Esoteric Mastering: Brahms und Sibelius
Esoteric erfüllt die Träume von einer Rückkehr japanischen Vinyls.
Nach Jahren, in denen japanische Pressungen im internationalen Vinylmarkt kaum noch eine Rolle spielten, markiert die Rückkehr des Esoteric-Labels zur Schallplatte einen bemerkenswerten Einschnitt. Nicht nur, weil damit wieder Produktionen aus Japan verfügbar sind, sondern auch, weil diese Veröffentlichungen an eine Tradition anknüpfen, in der Sorgfalt und technische Disziplin den Maßstab bildeten. Selbstverständlich orientiert man sich bei den Esoteric Mastering-Veröffentlichungen auch am altbekannten Erscheinungsbild mit dem obligatorischen Obi.
Produktion: Analog als eigenständige Entscheidung
Die Titel der „Masterpiece Collection“ sind keine Nebenprodukte bestehender Digitalmaster, sondern wurden explizit für Vinyl neu erarbeitet. Grundlage bilden die originalen Masterbänder, die in einem separaten Remastering-Prozess aufbereitet wurden. Esoteric setzt dabei auf das hauseigene „Esoteric Mastering“-System mit diskretem D/A-Wandler und eigener Clock-Architektur, ergänzt durch eine bewusst reduzierte, aber hochwertige Signalführung mit Mexcel-Kabeln. Ziel ist kein klanglicher Effekt oder gar ein Sounding, sondern eine stabile, verlustarme Übertragung der Bandinformation.
Der eigentliche Schnitt erfolgte bei Mixer’s Lab in Tokio auf einer Neumann VMS80, einer Schneidemaschine aus der klassischen Phase der analogen Studiotechnik, von der heute nur noch wenige Exemplare existieren. Besonderes Augenmerk verdient der direkte Signalweg: Das Esoteric-Mastering-Setup wurde in den Schneideraum integriert und umging damit von vornherein die Entzerrerstufe der Schneidekonsole. Geschnitten wurde von Katsutoshi Kitamura, der nicht nur eine finale Lackfolie anfertigte, sondern mehrere Varianten mit unterschiedlichen Übertragungswegen produzierte. Diese wurden im Esoteric Mastering Center auf dem Grandioso-T1-Plattenspieler vergleichend abgehört, bevor die endgültige Version festgelegt wurde. Das alles weist auf einen Produktionsprozess hin, bei dem nichts dem Zufall überlassen wurde, und zeugt von einer Akribie, die den relativ hohen Preis der LPs erklärt und rechtfertigt. Hören wir also in zwei aktuelle Veröffentlichungen hinein.
Sibelius: Erste Sinfonie als Neuland
Jean Sibelius’ Erste Sinfonie steht stilistisch noch deutlich im Schatten der Spätromantik, zugleich deutet sie bereits jene Eigenständigkeit an, die sein späteres Schaffen prägen sollte. Die langen Pedaltöne, die blockhafte Orchestrierung und die oft schroffen Übergänge stellen hohe Anforderungen an Balance und Transparenz, insbesondere im Tieftonbereich. Das Remastering überzeugt hier mit einer klar gegliederten Raumdarstellung, die sowohl die Breite als auch die Tiefenstaffelung stabil hält. Der Bass ist konturiert, ohne aufgebläht zu wirken, was den strukturellen Halt der Musik spürbar unterstützt. Lorin Maazels Interpretation gibt sich energisch und vorwärtsdrängend, dabei jedoch nie hektisch. Die Wiener Philharmoniker spielen mit Engagement und Präzision, auch wenn Sibelius’ Musik zum damaligen Zeitpunkt, 1963, noch nicht zum selbstverständlichen Kernrepertoire des Orchesters gehörte. Das Blech tritt markant hervor, bleibt aber eingebunden, die Pauken setzen Akzente, ohne sich klanglich zu verselbständigen. Highlight sind aber zweifellos die Klarinettensoli, die ja gewissermaßen das Markenzeichen dieser ersten Sinfonie des finnischen Nationalhelden sind. Auffällig ist eine insgesamt eher kurze Ausklingphase nach manchen Schlüssen, insbesondere nach Pizzikato-Passagen. Das mindert jedoch nicht die innere Geschlossenheit der Darstellung und die klangliche Ruhe dieser Wiederveröffentlichung.
Brahms: Zweites Klavierkonzert zwischen Länge und Transparenz
Johannes Brahms’ Zweites Klavierkonzert ist eines der ausgedehntesten Werke seiner Gattung und verlangt weniger äußerliche Virtuosität als strukturelle Übersicht. Wilhelm Backhaus, zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits über 80 Jahre alt, begegnet dem Werk mit einer Gelassenheit, die nichts von einem Nachlassen seiner körperlichen Kräfte erkennen lässt. Sein Spiel ist frei von demonstrativer Geste, dafür geprägt von klarer Stimmführung und einer bemerkenswerten Durchdringung der Binnenstrukturen, insbesondere im langsamen Satz, dessen lange Spannungsbögen er mit souveräner Ruhe trägt. Karl Böhm sorgt für eine straffe, disziplinierte Orchesterführung, die den warmen, homogenen Klang der Wiener Philharmoniker dieser Zeit bewahrt, ohne in Behäbigkeit zu kippen. Das Zusammenspiel wirkt geschlossen und ausgewogen, das Klangbild transparent genug, um die dialogische Anlage des Konzerts nachvollziehbar zu machen. Die neue Pressung unterstützt diese Qualitäten durch saubere Konturen und eine ruhige Grundbalance, ohne künstlich Größe oder Glanz zu erzeugen. Was man aber beachten sollte: Das Remastering orientiert sich stark am Originalklang von 1967 und restauriert diesen sorgfältig. Da die Originalveröffentlichung kein Dynamikmonster war, darf man dies auch hier nicht erwarten. Dies unterscheidet die Esoteric-Veröffentlichungen etwa von den auf Dynamik gezüchteten Klassik-Reissues aus dem Hause Universal.
Fazit
Neben der klanglichen Arbeit überzeugt bei den Esoteric-Alben auch die äußere Gestaltung. Pressqualität, Vinylgewicht, Druckbild und Haptik vermitteln jene Wertigkeit, die man von japanischen Produktionen früherer Jahrzehnte kennt. Der Obi ist sauber integriert, nicht aufgesetzt, und unterstreicht den Anspruch, ein vollständiges, bewusst gestaltetes Produkt vorzulegen. Diese LPs sind keine nostalgischen Dekorationsstücke, sondern ernsthafte Wiederveröffentlichungen, die den spezifischen Klang der Aufnahmezeit in sorgfältiger Restauration aktuell verfügbar machen wollen. Esoteric zeigt, dass sorgfältige Technik, transparente Produktionsentscheidungen und eine nüchterne klangliche Zielsetzung auch heute noch zu überzeugenden Ergebnissen führen können.
Jean Sibelius – Sinfonie Nr. 1, Karelia-Suite
Wiener Philharmoniker, Lorin Maazel
Label: Esoteric (ESLD-10011)
Format: LP (180 g)
Johannes Brahms – Klavierkonzert Nr. 2
Wilhelm Backhaus, Wiener Philharmoniker, Karl Böhm
Label: Esoteric (ESLD-10012)
Format: LP (180 g)




