Analogtage 2025
Wie in den Ludwigsburger Bauer-Studios audiophile Jazz-LPs entstehen.
In den Ludwigsburger Bauer-Studios geht es zu wie in einem Taubenschlag: Die beiden Firmenchefs Michael Thumm und Bettina Bertók-Thumm pendeln zwischen der Begrüßung der Konzertgäste und der Betreuung der Künstler. An diesem frühherbstlichen Samstagabend entsteht die fünfte „Analogtage“-LP, initiiert vom Kölner Phono-Guru Norbert Lehmann, aufgenommen in den auf Jazz seit Jahrzehnten spezialisierten Bauer-Studios, idyllisch in einem Wohngebiet in der Ludwigsburger Peripherie gelegen.
Schlendert man vor dem Beginn der beiden live vor einem ausgesuchten Publikum mitgeschnittenen Konzerte durch das Studio, bleibt man unwillkürlich bei der Bildergalerie hängen, die den Flur ziert, der zum Aufnahmesaal führt. Ganz vorne bei den oft in schlichtem Schwarzweiß fotografisch festgehaltenen Jazzgrößen findet sich die Pianisten-Ikone Keith Jarrett, bei dessen legendärem „Köln Concert“ die Bauer-Studios schon vor Jahrzehnten die Finger im Spiel hatten.
Auch auf den anderen Bildern finden sich Große des Jazz wie der Saxofonist Charlie Mariano oder der Trompeter und Flügelhornist Till Brönner. Musiker, die sich und ihre Musik bei den Bauer-Studios in guten Händen wussten und wissen.
Denn hier steht guter Klang an allererster Stelle; das Team weiß, wie man jene Aufnahmequalität erreicht, die in den Rezensionen der Medien das Qualitätsprädikat „audiophil“ bekommt. Nicht aus Versehen setzt ein Verfechter des guten Klangs wie der Analog-Gralshüter Norbert Lehmann auf die Expertise, die das Ehepaar Thumm und seine Mitarbeitern tagtäglich in klingende Ergebnisse, gerne in LP-Form, umsetzen.
Analogtechnik hat hier einen zentralen Stellenwert. Selbst im Keller stolpert man über Aufnahme-Equipment aus der „guten alten Zeit“, als Profi-Bandmaschinen noch groß und massiv waren und Mischpulte wortwörtlich Tonnen wogen. Hat man einmal selber die Regler eines solchen „Trumms“ bewegt, weiß man, wie mechanische und elektrische Qualität buchstabiert werden.
Mit den Analogtagen, die Norbert Lehmann ein „Multi-Hybrid-Event“ nennt, weil einerseits Vorträge und auch das Konzert bei den Bauer-Studios gestreamt werden und andererseits einiges vor Publikum stattfindet, hat der Toningenieur und überzeugte Analogfan Lehmann 2020, mitten in der Pandemie, begonnen. Ein aus der Not geborenes Festival, das damals aufgrund der Abstandsregeln „auf Distanz“ stattfinden musste, von Lehmann im Alleingang mit den Bauer-Studios gestemmt wurde und im fünften Jahr mit diversen Mitwirkenden beziehungsweise Unterstützern aus der High-End-Branche längst zum Selbstläufer geworden ist.
Dass hier auch eine Live-Videoübertragung zum Konzept gehört, wird klar, wenn man die im Aufnahmeraum verteilten Profi-Videokameras betrachtet. Hier kommt 4K-Equipment von „Black Magic“ zum Einsatz, das beste Bildqualität garantiert. Für den guten Ton sorgt das routinierte Bauer-Team, dessen stärkstes Mitglied das akustisch exzellente Aufnahmestudio ist: ein Raum, nicht zu hallig, nicht zu trocken, der im besten Wortsinn durchhörbar ist. Die klangliche Klarheit geht nicht auf Kosten der Homogenität, diesen nachgerade perfekten Sound würde man sich in manchem Konzertsaal wünschen. Die Übertragung auf mittlerweile vier LPs gelang bruchlos: Besser kann es eigentlich nur vom Masterband tönen.
Und dieses ist bei den Bauer-Studios genau das: Ein Tonband, dessen Spulen auf einer zuverlässigen Studer A820 Studiobandmaschine rotieren. Was vielen Radioanstalten weltweit über viele Jahrzehnte hinweg recht war, ist den Bauer-Studios billig. Lange vor dem Siegeszug der Digitialtechnik waren solche Bandmaschinen für rauscharme Aufnahmen gut, die auch ohne Signalzerlegung in Nullen und Einsen keine Wünsche beim Klang offen ließen – im Gegenteil.
Die Auswahl der Künstler liegt bei Norbert Lehmann, der für das Analogtage-Konzert 2025 gleich zwei „Acts“ engagierte. Schon 2024 sei der Auftritt von Ella Burkhardt und ihrer Combo quasi ein Doppelkonzert gewesen, weil Ella ganz bewusst auch Songs in kleiner Besetzung einspielte, die in naher Zukunft auf einer gesonderten „Analogtage“-EP erscheinen sollen.

