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Rolf Kühn & Tri-O - Rollercoaster

Rolf Kühn & Tri-O – Rollercoaster

Die heimlichen Meisterwerke des Jazz, 2008

Rolf Kühn & Tri-O – Rollercoaster

Jazz ist unübersichtliches Gelände – leicht kann man da Bedeutendes übersehen. Hans-Jürgen Schaal präsentiert unbesungene Höhepunkte der Jazzgeschichte.

Schon 1948 hatte er einen kleinen Radiohit mit „Rolly’s Bebop“. Später ging Rolf Kühn für fünf Jahre in die USA, arbeitete dort mit Benny Goodman, John Coltrane, Toshiko Akiyoshi. Er machte das erste Freejazz-Album der DDR (1964) und das einzige Album eines deutschen Musikers auf dem Coltrane-Stammlabel Impulse (1967). Danach leitete er auch diverse Bigbands und Orchester, schrieb Film-, TV- und Theatermusik. Über Jahrzehnte hinweg war Rolf Kühn der profilierteste deutsche Jazzmusiker neben Albert Mangelsdorff und Klaus Doldinger. Vor allem aber war er ein Revolutionär seines Instruments, der Klarinette. Erst 1945 hatte er für sich den Swingkönig Benny Goodman entdeckt – und 1948 bereits den modernen Klarinettisten Buddy De Franco. Und danach ging Rolf Kühn seine ganz eigenen Wege am Instrument. Der amerikanische Kritiker John Hammond nannte ihn schon 1957 den größten Jazzklarinettisten seit Goodman. Rolf Kühn führte das „Oldtime-Instrument“ durch Freejazz und Fusion und Jazzrock – an Orte, wo die Klarinette nie zuvor gewesen war.

Selbst mit fast 80 Jahren hatte Rolf Kühn vom Abenteuer nicht genug. Im Gegenteil: Er gründete damals in Berlin ein neues Quartett zusammen mit viel jüngeren (bis zu 55 Jahren jüngeren!) Musikern und machte diese Band zu seiner „Working Group“. Rollercoaster war das erste Album und daher das verblüffendste, wichtigste Statement.

Rolf Kühn & Tri-O - Rollercoaster

Der Kritiker Thomas Fitterling beschrieb die Musik als „künstlerisch aufregend im aktuellen Sinn“. Kühns junges Quartett verbindet die Tradition von Bebop und freier Form mit einer ganz gegenwärtigen, kompakten Ästhetik. In diesen neun Stücken gibt es keine Längen und keine unkonzentrierten Momente. Ein Kammerjazz, in dem sich ganze Jazz-Jahrzehnte auf eine luftige Weise ballen.

Die schlanke, klavierlose Besetzung – nur Klarinette, E-Gitarre, Bass, Schlagzeug – scheint bei den Combos von Buddy De Franco und Jimmy Giuffre anzusetzen. Mehrere Stücke („Rollercoaster“, „Going Places“, „Let’s Be Friends“) sind im Grunde Bebopnummern, tonal gelockert. Meistens aber wird der modern swingende Impuls gebrochen und erweitert durch Tempowechsel, freie Time, mehrteilige Themen, bluesige Grooves oder visionäre Linien. „Changing The Umbrella“ (von Rolfs Bruder Joachim Kühn) ist eine Art Jazzsuite, in der verschiedene Figuren, Tempi, Rhythmen und Improvisationsansätze sich abwechseln. Auch „Canaveral“ (von Ronny Graupe, dem Gitarristen der Band) verbindet schnelle und langsame Motive, straighte und abstrakte Soli. Bert Noglik spricht von „Gratwanderungen zwischen (erweiterter) Tonalität und Atonalität, mit wechselnden Tempi und Verlaufsformen“. „Die Binnenstrukturen der Stücke“, schreibt er, „erweisen sich als hochkomplex.“

Doch wie selbstverständlich wirken hier die Brückenschläge zwischen swingender Klarinette, Ornette-Coleman-Feeling und Bartók-Akkorden. Ronny Graupes Gitarre greift traditionelle Spieltechniken auf und überführt sie geschmackvoll in experimentelle Klangwelten. Auch Christian Lillingers Schlagzeug weiß swingende Rhythmen mit hochaktuellen „Nanopartikeln des Klangs“ (Maxi Sickert) zu verbinden. Die wenigen Passagen, die frei und ohne Time improvisiert sind, fesseln durch die logische Entwicklung bei allen vier Instrumenten. Das Sensationellste allerdings ist Rolf Kühns Klarinette. Selbst bei hohem Tempo lässt Kühn ganz verschiedene Ausdrucksmittel in seine Improvisation einfließen – natürlich und mühelos. Dabei bleibt sein Spiel in jeder Nuance immer klar, deutlich, rund und dynamisch. „Ich wollte immer den großen, kraftvollen Ton haben“, sagte Kühn einmal. So wach, kompetent und zukunftsträchtig wie hier hat eine Klarinette selten geklungen.

Hier finden Sie das Album Rollercoaster auf Bandcamp.

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