So wird gewährleistet, dass man Tonabnehmer von 7 bis 23 Gramm ausbalancieren und die nötige Auflagekraft einstellen kann. Diese Justagegewichte verfügen über ein zusätzliches Bauteil, der „Exzenter“ genannt wird und mit dem man bei Bedarf die Lateralbalance einstellen kann. Die Antiskatingkraft ist dagegen nicht einstellbar. Micha Huber weist zu Recht darauf hin, dass diese hauptsächlich vom Kröpfungswinkel abhängig und dass sie beim Simplicity deutlich geringer als bei vergleichbaren Drehtonarmen ist. Außerdem ändert sich dieser während des Abtastprozesses kontinuierlich, und so behilft man sich hier mit zwei Magneten, die in den beiden Gegengewichten der Tonarmrohre eingebaut sind. Ähnlich wie die beiden Tonarmrohre verschieben sich diese während des Abspielens einer LP. Die Magnete stoßen sich in Abhängigkeit vom Kröpfungswinkel genau definiert voneinander ab und kompensieren die schwache Skatingkraft in einem völlig ausreichenden Maße. Da verwundert es nicht, dass das von mir verwendete Ortofon Jubilee (vergleichbar mit einem Ortofon Cadenza Black) bei der vom Hersteller empfohlenen Auflagekraft verzerrungsfrei bestmögliche Abtastwerte erreicht.
So faszinierend die Technik und die feinmechanische Präzision auch ist, am Ende ist immer die Frage zu beantworten, ob ein Produkt auch klanglich überzeugt. Und das tut der Thales Simplicity II auf ganzer Linie. Raumabbildung, Lebendigkeit, Detailtreue und tonale Neutralität sind schlicht und ergreifend auf allerhöchstem Niveau. Mitunter übertrifft er sogar die angesichts des gehobenen Preises zu Recht großen Erwartungen. Das belegen die zahlreichen Schallplatten, die ich in der Zeit, in der der Thales Simplicity bei mir zu Gast war, quasi neuentdeckt habe. Ich beschränke mich aber an dieser Stelle nur auf Klangbeispiele der sattsam bekannten Manger – Musik wie von einem anderen Stern, die bei mir eigentlich immer zum Einsatz kommt und ein verlässlicher Fixpunkt bei der Klangbeurteilung von analogen Komponenten ist. So wird der Flügel inklusive aller Nebengeräusche, die durchaus auch vom Pianisten Bruno Leonardo Gelber stammen, beim Abspielen der Klaviersonate Nr. 8 von Ludwig van Beethoven so natürlich und dynamisch wiedergegeben, wie ich es von dem Ortofon Jubilee nur kenne, wenn es in hervorragenden Tonarmen montiert ist.
Noch bemerkenswerter ist die Reproduktion des von Hermann Prey vorgetragenen Beethoven-Liedes „Ich liebe dich“. Frappierend ist hierbei die präzise räumliche Trennung von Klavierbegleitung und Stimme, die ich so nur von den allerbesten Tangentialtonarmen her kenne. Die tun sich aber mitunter schwer, Bassimpulse naturgetreu wiederzugeben. Andererseits werden filigrane Tonarme mit einer moderaten effektiven Masse (18 g) wie der Thales Simplicity II gerne mal verdächtigt, nicht unbedingt als Bassweltmeister zu taugen. „Jazz Variants“ von The O-Zone Percussion Group beweist das Gegenteil: Impulstreue und Bassvolumen der Schlaginstrumente werden perfekt reproduziert, ohne dass dabei etwas aufgebauscht oder zu dick aufgetragen wird. Überhaupt verkneift er sich jegliche unangemessene Übertreibung – auf den ersten Blick sehr spektakulär Wirkendes nervt dann ja doch auf Dauer.
Der Thales Simplicity II ist also nicht nur ein Meisterwerk der Feinmechanik. Er überzeugt mit seiner unaufdringlichen klanglichen Präzision und legt den Akzent eher auf tonale und räumliche Genauigkeit als auf Effekthascherei. Da soll nochmal einer sagen, das Wissen der alten Griechen wäre heute nutzlos …
Info
Tonarm Thales Simplicity II
Konzept: Radialtonarm
Besonderheiten: variable Kröpfung, wechselbare Headshell nach eigenem Standard
Einbauabstand: 23 cm
Effektive Länge: 22,9 cm (9“)
Kröpfungswinkel: 8° bis 19°
Maximaler Spurfehlwinkel: 0,006°
Zulässiges Tonabnehmergewicht: 7 g bis 23 g
Effektive Masse: 18 g (schwer)
Ausführung Tonarmrohr: Schwarz, Grau oder Bronze
Anschluss: 5-poliger Mini-DIN-Anschluss, lose Kabelenden, optionale Durchverkabelung
Garantiezeit: 3 Jahre
Preis: ab 9000 €
Kontakt
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