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Heimliche Meisterwerke des Jazz: Pachora - Ást

Pachora – Ást

Die heimlichen Meisterwerke des Jazz, 1999

Pachora – Ást

Jazz ist unübersichtliches Gelände – leicht kann man da Bedeutendes übersehen. Hans-Jürgen Schaal präsentiert unbesungene Höhepunkte der Jazzgeschichte.

In den 1990er Jahren schaute die Welt zum Balkan. Zehn Jahre lang war Krieg in Kroatien, in Bosnien, im Kosovo. Die Amerikaner intervenierten militärisch, starteten Luftbrücken, sandten Friedenstruppen. Genau zur gleichen Zeit eroberten die musikalischen Sounds der Balkan-Brassbands die internationalen Konzertbühnen und Party-Discos. Die Filme von Emir Kusturica, die Filmmusik von Goran Bregovic, die Turbobläser der Fanfare Ciocarlia, der Bukovina Club von DJ Shantel, der Gypsy-Funk überhitzter Blaskapellen fluteten die Musikkanäle. „Der Klang unserer Trompeten ist alles, was wir haben“, sagen die Roma vom Balkan. „Wer sagt, dass unsere Vettern einstmals nicht mithalfen, den Jazz zu erfinden?“

An der internationalen Jazzwelt der 1990er Jahre jedenfalls ging der Balkan-Trend nicht spurlos vorüber. Auch der Amerikaner Chris Speed fand damals zu den Roma-Sounds vom Balkan. Speed spielt Jazzsaxofon, ist aber ursprünglich Klarinettist. Auf der Suche nach neuen Herausforderungen für seine Klarinette landete er bei der Musik Südosteuropas – vor allem bei den Turbo-Klarinettisten, die die Tanz- und Hochzeitsstücke auf dem Balkan dominieren, etwa in Bulgarien und Nordmazedonien. Speed begeisterte sich für diese rasanten Tempi, die ungeraden Rhythmen, die eigenwilligen Tonarten. Und mit seiner Begeisterung steckte er seine Musikerkollegen an. Den Gitarristen Brad Shepik zum Beispiel, einen Jugendfreund aus Seattle, der ohnehin schon exotische Saiteninstrumente wie die türkische Saz erkundete. Speed und Shepik stürzten sich zusammen mit Jim Black (Schlagzeug) und Skúli Sverrisson (Bass) in das Abenteuer Balkan-Jazz. Alle vier Musiker hatten vorher schon in anderen Formationen zu zweit oder zu dritt zusammen gespielt. Ihre neue Band nannten sie Pachora.

Zunächst studierte man authentische Aufnahmen aus Bulgarien, Griechenland, der Türkei. „Wow, das ist wie Jazz!“, war Jim Blacks erste Reaktion damals. „Diese Aufnahmen erinnerten an das, was wir im Jazz selber machten, aber die Rhythmen klangen alle verkehrt. Diese bulgarischen Rhythmen haben enorm viel Groove und Bewegung – eine andere Art, die Zeit zu empfinden. Ich begriff auch die Melodien zunächst nicht, den harmonischen Fortgang, aber diese Musiker spielten Head, großes Solo, Head. Es war also sehr vertraut und zugleich doch sehr fremd. Wir bemühten uns dann um ein tieferes Verständnis dieser Musik: des Rhythmus, des Feelings, der Vibes. Und anstatt die bulgarischen Standards schlecht und recht nachzuspielen, begannen wir, unsere eigene Musik nach diesen Prinzipien zu schreiben.“ Drei Alben haben Pachora zunächst rasch hintereinander veröffentlicht (1997, 1998, 1999). Anfangs bearbeiteten sie noch bulgarische Traditionals. Aber dann taten sie immer häufiger, was Jazzmusiker eben so tun: Sie machten sich die Musik zu eigen, entwickelten aus dem fremden Idiom ihre eigene Sprache, ihre eigenen Spiel- und Ausdrucksweisen. Für Chris Speed war die Musik von Pachora „ein von osteuropäischen Roma beeinflusster moderner Jazz aus Downtown New York“. Ekstatisch, komplex, schwindelerregend.

Ást („Liebe“) heißt das dritte Album und war ein weiterer großer Schritt vorwärts. Alle vier Musiker trugen nun Stücke im gemeinsamen Pachora-Stil bei.

Heimliche Meisterwerke des Jazz: Pachora - Ást

Die Themen wurden abstrakter, die Stilistiken vielfältiger, die Improvisationsformen und Stimmungen eigenwilliger, die Tonarten unberechenbar. Brad Shepik lässt die Gitarre ruhen und spielt nur noch Saz und Tambur. Jim Black hat sein Drumset ohnehin auf Snare und Bassdrum reduziert, spielt außerdem Bechertrommel (Dumbek) und kleine Percussion. Tempo und Virtuosität in den schnellen Stücken stellen jeden Bebop in den Schatten. „Die Zählzeit ist immer noch ungerade, aber das Feeling inzwischen sehr vertraut“, sagte Jim Black. Der Band gelingt es auf Ást sogar, einen David-Bowie-Song in ihren Pachora-Stil zu übersetzen.

pachora.bandcamp.com

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