Dominik Eulberg – Lepidoptera
Sanfte, hoch tönende Synthesizerklänge wehen aus den Boxen. Dazu ein kleiner, zarter Percussionbeat. Als habe ein Metronom nach all den Jahren des Taktgebens bei Klavierstücken wie Für Elise & Co. Autonomität und Freestyle entdeckt und bewege sich nun bewusst ein wenig abseits der konservativen Klack-klack-klack-Pfade.
Die Soundspur des Synthesizers wandelt sich jetzt. Zum pointierten Pianosound kommen satter klingende Töne. Dazu gesellt sich eine sphärisch programmierte Basslinie. Und zu guter Letzt ein ungewöhnlicher Sound, der an das Geräusch eines Tischtennisballes erinnert, der auf gummiertem Schläger auf und ab hüpft und ein kehlig klingendes Echo erzeugt. All das flattert in präziser Formation durch den Raum. Wenn Ohren sehen könnten, dann wäre das sehr schön anzuschauen.
In diesem ersten Stück des Albums Lepidoptera (2025) des DJs und studierten Ökologen Dominik Eulberg entfaltet sich die große Kunst des Soundmeisters in einer fünfminütigen Musikminiatur. „Kleines Nachtpfauenauge“ heißt diese kleine Biologie-Lektion. Zwölf Tracks sind es insgesamt. Ein jeder widmet sich einer Schmetterlingsart – Lepidoptera ist der wissenschaftliche Ordnungsname für Schmetterlinge. In melodiösen Minimal-Techno-Arrangements mit feiner Deep-House-Note wird das Verhalten, werden flatterhafte Flugmuster und wird die Metamorphose der Tiere von Ei zu Raupe zu Puppe zu Imago in Klänge übersetzt.
Ich war mit dem Werk von Dominik Eulberg bisher nicht vertraut. Wie man liest, war er früher groß in Rave-Kreisen unterwegs, bespielte die Techno-Festivals und Nachtclubs – bis er sich eine mehrjährige Auszeit nahm und sich in den Westerwald zurückzog. Dort vollzog der DJ mit Lepidoptera-Leidenschaft selbst eine Metamorphose: Vom Erfolgs-DJ zum Ökologen mit Fokus auf Naturschutz. Jetzt tüftelte er eher sperrige, schwerer zugängliche Klangkaskaden zusammen und veröffentlichte Alben für, wie ein Kollege schrieb, „Techno-Nerds“. Irgendwann begann Eulberg, Naturphänomene in Musik zu übersetzen. Heute hält er Biodiversitätsvorträge mit Musikbegleitung zum Beispiel an Waldorfschulen – und legt wieder in großen Clubs auf. Das siebte Album Lepidoptera zum Beispiel ist überhaupt nicht „Techno-nerdig“, sondern sehr zugänglich und sehr gut produziert.
Und gut vorbereitet: Dominik Eulberg züchtete dafür in seinem Garten Tages- und Nachtfalter, studierte deren Lebensweise und widmete 12 Schmetterlingsarten von insgesamt 3700 in Deutschland vorkommenden Arten je einen Techno-Track. Ambient-Sounds mischen sich mit orchestraler Wucht. Pulsierende Rhythmen geben den Takt des Lebens wieder, Synthesizer-Sounds das flatterhafte Wesen der Tiere. Da ist zum Beispiel die achtminütige Hommage an den Nachtfalter „Brauner Bär“: Tiefe Basstöne brummen in einem dezenten Offbeat, während psychedelische Klangnebel wabern und aus Synthie-Schleiern heraus eine klare Melodie zu fliegen beginnt. Oder „Roter Apollo“, der vom Aussterben bedrohte Schmetterling, dem hier eine filmmusikreife Melodie gewidmet ist, die von einer dominanten Basslinie vorangetrieben wird. Oder Tracks wie „Mittlerer Weinschwärmer“ und „Stachelbeerspanner“, zu deren Klangwucht sich vortrefflich tanzen lässt.
Warum er ausgerechnet Schmetterlingen eine Stimme gibt? Der Künstler hat das Wort: „Musik ist ein niederschwelliges und lustvolles Werkzeug zur Sensibilisierung, um wissenschaftliche Fakten emotional zu verknüpfen. Wissenschaft liefert die Fakten, aber sie erreicht oft nur den Verstand. Emotionen hingegen berühren die Seele. Sie wecken Neugier, Begeisterung und Mitgefühl – die wahren Motoren für Veränderung. Bei der überbordenden Formen- und Farbenvielfalt der Schmetterlinge zeigt sich die Schönheit der Künstlerin Natur besonders prachtvoll.“



