Steve Reich und György Kurtág – Zeitgenossen der Extreme
90/100 – zwei Antipoden der Moderne feiern biblische Geburtstage.
Es ist ein seltener Moment der Musikgeschichte: Zwei Komponisten, die unterschiedlicher kaum sein könnten, erreichen voller Schaffenskraft in diesem Jahr ein Alter, das gemeinhin als biblisch bezeichnet wird. Steve Reich wird 90, György Kurtág 100. Zwei Lebenswerke, die fast ein Jahrhundert umfassen, stehen sich gegenüber wie zwei Pole der musikalischen Moderne – Expansion vs. Verdichtung, Puls vs. fragmentierte Stille, ekstatische Wiederholung vs. existenzielle Kürze.
Steve Reich, 1936 in New York geboren, entwickelte seit den 1960er Jahren eine Musik, die auf klaren Prozessen basiert. Zentral ist dabei das sogenannte Phasing, also minimale zeitliche Verschiebungen identischer musikalischer Muster, die neue rhythmische und klangliche Konstellationen erzeugen. Werke wie Piano Phase oder Drumming folgen keiner traditionellen abendländischen Dramaturgie, sondern entfalten sich als hörbarer rhythmischer Prozess, häufig angelehnt an afrikanische oder fernöstliche Aufführungstechniken. Ästhetisch bedeutet das eine Abkehr vom expressiven Einzelereignis hin zu einer Art tranceartiger Zeitgestaltung. Der Begriff Minimal Music wird häufig mit Steve Reich verbunden, trifft seine Musik aber nur eingeschränkt.
Das liegt daran, dass der Begriff eine bestimmte Ästhetik suggeriert, die Reichs Werk zwar teilweise beschreibt, aber nicht vollständig erfasst. Minimal Music steht zunächst für Reduktion: wenige Motive, klare Strukturen, kaum Entwicklung im traditionellen Sinn. Werke wie Clapping Music folgen diesem Prinzip durchaus. Gleichzeitig entstehen bei Reich jedoch durch Techniken wie Phasing hochkomplexe rhythmische Überlagerungen. Aus einfachen Mustern entwickelt sich eine dichte, sich ständig verändernde Klangstruktur. Die Musik ist also im Ergebnis oft alles andere als „minimal“. Charakteristisch ist zudem Reichs Umgang mit Puls und Harmonie. Anders als die europäische Avantgarde seiner Zeit, die häufig auf Atonalität und Komplexität setzte, bleibt Reichs Tonsprache oft konsonant und rhythmisch zugänglich. Die repetitive Struktur erzeugt dabei eine spezifische Form von Wahrnehmung, insofern keine Veränderungen innerhalb stabiler Muster das Werk ausmachen und die Form bestimmen. Diese Ästhetik hat sich auch auf Tonträgern früh etabliert – etwa in der prägenden Aufnahme von Music for 18 Musicians beim Label ECM Records (1978), die bis heute als Referenz gilt. Spätere Einspielungen bei Nonesuch Records dokumentieren Reichs kontinuierliche Weiterentwicklung, etwa mit City Life, wo Sprachaufnahmen, Großstadtgeräusche und instrumentaler Klang miteinander verschränkt werden. Bis zu seiner letzten Werkaufnahme Jacobs Ladder ist Steve Reich seit Jahrzehnten seinem Hauslabel Nonesuch treu geblieben, das sich dafür bereits im letzten Jahr mit einer umfassenden Werkretrospektive auf 26 CDs und einer DVD revanchiert hat.
György Kurtág hingegen verfolgt eine Ästhetik der radikalen Verdichtung. Die Musik des 1926 im rumänischen Lugoj geborenen Komponisten operiert oft an der Grenze des Verstummens. Einzelne Töne, Intervalle oder Gesten tragen ein enormes Ausdrucksgewicht, wobei Stille und Klang gleichwertig behandelt werden.
In den Kafka-Fragmenten etwa entstehen aus kurzen, oft aphoristischen Texten musikalische Miniaturen, die weniger erzählen als andeuten. Die formale Offenheit und das Fragmenthafte sind nicht als Unvollständigkeiten zu verstehen, vielmehr könnte man sagen, Kurtág komponiert nicht Entwicklungen, sondern quasi eingefrorene Zustände.
Ein zentraler ästhetischer Aspekt ist die Nähe zur Sprache. Kurtág versteht Musik häufig als Fortsetzung oder Spiegel sprachlicher Ausdrucksformen, allerdings nicht eloquent, sondern mit Brüchen und stetigem Zögern versehen. Gleichzeitig bleibt seine Tonsprache tief in der Tradition verankert, insbesondere in der Zweiten Wiener Schule und bei Anton Webern, dessen Konzentration auf das Wesentliche, aber auch dessen Bezug zur barocken Polyphonie für Kurtág prägend wurde. Auf Tonträgern zeigt sich diese Ästhetik besonders eindrücklich in den zahlreichen Einspielungen bei ECM, etwa in den Interpretationen von Játékok, wo die intime, fast private Dimension seiner Musik erhalten bleibt. Auch die Oper Fin de partie (2018), veröffentlicht unter anderem bei Scala Music, überträgt diese konzentrierte Ausdrucksweise in ein größeres Format, ohne die charakteristische Fragmentierung aufzugeben. Zum Jubiläum hat Bastille Musique erstmals das komplette Werk für Streichquartett gemeinsam mit dem ungarischen Quatuor Béla veröffentlich, da es eine tatsächliche Erstveröffentlichung enthält. Das Werk, vor rund 25 Jahren von Kurtág komponiert und erst kürzlich wiederentdeckt, trägt den Titel Colporteur und entfaltet Variationen über eine scheinbar vertraute Choralmelodie. Es ist eine Komposition, die auf kleinstem Raum die Quintessenz des Kurtág’schen Musikverständnisses zeigt. Atemberaubend, wie das ungarische Streichquartett auf dieser klanglich herausragenden CD die Stille Kurtags zum Funkeln bringt. Eine weitere herausragende Aufnahme zum Jubiläum ist die Kombination von Kurtág-Liedern mit Liedern von Franz Schubert, die der Bariton Benjamin Appl kongenial interpretiert. Das Besondere an dieser Aufnahme ist nicht so sehr das viertelstündige Interview mit dem Komponisten, sondern dass dieser bei einem Schubert- und einem zusätzlichen einzelnen Brahms-Lied den Klavierpart übernimmt (auch die Pianisten Pierre-Laurent Aimard und James Baillieu wirkten bei der Produktion mit).
Wer also die beiden Komponisten zu deren Jubiläum entweder neu kennenlernen oder sich nur auf den aktuellen discografischen Stand bringen möchte, der ist mit dem Box-Set bei Reich und den beiden Einzelveröffentlichungen bei Kurtág bestens bedient.
Steve Reich – Collected Works
Label: Nonesuch
Format: Box-Set mit 26 CDs + 1 DVD
György Kurtág – Sämtliche Streichquartette – Secreta
Quatuor Béla
Label: Bastille Musique
Format: CD, DL 24/48
Kurtág, Schubert – Lines of Life – György Kurtág & Franz Schubert (Lieder)
Benjamin Appl, György Kurtag u. a.
Label: Alpha
Format: CD, DL 24/96




