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Avantgarde Audiophil - Vinyl-Reissues der Deutschen Grammophon

Avantgarde Audiophil

Vinyl-Reissues der Deutschen Grammpohon

Avantgarde Audiophil

Die Deutsche Grammophon öffnet ihr avantgardistisches Archiv und schickt die Fundsachen zu einer spektakulären Bearbeitung in die Emil Berliner Studios.

Avantgarde Audiophil - Vinyl-Reissues der Deutschen Grammophon

Wir schreiben das Jahr 1968. Die Welt ist im Umbruch. Nicht nur politisch, sondern vor allem auch kulturell, auch wenn dies mitunter nicht klar zu trennen ist. Ein Umbruch, dem sich auch die großen klassischen Plattenfirmen mit ihrem bürgerlichen Kernrepertoire nicht entziehen können. Auch nicht die Deutsche Grammophon, Lordsiegelbewahrer klassisch-romantischer Ästhetik und Hausherr politisch belasteter Dirigenten wie Karl Böhm und Herbert von Karajan. Und so entstand die „Avantgarde“-Serie der Deutsche Grammophon, die zu einem Bruch mit dem etablierten Selbstverständnis des Labels führte. Während das Alltagsprogramm weiterhin auf das klassische Repertoire ausgerichtet war, öffnete sich das „Gelblabel“ mit dieser Edition einem Feld, das bis dahin kaum systematisch auf Tonträgern vertreten war: der radikalen Gegenwartsmusik.

Mit dieser programmatischen Erweiterung war die Deutsche Grammophon jedoch nicht allein. Auch andere große Labels reagierten auf die ästhetischen Verschiebungen der Zeit. Besonders hervorzuheben ist Philips Records, das mit der Reihe „Prospective 21e Siècle“ ein ähnlich ambitioniertes Projekt initiierte und sich ebenfalls der internationalen Avantgarde widmete. Insgesamt umfasste die Serie der DG rund 24 Langspielplatten, die später dann in vier Box-Sets zu jeweils sechs LPs organisiert waren. Ein wesentliches Merkmal der Reihe war die visuelle Gestaltung durch den Grafiker Holger Matthies. Seine klar strukturierten, typografisch reduzierten und farblich markanten Coverentwürfe verliehen der Serie ein konsistentes Erscheinungsbild und etablierten eine visuelle Identität, die eng mit dem Charakter der Musik verbunden war. Inhaltlich positionierte sich die „Avantgarde“-Serie bewusst zwischen allen Stühlen, bezog europäische, amerikanische und asiatische Avantgarde mit ein, repräsentierte unterschiedliche Strömungen, darunter postserielle Kompositionen, elektronische Musik, Tonbandproduktionen und auch Performance und Improvisation. Die Reihe dokumentierte damit ein enormes Spektrum kompositorischer Ansätze, und immer schwang für das bürgerliche Publikum die Frage mit: Ist das noch Musik?

Avantgarde Audiophil - Vinyl-Reissues der Deutschen Grammophon

2023 startete die Deutsche Grammophon ein Experiment und warf eine CD-Box mit allen Aufnahmen der Serie in limitierter Stückzahl auf den Markt, die tatsächlich innerhalb eines einzigen Monats ausverkauft war. Ein Erfolg, mit dem man beim Label kaum gerechnet hatte. Hinzu kommt, dass Anfragen nach Reissues aus den seligen Avantgarde-Zeiten gar nicht mal so selten vorgetragen werden, dass man – angeregt durch den Erfolg der „Original Source“-Veröffentlichungen – den Schritt gewagt hat, nun Richard Maillard und Sydney C. Meyer auch mit vinylen Reissues zu beauftragen. Schließlich stehen die alten LP-Ausgaben bei Musikfreunden hoch im Kurs – sowohl ideell als auch finanziell. Und soweit man die Zauberhändchen von Maillard und Meyer kennt, dürften die Neuausgaben die Originale klanglich in den Schatten stellen.

