Albumdoppel: Beethoven / Pink Floyd
Es gibt nicht nur Coverversionen von Songs. „Gecovert“ werden auch Plattenhüllen. Das gecoverte Cover: Ist es witzige Anspielung, respektvolle Verehrung, Parodie – oder hat es einen tieferen Sinn?
Schallplattenhüllen – die Symbolbilder der Popkultur. Einige Hüllenmotive sind zu wahren Ikonen des 20. Jahrhunderts aufgestiegen – massenweise zitiert, imitiert oder parodiert. Zum Beispiel die drei großen Z: Zebrastreifen, Zeppelin, Zoo. Der Zebrastreifen auf der Abbey Road in London, den die Beatles 1969 fast im Gleichschritt überquerten, hat Hunderte späterer Covergestaltungen angeregt. Millionen von Beatles-Fans und London-Touristen posierten auf der Abbey Road für ein Erinnerungsfoto – den Zebrastreifen hat man 2010 sogar unter Denkmalschutz gestellt. Das Bild vom brennenden Zeppelin – es war das Luftschiff „Hindenburg“ (LZ 129) im Jahr 1937 – wurde geradewegs zum Inbegriff einer anderen Band, nachdem es deren Debütalbum geziert hatte. Unzählige Male hat man den Zeppelin auf Plattenhüllen, Poster und Merchandise kopiert und wiederverwendet. Dabei wollte sich die Band Led Zeppelin ursprünglich „Lead Balloon“ nennen. Im Zoo von San Diego wiederum ließen sich die Beach Boys 1966 beim Ziegenfüttern fotografieren. Ein späteres Mitglied der Band meinte, es sei das schlechteste Plattencover der Geschichte geworden. Allerdings schmückt es eine der besten Pop-Platten der Geschichte. Das Motiv wurde daher weltberühmt – und Dutzende Male neu aufgegriffen und variiert.
Wenn von den ikonischsten Plattencovers die Rede ist, darf eines natürlich nicht fehlen: das mit dem Prisma. Die Pyramide und der Lichtstrahl, der in die Regenbogenfarben zerlegt wird – sie stehen seit Jahrzehnten für die Band Pink Floyd. Beinahe jede Pink-Floyd-Hommage spielt auf dieses Bildmotiv an – ob bei den Flaming Lips oder den Squirrels, bei Allstar-Tributes oder bei Sinfonieorchestern.
Interessanterweise ist die Pink-Floyd-Hülle aber selbst schon von einem Cover-Klassiker angeregt – dort schwebt im Dunkel wie ein Raumschiff ein weißer Klavierflügel. Der Grafiker von 1942, Alex Steinweiss (1917–2011), galt als der Erfinder von Plattencovern überhaupt. Das war zu einer Zeit, als Plattenalben wirklich noch „Alben“ waren, nämlich Bündel von Schellacks. Allein das Fünfte Klavierkonzert von Beethoven – mit Rudolf Serkin am Piano, Bruno Walter am Pult der New Yorker Philharmoniker – verlangte hier nicht weniger als zehn Plattenseiten. Jeder der drei Sätze war auf mehrere Seiten verteilt. Übrigens: Warum Beethovens Londoner Verleger diesem Konzert den Namen „Emperor“ gab, wurde nie ganz geklärt. Von Beethoven kam die Idee sicherlich nicht. Denn der war auf Napoleon nicht mehr gut zu sprechen, seitdem sich der Franzose zum Kaiser gemacht hatte. Und außerdem war Wien gerade von Napoleons Truppen besetzt, als Beethoven das Konzert schrieb – der Komponist musste die Stadt verlassen, um dem ständigen Lärm zu entkommen. Vielleicht wollte sein Verleger ja einfach zum Ausdruck bringen, dass dieses fünfte der „Kaiser“ unter Beethovens Klavierkonzerten sei. Im Deutschen jedenfalls hat sich der Begriff „Kaiserkonzert“ nicht durchgesetzt.
The Dark Side Of The Moon, bekanntlich eines der meistverkauften Alben der Musikgeschichte, gilt als ein Konzeptalbum. Das inhaltliche Konzept allerdings ist – ähnlich wie beim Nachfolger Wish You Were Here – ein wenig schwammig. Es geht irgendwie um die Probleme des modernen Lebens – und ein wenig auch um das schlechte Gewissen der Band gegenüber ihrem ausgeschiedenen Mitglied Syd Barrett. Die Songs handeln von Flugstress („On The Run“), Termindruck („Time“), Geldgier („Money“), kriegerischen Konflikten („Us And Them“) und mentaler Instabilität („Brain Damage“). Im textlosen „The Great Gig In The Sky“ geht es angeblich um den Tod – nicht direkt ein modernes Thema.
Tatsächlich soll das ganze Album von diesem inhaltlichen Konzept ausgehend entwickelt worden sein – als eine Art „klingende Philosophie der modernen Welt“. Und die Geräuschregie war entsprechend ambitioniert: Herzschlag, Gesprächsfetzen, Gelächter, tickende und schrillende Uhren, Flughafen-Durchsagen, Münz- und Kassengeklingel – das schafft eine fast bedrängende Realität. (Der Herzschlag kam von der Bassdrum, die Gesprächsfetzen vom Personal des Aufnahmestudios.) Das alles ist technisch hochfein realisiert mit 16-Track-Maschine, EMS-Synthesizern, Halleffekten, rückwärts laufenden Bändern, Phasing und Flanging, vielen Crossfades und sogar Quadrofonie. Die beiden Instrumentals „Any Colour You Like“ und „On The Run“ (mit technizistisch eingesetzten Synthesizern) bilden musikalische Höhepunkte. Der Album-Hit „Money“ besticht mit einem Geräusch-Loop im 7/4-Takt und mit den besten Soli der Platte. Ein weiteres Highlight: Clare Torrys geniale Vokalimprovisation im „Great Gig“, wofür sie mit 30 Pfund abgespeist wurde. (Rund 30 Jahre später hat sie sich einen Anteil an den Songrechten erstritten. Well done.)
Interessanterweise assoziieren viele bei Dark Side Of The Moon auch Weltraum- und Science-Fiction-Themen. Das ist verständlich: der Mond im Titel, das futuristisch wirkende Prisma, der weltallschwarze Hintergrund. Außerdem hatten Pink Floyd ja dieses „spacige“ Image. Die späteren „Zitate“ des Prisma-Covers enthalten dann auch häufig Weltraum-Elemente: Sterne und Galaxien, eine Mondoberfläche, einen Astronauten. Doch die Wahrheit ist: Der Titel Dark Side Of The Moon dient bei Pink Floyd nur als Metapher. Der „Mond“ spielt hier auf die „lunatics“ an, die Mondsüchtigen, die Verrückten, die mental Verwirrten. Der ursprüngliche Untertitel des Albums lautete: „A Piece For Assorted Lunatics“. Nebenbei gesagt: Der Mond hat natürlich keine dunkle Seite. Die Nachtseite wandert ständig, genau wie bei der Erde. Dafür ist die erdabgewandte Seite des Mondes immer dieselbe. Sie besitzt deutlich mehr Einschlagskrater als die Seite, die von der Erde geschützt wird.
New York Philharmonic Orchestra: Emperor (Columbia, 1942)
Pink Floyd: The Dark Side Of The Moon (Harvest, 1973)