2025 tummelten sich in Ludwigsburg Musiker, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können: Eröffnet wird der gestreamte Konzertabend von Joerg „JP“ Weber, einem Jazzer aus Köln, der nach eigenem Bekunden „den Karneval liebt“ und während der närrischen Saison Tausende von Auftritten absolviert, manchmal fünf oder sechs an einem Abend. Mini-Konzerte, in denen das „kölsche Original“ mit Jazz und Blues im Blut, das auch schon mit Legenden wie B. B. King auf der Bühne stand, tatsächlich traditionelle Lieder des Kölner Karnevals singt. Allerdings zum Teil in eigenen Versionen, in denen Webers weiter musikalischer Horizont zum Tragen kommt.
In Ludwigsburg erzählt der Gitarrist und Sänger Geschichten, die zum Schmunzeln und bisweilen auch zu herzhaftem Gelächter anregen, lässt das Analogtage-Publikum mitsummen und mitsingen, nimmt die Menschen auf eine Reise ins Herz des Kölner Karnevals mit. Webers Gitarre wird bei den Bauer-Studios mit einem Royer Labs R-122 abgenommen. Das 2400-Euro-Bändchenmikro kann schnelle Impulse, wie sie gezupfte Gitarrensaiten erzeugen, quasi ohne Zeitversatz aufnehmen. Webers raue, manchmal knorrige Stimme wird einem Neumann KK205 überlassen. Der ist ein Kondensator-Kapselkopf mit Supernierencharakteristik, gedacht für Sennheiser Drahtlossysteme. Als Stereo-Hauptsystem kommt eine ORTF-Kombi aus zwei Schoeps Mk4 zum Einsatz. Das ist Technik, wie sie unter anderem auch beim „Bayerischen Rundfunk“ angewendet wird.
Mehr Aufwand muss bei der Sängerin Maya Fadeeva und ihrer Band getrieben werden. Die unkonventionelle Künstlerin stellt ihr Konzertprogramm live mehrfach um und ist von daher für das Aufnahmeteam nicht ganz einfach zu handeln.
Dazu kommt, dass sie aus Termingründen ein Ad-hoc-Sessiontrio für ihre Begleitung zusammenstellen musste. Lisa Wilhelm (Schlagzeug) und Moritz Langmaier (Piano) studierten an der HMDK Stuttgart und arbeiten in eigenen Formationen ebenso wie mit bekannten Ensembles. Moritz Holdenried vervollständigt am Kontrabass das Quartett. Und weil es im Vorfeld nur wenige Proben dieser Formation gab, bittet sich Maya für die Einspielung ihrer exaltierten Fusion-Nummern, die virtuos zwischen Jazz und Pop mit Reggae- und Blueseinflüssen pendeln, alternative Takes aus. Mal ist ihr das Zusammenspiel nicht flüssig genug, mal schleppt ihr die Rhythmusgruppe zu sehr, mal will die dezidierte Perfektionistin einfach mehr Tempo und mehr Druck.
Ihre exaltierten, mit ungemein flexiblem Mezzosopran über die Rampe gebrachten Fusion-Kantilenen singt Maya Fadeeva in ein Shure Beta 58. Der Flügel wird mit zwei Schoeps MK4 (besagtes ORTF-Array) und einem Neumann TLM 170 als Zentralmikro abgenommen. Für das Fender-Rhodes-Elektroklavier, mit dem Moritz Langmaier für wohl kalkulierte Nostalgie-Klangeffekte sorgt, ist ein weiteres Schoeps MK4 am Verstärker, einem Fender Twin Reverb, zuständig.
Moritz Holdenrieds Kontrabass wird so verlustarm und unverzerrt wie möglich abgenommen: Am Verstärker tut ein Neumann U47 seinen Dienst; über eine DI-Box („Direct Injection“) geht das Signal des Instruments direkt in das Mischpult – bei den Bauer-Studios ein AMS Neve VXS –, ohne dass ein Mikrofon benötigt wird. Holdenrieds Bass wird von einem Ampeg Portaflex B-15N „Flip Top“ verstärkt.
Richtig Aufwand getrieben wurde für Lisa Wilhelms „Schießbude“, von der die Drummerin aberwitzige Soli ins hitzige Fusion-Getümmel schickt: Jede Gruppe wird einzeln aufgenommen, wobei Spezialmikros von AKG Beyerdynamic, Royer und Audix ordentlich zu tun haben.
An den Mischpult-Reglern führt Stamm-Tonmeister Johannes Wohlleben Regie und fügt die vermeintlich disparaten Teile zu einem runden Mix für die Studer-Bandmaschine zusammen.
Zu den nächsten Analogtagen im Herbst 2026 wird das Ergebnis vorliegen: zwei LPs mit den Auftritten von Weber und Fadeeva, an denen nicht nur Jazzfans viel Spaß haben dürften. Gepresst werden die Platten übrigens nicht mehr auf Vinyl, sondern auf sehr knister- und rauscharmen PET. „Das klingt wie CD – nur besser“, meint Michael Thumm und grinst dazu wissend.
































