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Longtrack: Supertramp - Try Again

Supertramp – Try Again

Longtrack, 1970

Supertramp – Try Again

Zum Progrock gehören Tempowechsel, Klassik- und Jazzanklänge, umfangreiche Instrumentalteile und überraschende Instrumente. Weil das alles zusammen kaum in einen Drei-Minuten-Song passt, gibt es den Longtrack.

Alles begann 1969 mit einem Millionär aus den Niederlanden. Dieser „Sam“ Miesegaes war so begeistert vom Können des englischen Keyboarders Rick Davies, dass er bereit war, ihm eine Plattenproduktion zu finanzieren. Davies beschloss daher, eine Band zu gründen, schaltete eine Anzeige und ließ interessierte Musiker vorspielen. Als Gitarristen wählte er einen gewissen Roger Hodgson – der war erst 19. Als dann aber Richard Palmer vorspielte, bekam der den Gitarristenjob, und Hodgson musste zum Bass wechseln. Das erste Probekonzert spielte die Band in München – da hieß sie noch „Daddy“. Es war Richard Palmer, der schließlich den Namen „Supertramp“ vorschlug. Palmer schrieb auch alle Songtexte für die Band. Später wurde er – nun als Richard Palmer-James – der Texter der Band King Crimson.

Kurioserweise war es das Debütalbum von King Crimson gewesen, das die Supertramp-Musiker anfangs inspiriert hat. Denn wer 1970 eine Rockband gründete, wollte progressiv spielen. Die erste Platte von Supertramp erschien im Sommer 1970 und passte bestens zum progressiven Trend. Natürlich hatte das Album auch einen Longtrack, das zwölfminütige „Try Again“. Das Stück beginnt ganz leise mit „psychedelischen“ Sounds, aus denen sich ein Thema formt, gespielt vom Flageolet (Hodgson) und der Orgel (Davies) – das Thema wird dann auch zur Melodie der Gesangsstrophen.

Longtrack: Supertramp - Try Again

Hodgson und Palmer singen sie zusammen, den Refrain („Try again, she replied to some story I told“) übernimmt Hodgson allein. Ein kurzes Bandmotiv folgt (hier wird’s laut), dann ein kleines Zwischenspiel mit sanften Orgeltönen und einer leise improvisierenden Gitarre. Danach eine zweite Strophe, wieder der Refrain, das laute Bandmotiv.

Bei 3:00 hören wir Schreie aus der Gitarre, dann spielen E-Piano und Orgel im Wechsel. Allmählich tastet sich Palmer, der Gitarrist, in sein großes Solo hinein, erst sanft, dann immer, immer lauter werdend. Es ist ein spezielles Gitarrensolo, weitgehend vorkonzipiert, ein wenig bluesig und orientalisierend, auch mit einem Bach-Zitat darin. Bei 6:20 explodiert das Tempo, eine zweite Gitarre rifft nun hinterm Solisten – es ist der Höhepunkt des Stücks. Erst bei 7:10 fällt die Band ins alte Tempo zurück, das Gitarrensolo ist zu Ende. Nun wird es wieder leiser, wir hören Orgel und Schlagzeug, das Flageolet kommt wieder mit dem Ausgangsthema, auf das nun direkt der Refraingesang von Hodgson antwortet. Dann das Bandmotiv, plötzlicher Schluss. – Denkste: Im progressiven Rock gibt es meistens ein Nachspiel. Es beginnt bei 8:30 wieder ganz leise und „psychedelisch“, dann nimmt die Band noch mal Fahrt auf, noch einmal hören wir den gesungenen Refrain, und ein Coda-Motiv macht den Schluss. Jetzt wirklich.

„Try Again“ hat alles, was ein Kult-Longsong 1970 brauchte. Etwas Psychedelik, ein langes Solo mit starkem Flow und großem Crescendo, eine schummrige Orgel, heftige Leise/laut-Kontraste, viel Abwechslung und sogar ein ungewohntes Instrument (ein Flageolet). „Try Again“ war „der Höhepunkt unserer Auftritte“, erinnert sich Palmer-James. Doch trotz sehr guter Kritiken und trotz der 70 Konzerte zwischen Juni und Dezember 1970 floppte das Album. Palmer-James warf an Weihnachten hin. Am meisten bewundere er das Durchhaltevermögen von Davies und Hodgson, sagte er häufig. Die machten „Try Again“ quasi zu ihrem Motto. Fünf Jahre sollte es dauern bis zu Supertramps Durchbruch. Fünf Jahre bis zu Songs wie „Dreamer“, „School“ und „Bloody Well Right“.

Hier finden Sie das Album Supertramp auf discogs.com.

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