Zwischen Studio und Sofa
Test: Fostex T60RPmk2ai
Vor mehr als 50 Jahren baute der japanische Studiohersteller Fostex seinen ersten Kopfhörer, den T50. Zum Einsatz kam die erste Generation der „Regular Phase“-Technologie, eine Eigenentwicklung der Japaner. Konkret handelte es sich schon damals um einen planarmagnetischen Treiber mit Leiterbahnen auf der gesamten Membran. Der aktuelle T60RPmk2ai baut auf dieser mehr als fünf Jahrzehnte gewachsenen Erfahrung auf und kommt mit ein paar Extras im Vergleich zur Standardvariante.
Insgesamt gehören drei Kopfhörermodelle mit ähnlichen Genen zur T60-Reihe. Die geschlossene oder halboffene Variante T60RPmk2 (Made in China) sowie die vorliegende Topversion des Kopfhörers mit dem Zusatz „ai“ (Made in Japan). Sie bringt technisch eine bessere Innenverkabelung sowie hochwertigere Ohrpolster im Vergleich zu den Standardmodellen mit sich. Auch die Ohrmuscheln aus Massivholz sind durch eine Bearbeitung nochmals deutlich aufgewertet. Die aus Ahorn gefertigten Gehäuse werden beim „ai“-Modell in Handarbeit gefärbt, und zwar mit Indigo.
ai = Indogo
Sollten Sie des Japanischen mächtig sein, erklärt sich das für Europäer kryptische Namenskürzel von selbst. Das japanische Wort „ai“ steht nämlich für Indigo, so einfach ist das. Diese manuelle Kunst der Indigofärbung wird in der Präfektur Tokushima tatsächlich schon seit Jahrhunderten in traditionellen Handwerksbetrieben durchgeführt. Die nachhaltig angebauten Indigopflanzen werden zu natürlicher Farbe verarbeitet und in zwei Schichten auf das Hartholzgehäuse des Fostex aufgetragen – einer der Hauptgründe für den deutlich höheren Preis, zu dem mit gleichen Treibern bestückten Standardmodell. Trotzdem befinden wir uns nach wie vor in einem für heutige Kopfhörer überschaubaren aber auch stark umkämpften Preisbereich.
Der T60RPmk2ai zeigt vom ersten Ton an, dass er es gewohnt ist, den eingehenden Signalen sauber und verzerrungsfrei zu folgen. Ich habe ihn sowohl im Studio als auch an der normalen HiFi-Anlage an unterschiedlichen Kopfhörerverstärkern betrieben. Die sollten eine gewisse Grundqualität mitbringen und auch ein wenig Leistung. Empfehlenswert sind hier in etwa 150 Milliwatt pro Kanal. Die Impedanz ist im Vergleich zur Vorgängerversion auf 28 Ohm abgesenkt worden. Die Ausgangsimpedanz des Verstärkers sollte daher möglichst gering sein. Konkret heißt das: Für kleine Taschenverstärker oder Smartphone-Buchsen ist der T60RPmk2ai nicht gedacht. Sein Platz ist im Studio oder auf dem Sofa.
Bequemer Zeitgenosse
Der knapp 400 Gramm wiegende Kopfhörer trägt sich durchaus angenehm, der Anpressdruck der Ohrpolster ist gut und die stabile Kopfbügelkonstruktion verteilt das Gewicht gleichmäßig. Nach sehr langen Hörsitzungen wird es allerdings schon mal etwas wärmer an den Ohren, wenn ich es mit offen konstruierten Mitbewerbern vergleiche.
Klanglich gibt sich der Japaner schnell, impulsstark und ausgewogen. Ich lasse gerade die aktuell und laut gemasterte neue Platte der britischen Sängerin Melanie C laufen. Stampfende Bässe, flirrende Synthesizer-Elemente mit genügend Höhenanteilen und Melanie Chisholms satt aber nicht übermäßig komprimierte Stimme sind gut hör- und differenzierbar. Die Frequenzbereiche sind gleichwertig in der Wiedergabe, die Impulstreue des Fostex ist klasse und holt auch aus dieser professionell kommerziellen Produktion viel Emotion und tanzbaren Druck. Der Bass ist sauber.
Im Track „Attitude“ hat die Studiocrew zwischenzeitlich mal den Bass ausgedünnt, um das Arrangement dynamischer zu gestalten, das zeigt mir der T60RPmk2ai in allen Einzelheiten, ohne die eine oder andere Passage zu betonen. Alles hat seinen Platz und fügt sich stimmig zu einer Einheit. Gerade bei aktueller Musik ist das nicht immer selbstverständlich. Interessant ist aus meiner Sicht dabei, dass der Fostex nicht versucht, sich über eine leichte Präsenzsenke oder Loudness-Kurve anzubiedern. Während andere Kopfhörer genau das versuchen und vielleicht ein bisschen mehr „Wolke“ zaubern, bleibt der Fostex eine ehrliche Haut und ist aus meiner Sicht auch als Studio-Kopfhörer eine absolute Empfehlung.