Avantgarde Audiophil - Vinyl-Reissues der Deutschen Grammophon

Das erste Bundle der Neuausgabe zeigt die gesamte Bandbreite der musikalischen Avantgarde zwischen 1968 und 1980, sowohl musikalisch als auch kulturell. So rückt Luc Ferrari mit Presque Rien No. 1 und Société II eine Arbeitsweise in den Fokus, die bewusst mit Umweltklängen und Alltagsgeräuschen operiert. Seine Kompositionen bewegen sich an der Schnittstelle zwischen dokumentarischem Klangmaterial und musikalischer Gestaltung und zeigen Schnittstellen mit experimentellen Hörspielen auf. Einen anderen Zugang verfolgt Mauricio Kagel in Acustica, wo instrumentale, performative und elektroakustische Elemente miteinander verschränkt werden. Hier wird nicht nur Klang erzeugt, sondern auch die Praxis des Aufführens selbst zum Gegenstand der Reflexion. Demgegenüber stehen die Werke von Tōru Takemitsu wie Quatrain oder A Flock Descends Into the Pentagonal Garden, die durch dichte orchestrale Klangflächen geprägt sind und zugleich Einflüsse japanischer Ästhetik integrieren. Takemitsu erweitert den westlich geprägten Avantgarde-Begriff um eine transkulturelle Perspektive, indem er unterschiedliche Klangtraditionen miteinander verbindet. Gleichzeitig schafft er aber eine geradezu cineastische Klangwelt, die den Zugang zu Neuer Musik stark erleichtert.

Avantgarde-Reissues der DG
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Editorisch bietet das erste Bundle gleich eine Überraschung, denn zwei der drei Veröffentlichungen entstammen solchen Produktionen Neuer Musik, die die DG auch neben der „Avantgarde“-Serie damals auch noch regelmäßig veröffentlich hat. Lediglich Luc Ferraris Werke entstammen der originalen Serie. Maurizio Kagels Acustika und Tōru Takemitsus schwebend-sphärische Orchesterkompositionen sind dagegen ganz „normal“ erschienen. In der gestalterischen Umsetzung orientiert sich die Reihe deutlich an den historischen Originalen: Cover, Rückseiten und Labels wurden weitgehend originalgetreu rekonstruiert, ebenso sind die damaligen Liner Notes erneut zugänglich gemacht worden. Gleichzeitig zeigt sich ein bewusster gestalterischer Eingriff, der an die prägnante Designphase der Jahre 1968 bis 1971 anknüpft. Jede LP wird durch ein übergroßes Obi ergänzt, das mit Anleihen aus der Op-Art einen eigenständigen visuellen Akzent setzt. Besonders zu erwähnen sind die zusätzlichen neuen Liner Notes. Diese editorische Ergänzung erscheint insofern konsequent, als die Musik zwar unter dem Label „zeitgenössisch“ firmiert, tatsächlich jedoch aus einer historischen Distanz von teils über fünf Jahrzehnten gehört wird. Vor diesem Hintergrund zielt die Edition darauf ab, neben der originalen Kontextualisierung auch eine heutige Perspektive anzubieten. Mit Bradford Bailey wurde dafür ein Autor gewonnen, der in der Szene als ausgewiesener Kenner gilt. Die Kombination aus klanglicher Restaurierung, aktualisierter Gestaltung und neuen Begleittexten führt dazu, dass die Aufnahmen sowohl als historische Dokumente als auch als gegenwärtig rezipierbare künstlerische Positionen zugänglich gemacht werden. Wer sich für „Musik zwischen den Welten“ interessiert, sollte hier unbedingt zuschlagen.

Avantgarde-Reissues

Mauricio Kagel – Acustica

Kölner Ensemble für Neue Musik, Mauricio Kagel
Label: Deutsche Grammophon
Format: 2 LPs

Tōru Takemitsu – Quatrain, A Flock Descends Into the Pentagonal Garden

Ensemble Tashi, Boston Symphony Orchestra, Seiji Ozawa
Label: Deutsche Grammophon
Format: LP (45 rpm)

Luc Ferrari – Presque Rien Nr.1, Societé II

Luc Ferrari, Ensemble Instrumental de Musique Contemporaine de Paris
Format: Deutsche Grammophon
Format: LP

www.deutschegrammophon.com

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