Der T60RPmk2ai mach gute Laune
Egal ob ich damit nun unseren FIDELITY-Podcast abmische oder eine Musikproduktion auf den Ohren habe – der Fostex arbeitet sauber, exakt und macht dabei sogar viel Spaß. Ein Beispiel: Wenn Sie mal wieder so eine richtig knackige Trevor-Horn-Bassdrum hören wollen, dann schiebt sie der Fostex mit schneller Ansprache und vollem Volumen in den Gehörgang. „Slave To The Rhythm“ von Grace Jones macht da sehr viel Laune! Gleichzeitig wird klar, um wieviel mehr als damals aktuelle Produktionen wie Melanie C laut gemacht werden. Der T60RPmk2ai zeigt also direkt, wie gut die von Ihnen gewählte Aufnahme ist! Das schätze ich an einem Kopfhörer, der für mich auch immer ein Stück weit Arbeitsgerät ist.
Das hervorragend klingende, ebenfalls recht laut gemasterte neue Tori-Amos-Album In Times Of Dragons ist ein Genuss über den japanischen Kopfhörer. Die tiefgehende Rhythmusarbeit von Matt Chamberlain und Jon Evans kommt sich dabei mit den sphärischen Gitarren von Mark Hawley und Toris angenehm gereifter Stimme nicht in die Quere. Ich höre die Position der Instrumente im Stereofeld, so wie sie mutmaßlich im Studio gedacht war. Bei meinen ebenfalls planarmagnetisch arbeitenden Vergleichshörern wirkt manches diffuser, weniger akzentuiert.
Kennen Sie „planarmagnetisch“?
In der vierten Inkarnation des RP-Treibers haben die Fostex-Entwickler beim T60 die Anzahl der Neodym-Magnete rund um die Membran erhöht und das auf die Polyamid-Membranfolie aufgedruckte Leiterbahnmuster verändert. Genauer gesagt sind die Magnete zu beiden Seiten der Membran angeordnet. Beim Fostex kann man die Halterung der Magnete durch die Schutzbespannung im Zentrum der Ohrmuschel sehen.

Im Vergleich zu einem dynamischen Treiber mit Schwingspule an der Membran wird beim planarmagnetischen oder auch orthodynamisch genannten Prinzip die gesamte Oberfläche der Membran gleichphasig angetrieben, das erklärt auch das RP im Namen, das ja für „Regular Phase“ steht. Die ai-Variante kommt zusätzlich zu den Standardmodellen mit hochreiner 7N-OFC-Kupferverkabelung. Die beiliegende unsymmetrische Kabelzuführung wird an jeder Kopfhörerseite mit einem (nicht verriegelbaren) 3,5-Millimeter-Klinkenstecker in den Fostex gesteckt. Das OFC-Kabel ist insgesamt zwei Meter lang. Optional ist ein symmetrisches 4,4-Millimete-Kabel erhältlich.
Halboffene Konstruktion
Das Massivholzgehäuse hat oberhalb der Anbindung des Kopfbügels zwei Schlitze als akustische Ports. Diese halboffene Konstruktion führt zu einem gesunden Kompromiss zwischen Isolation und Offenheit. In der direkten Umgebung ist der Fostex so weit weniger zu hören als offene Konstruktionen. Auch das nur für diese Variante standardmäßig verbaute, hochwertige „Ultrasuede“-Ohrpolster gehört zur klanglichen Abstimmung. Aus meiner Testerfahrung ist das Tragen einer Brille mit diesen Polstern übrigens problemlos möglich.
Elgars Cellokonzert in e-Moll Opus 85 klingt in der Einspielung des jungen Cellisten Sheku Kanneh-Manson mit dem London Symphony Orchestra organisch, mit realistischem Raumanteil und feiner Ausarbeitung der unterschiedlichen Obertöne der Instrumentengruppen und des großen Soloinstruments. Das steht transparent vor dem Orchesterkorpus, der die akzentuierte Spielweise Kanneh-Mansons in ein moderat elaboriertes Klangbett einwebt. Diese vielleicht zunächst übertrieben wirkende Beschreibung meines Klangeindrucks ist aber eben nur dank der ausgewogenen und im Tieftonbereich außerordentlich sauber und druckvoll agierenden Wiedergabe des Fostex möglich.
Planarmagnetisch bedeutet Verzerrungsarmut
Das ist durchaus dem planarmagnetischen Prinzip geschuldet, das von Hause aus im Tieftonbereich geringere Verzerrungen durch die gleichmäßigere „Kraftverteilung“ auf der Membran punkten kann. Auch die Transienten profitieren von diesem Konstruktionsprinzip, das der japanische Hersteller seit nunmehr über 50 Jahren einsetzt und ständig weiterentwickelt. Und das Gespür für die Verbindung von Details, die schnelle Ansprache und die gleichwertige Bearbeitung des gesamten Frequenzbereichs macht den Fostex T60RPmk2ai zu einem doppelten Gewinner: für Studio und Sofa!
Technische Daten
Kopfhörer Fostex T60RPmk2ai
Konzept: planarmagnetischer, halboffener Kopfhörer mit in Handarbeit veredelten Ohrmuscheln und hochwertiger Verkabelung
Frequenzgang: 10 bis 40 000 Hz
Impedanz: 28 Ω
Belastbarkeit: 3000 mW
Eingangsempfindlichkeit: 96 dB/mW
Anschluss (analog): steckbares Kopfhörerkabel aus hochreinem Kupfer (Länge 2 m), 3,5-mm-Klinkeneingang je Seite (nicht verriegelbar), symmetrische Kabel optional erhältlich
Besonderheiten: Indigofärbung des Massivholzgehäuses von Hand, 4. Generation des RP-Treibers von Fostex
Ausführung: Holzschalen, Indigo
Gewicht: 398 g (ohne Kabel)
Garantie: 2 Jahre
Preis: um 1300 €
Kontakt
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